Tagebuch-Skandal: Wie Reporter Gerd Heidemann immer tiefer im Nazi-Sumpf versank

Er war einmal der Spürhund ...

Der Skandal um die Hitler-Tagebücher (Teil 3). Nach dem Erwerb der "Carin II" lernt Gerd Heidemann einen schwäbischen Industriellen kennen, der Hitler-Devotionalien sammelt - und bald auch Konrad "Fischer" (Kujau). Jetzt dauert es nicht mehr lange, bis Heidemann auch in die Existenz der angeblichen Hitler-Tagebücher eingeweiht wird.

Hamburg. Gerd Heidemann wird am 4. Dezember 1931 im damals preußischem Altona geboren. Gemeinsam mit drei Geschwistern wächst er bei Mutter und Stiefvater auf. Der kleine Junge ist häufig krank und wird deshalb erst im Alter von sieben Jahren eingeschult. Er träumt davon, Kameramann zu werden - und hat Glück: Er kann eine Fotografen-Lehre beim damaligen Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) beginnen. Er besucht die Berufsschule für Fotografie und wechselt zu einer Bildagentur. Im September 1955 wird Heidemann "fester freier Mitarbeiter" beim "Stern", er fotografiert und arbeitet als Laborant. Am 1. Januar 1960 wird er fest angestellt.

Sein erster großer Erfolg ist die Serie "Deutschland, deine Sternchen", die er gemeinsam mit dem Autor Will Tremper veröffentlicht und in der alle Film- und Schlagerstars der 50er-Jahre gefeiert werden. Ein ähnliches Großprojekt beginnt Heidemann 1962. Er bekommt von Henri Nannen den Auftrag herauszufinden, wer den Bestseller "Das Totenschiff" geschrieben hat. Es ist allgemein bekannt, dass sich der wahre Autor hinter dem Pseudonym "B.Traven" versteckt. Auch als Kriegsberichterstatter macht er sich einen Namen. Heidemann ist kein Haudegen. Eher zurückhaltend, leise, freundlich und vorsichtig entspricht er so gar nicht dem Klischeebild vom eiskalten Krisen-Reporter. Er spielt in allen Lebenslagen Schach. Bei 13 Kriegen ist er mit der Kamera dabei.

Mit der jüngsten deutschen Vergangenheit, mit Hitler und seinem mörderischen Regime, hat er sich nur gelegentlich beschäftigt. Das ändert sich, als ihm 1972 ein Kollege von einem ganz besonderen Schiff erzählt. Ein Schnäppchen, mit dem sich viel Geld machen lasse. Es ist die 28 Meter lange Motoryacht "Carin II" von Hermann Göring, Hitlers Intimus und Reichsluftmarschall im Dritten Reich. Doch nachdem er das Schiff besichtigt und fotografiert hat, entschließt er sich spontan, Görings Motoryacht für 160 000 Mark selbst zu kaufen. Die Summe finanziert er zum größten Teil durch den Verkauf seines Hauses, den Rest leiht er sich. Er ist hoffnungsfroh, das geschichtsträchtige Schiff alsbald an einen US-Sammler weiterverkaufen zu können. Für 160 000 Dollar schätzt er, was beim damaligen Dollar-Kurs einen Wertzuwachs von 300 Prozent bedeutet hätte. Heidemann hat alles auf eine Karte gesetzt und sein gesamtes Vermögen in die Yacht investiert. Es wird ein Desaster auf der ganzen Linie.

Mit der ihm eigenen Akribie beginnt der neue Schiffseigner nun die Geschichte der "Carin II" zu recherchieren. Heidemann sammelt Logbücher und Fotos. Auch ein Geschirr von Göring kommt an Bord. Bei einem NS-Sammler in Los Angeles findet er 1976 eine Uniform des Marschalls und schmückt damit die "Carin II".

Um wenigstens etwas Gewinn aus dem Schiffskauf zu erzielen, plant Heidemann, es zur Begegnungsstätte von ehemaligen Kriegsgegnern zu machen. Die Gespräche will er auf Tonband mitschneiden und später veröffentlichen. Heidemann liest Bücher über das Dritte Reich. Im Bildarchiv vom "Stern" arbeitet Heinrich Hoffmann jr., der Sohn von Hitlers Leibfotografen. Mit dem ist er befreundet und aus dessen Privatarchiv bekommt er Fotos für das Schiff. Über einen anderen Kollegen kommt er mit dem ehemaligen General der Waffen-SS, Wilhelm Mohnke, in Kontakt. Der SS-Brigadeführer und Ritterkreuzträger war zum Schluss des Krieges der letzte Kampfkommandant der Reichskanzlei in Berlin. Er war im "Führer"-Bunker, als Adolf Hitler sich am 30. April 1945 erschoss. Über Mohnke lernt Heidemann nun Edda Göring kennen, die Tochter von Hermann Göring. Und er trifft Karl Wolff, ebenfalls ehemaliger General der Waffen-SS. Wolff war schon 1931 in die SS eingetreten. Wegen Beihilfe zum Mord an 300 000 polnischen Juden wird er 1964 zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Heidemann schließt im Laufe der Zeit Freundschaft mit beiden Ex-Generalen.

Es gelingt Heidemann in der Tat, die "Carin II" auch zum Treffpunkt von ehemaligen Kriegsgegnern zu machen. An Bord kommen Wolff, Mohnke und Edda Göring mit dem Amerikaner Eugene Bird, ehemals Kommandant des Alliierten Kriegsverbrechergefängnisses in Berlin-Spandau, und Leopold Trepper zusammen, dem legendären Chef der kommunistischen Spionagegruppe "Rote Kapelle", der während des 2. Weltkriegs in Frankreich gegen die Deutschen gearbeitet hatte.

So spannend solche Abende sind, die "Carin II" wird für Heidemann immer mehr zu einem Klotz am Bein. Anfang 1976 hat sein Schuldenpegel bei der Deutschen Bank in Hamburg laut Feststellungen des Landgerichts die Marke von 250 000 Mark erreicht.

Als ihm die Illustrierte "Bunte" ein höheres Gehalt und zusätzlich ein Darlehen anbietet, will Heidemann den "Stern" verlassen. Chefredakteur Henri Nannen mag aber auf den tüchtigen Reporter nicht verzichten, er bietet ihm mehr Geld und einen Vorschuss von 60 000 Mark für ein geplantes Buch mit dem Titel "Bordgespräche".

Der Vorschuss verschafft Heidemann zwar etwas finanziellen Spielraum, aber die Schwierigkeiten sind damit nicht beseitigt. Er will die "Carin II" endlich loswerden. Plötzlich gibt es einen Hoffnungsschimmer. Wilhelm Mohnke lernt einen Jakob Tiefenthäler aus Augsburg kennen, der für ein geplantes Museum in Sydney NS-Devotionalien sucht. Den kann Mohnke für die "Carin II" interessieren. Anfang 1979 telefoniert Heidemann selbst mit Tiefenthäler, erzählt ihm von seinen Recherchen zur Geschichte des Schiffes und von seiner Göring-Sammlung. Die Museums-Planer in Sydney sind tatsächlich an Görings Yacht interessiert, die australische Marine wolle sogar dafür in ihrem Hafen einen Liegeplatz frei machen. Doch auch dieses Geschäft platzt. Denn Anfang März schreibt Tiefenthäler, es gebe plötzlich politische Schwierigkeiten in Australien, das Museums-Projekt sei zu den Akten gelegt worden.

Alle Bemühungen sind also gescheitert. Aber jetzt besteht ein Kontakt zu Jakob Tiefenthäler, dem Mann, der zum Bekanntenkreis des Hitler-Sammlers Hartung gehört und auch Konrad "Fischer"/Kujau gut kennt. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis auch Gerd Heidemann dort auftauchen und endgültig im Nazi-Sumpf versinken wird.

Monate später meldet sich Jakob Tiefenthäler wieder bei Heidemann. Leider habe er auch über eine Anzeige in einer amerikanischen Zeitung keinen Käufer für das Schiff gefunden. Aber er kenne einen erfolgreichen Geschäftsmann und Sammler bei Stuttgart, der zwar nicht an dem Schiff, jedoch an Göring-Stücken interessiert sei. Heidemann möge ihm doch eine Liste mit Preisen schicken. Für Anfang des Jahres wird ein Treffen in Aussicht gestellt.

Am 6. Januar reist Heidemann mit einen Koffer per Bahn nach Schwaben und präsentiert Rudolf Hartung (Name geändert) seine Göring-Schätze - Luftwaffen-Dolch und Dosen aus Gold und Silber. Der ist beeindruckt und bietet für alles 30 000 Mark. Heidemann bekommt zwei Schecks überreicht.

Der Unternehmer führt dem Gast seine umfangreiche Hitler- und NS-Sammlung mit Fahnen und Uniformen vor. Als Höhepunkt des Besuchs öffnet Hartung seinen Tresor, und Gerd Heidemann darf das "Tagebuch von Adolf Hitler" ansehen. Er blättert in dem Buch, hat Mühe, den Text zu entziffern, kann sich aber einige Sätze merken.

Hartung erzählt, dass alle Dokumente seiner Sammlung aus einem Flugzeug stammen, das kurz vor Kriegsende bei Leipzig abgestürzt sei. Als Heidemann wissen will, wie viele solche Tagebuch-Bände es gebe, sagt Hartung, es seien mehr als 20. Sein Lieferant sei ein Mann aus Stuttgart mit hochrangigen Verwandten in der DDR, die das Material über die Grenze schmuggelten. Er nennt schließlich auch den Namen "Fischer".

Heidemann ist klar, dass die Hitler-Tagebücher eine Sensation sind.

Wenn er die beschaffen könnte, wäre er seine finanziellen Sorgen auf einen Schlag los. Aber Hartung wimmelt die Fragen ab.

Zurück in Hamburg trifft Heidemann wenige Tage später zufällig Henri Nannen in der Kantine des Redaktionshauses. Während des Essens fragt Heidemann, ob Nannen je etwas von Hitler-Tagebüchern gehört habe. Der verneint und zeigt auch kein Interesse daran. Er hält die ganze Sache für Hokuspokus, aber wenn Heidemann die Sache verfolgen wolle, solle er sich doch an Thomas Walde wenden, der sei doch gerade Leiter des neu gegründeten Ressorts "Zeitgeschichte" geworden und für solche Stoffe zuständig.

Wie von Nannen angeregt, meldet er sich bei Walde und berichtet ihm von seinem aufregenden Besuch in Schwaben. Der hat noch nie etwas davon gehört, dass Adolf Hitler Tagebuch geführt haben soll, findet die Sache aber hoch attraktiv und bittet Heidemann, die Spur weiter zu verfolgen.

Drei Wochen später spricht Heidemann seinen Kollegen Arnim von Manikowsky an. Er ist beim "Stern" Fachmann für Zeitgeschichte und besonders für die NS-Zeit. Von Manikowsky sagt zu Heidemann, die Tagebücher seien eine Märchengeschichte, alles Quatsch. Es gebe in der gesamten Literatur keinerlei Hinweise darauf.


25 Jahre nach der Affäre um die "Hitler-Tagebücher" hat Henri Nannens Chefermittler Michael Seufert aufgeschrieben, wie es dazu kam. Das Buch erscheint am 11. März im Scherz-Verlag.

Morgen: Der "Stern" bietet zwei Millionen Mark für die Hitler-Tagebücher