Neue Abendblatt-Serie Die Affäre um die falschen Hitler-Tagebücher

Aufgeklärt: Wie es zum größten Presseskandal kommen konnte

Exklusiv: Michael Seufert dokumentiert das Geflecht aus Lügen, Gier und Größenwahn.

Hamburg. Am 25. April 1983 um 11 Uhr ist im "Affenfelsen", dem Gruner+Jahr-Verlagshaus an der Außenalster, der Bär los. 200 Journalisten und 27 Fernseh-Teams haben sich angesagt, um über eine Weltsensation zu berichten: "Stern"-Reporter Gerd Heidemann, so wird verkündet, habe die Tagebücher des Nazi-Diktators Hitler gefunden. Schriftkundige haben schon beim Coverfoto des "Stern" ihre Zweifel: Die Fraktur-Initialen auf einem Tagebuch-Einband zeigen statt AH ein F und ein H. "Führer Heil?", "Führer Hitler?", "Führers Hund?", "Führer-Hauptquartier?", lässt neun Jahre später Filmregisseur Helmut Dietl in "Schtonk!" die Beteiligten an der Skandal-Geschichte rätseln.

Schon in dieser Sensations-Pressekonferenz werden massive Zweifel an der Echtheit des angeblichen historischen Fundes laut; der Weg vom Knall bis zum Fall ist nicht mehr weit: Am 6. Mai werden in Itzehoe die Druckmaschinen für das Heft mit der dritten Serien-Folge über die Hitler-Tagebücher gestoppt. Das Bundesarchiv hatte verkündet: "Die Hitler-Tagebücher sind gefälscht."

Es ist der größte Presseskandal in der Geschichte der Bundesrepublik. 9,34 Millionen Mark haben Verantwortliche von Gruner+Jahr über zweieinhalb Jahre für den Ankauf von 60 Kladden bezahlt, die der begabte Fälscher Konrad Kujau aus Büchern über die Nazi-Zeit mit der nachgeahmten Hitler-Handschrift vollgeschrieben hat.

Auf der Strecke blieben: die Glaubwürdigkeit eines der renommiertesten Magazine der Republik, zwei entlassene Chefredakteure, ein zu vier Jahren und acht Monaten Haft verurteilter, einst hofierter Top-Reporter, der verurteilte Fälscher Konrad Kujau und "Stern"-Gründer Henri Nannen, der sich bald aus seinem Lebenswerk zurückzog.

Der Hamburger Journalist und Buch-Autor Michael Seufert war damals Ressortleiter beim "Stern" und wurde von Nannen beauftragt: "Klären Sie die Sache auf. Ohne Ansehen der Person. Sie haben freie Hand." 25 Jahre danach hat Seufert den Presse-Krimi in einem Buch aufgezeichnet und für das Abendblatt zu einer Serie zusammengefasst, die am Montag beginnt.

Es ist der Blick ins Getriebe einer Affäre, die mit den NS-Marotten von "Spürnase" Heidemann beginnt, mit dessen Schulden für den Kauf der Göring-Yacht "Carin II". Seufert dokumentiert akribisch, wie sich beim "Stern" die Verlagsoberen an der Chefredaktion vorbei der Sache annehmen, wie alle Sicherungen gegen das Aufdecken einer Fälschung herausgedreht werden. Er legt das Lügengeflecht von Kujau/Heidemann offen, die Gier nach Sensation, die Faszination an den Relikten des Bösen, die Raffgier.

Es ist ein Hamburger Krimi: Er spielt am "Affenfelsen", in erzhanseatischen Restaurants, bei skurrilen Empfängen auf der Göring-Yacht in der Billwerder Bucht, an der Elbchaussee und, am Ende, in Gerichtssälen.

Vor allem zwei Dinge sind erstaunlich im Rückblick: die Vielzahl der Merkwürdigkeiten, Fragezeichen und warnenden Hinweise, die weder von den Journalisten noch von den Kaufleuten ernst genommen wurden. Man wollte die Gefahr nicht sehen, selbst als der "Stern" wie die "Titanic" auf den Eisberg zuraste.

Der Schaden war immens, und wer immer journalistisch verantwortungsvoll arbeiten will, wird die Lehren daraus nicht vernachlässigen: Die klare Trennung von Verlag und Redaktion, präzise Recherchen und das kritische Bewerten der gewonnenen Fakten sowie nachhaltiges Misstrauen gegenüber Glauben und blindem Vertrauen - auch bei der eigenen Arbeit.