Chronik

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1973 "Stern"-Reporter Gerd Heidemann kauft von einem Bonner Druckereibesitzer für 160 000 Mark die ehemalige Göring-Yacht "Carin II". Er investiert sein Vermögen, um sie zu renovieren und dann gewinnbringend zu verkaufen.

1974 Der Stuttgarter Maler und Militaria-Händler Konrad Kujau lernt einen schwäbischen Unternehmer kennen, den er von diesem Zeitpunkt an mit Nazi-Devotionalien und angeblichen Hitler-Werken beliefert - Handschriften, Gedichte, Zeichnungen und Gemälde. Kujau stellt sich dem Mann als Konrad "Fischer" vor.

1975 An Bord der "Carin II", die im Hamburger Hafen vertäut ist, trifft sich Gerd Heidemann zu Interviews mit den Ex-SS-Generälen Wilhelm Mohnke und Karl Wolff, der Göring-Tochter Edda, mit Eugen Bird, Ex-Kommandant des Kriegsverbrecher-Gefängnisses Spandau, und Leopold Trepper, ehemals Chef der "Roten Kapelle".

November 1975 Konrad Kujau hat das erste "Hitler-Tagebuch" geschrieben, den Halbjahresband Januar bis Juni 1935. Die schwarze Kladde hatte er in einem Konsumladen in der DDR gekauft. Auf den Umschlag klebt er die goldfarbenen Initialen "FH". Das Buch überlässt er dem schwäbischen Unternehmer zur Ansicht.

Anfang 1976 Für die "Carin II" hat sich kein Käufer gefunden, Heidemann hat inzwischen 250 000 Mark Schulden. Er plant, die auf Tonband aufgezeichneten Interviews als Buch zu veröffentlichen. Über das Projekt "Bordgespräche" schließt Heidemann mit Chefredakteur Henri Nannen einen Vertrag und erhält 60 000 Mark Vorschuss.

Frühjahr 1978 Der schwäbische Unternehmer engagiert den Historiker August Priesack als Gutachter für seine Hitler-Dokumente, die "Fischer" angeblich aus der DDR bezieht. Priesack findet in einem Buch den Hinweis, dass in den letzten Kriegstagen ein Flugzeug mit wichtigem Hitler-Material aus Berlin losflog und verschollen ist.

November 1978 Der Historiker Prof. Eberhard Jäckel erhält aus der Sammlung eines schwäbischen Unternehmers 72 Hitler-Dokumente in Kopie, die er veröffentlichen will. Alle Unterlagen stammen von Konrad Kujau.

Sommer 1979 Gerd Heidemann reist mit dem ehemaligen SS-General Wolff durch Südamerika, um den Hitler-Sekretär Martin Bormann zu finden. Er ist fest davon überzeugt, dass der noch lebt. Die Suche schlägt fehl. Wegen der hohen Reisekosten kommt es zum Streit mit dem stellvertretenden "Stern"-Chefredakteur Peter Koch.

September 1979 Bei einem weiteren Treffen mit dem schwäbischen Unternehmer, bei dem auch Konrad Kujau anwesend ist, sieht Prof. Jäckel den Tagebuchband erstes Halbjahr 1935 und schätzt das Buch als Sensation ein. Die Runde errechnet, dass es aus den Jahren der Hitler-Herrschaft insgesamt 27 Bände geben müsse.

Januar 1980 Dr. Thomas Walde wird Leiter des Ressorts "Zeitgeschichte" beim "Stern". Der Politologe hat seine Doktorarbeit über bundesdeutsche Geheimdienste geschrieben. "Spürhund" Gerd Heidemann ist zu dieser Zeit noch Reporter im Ressort "Sonderthemen" des renommierten Magazins.

6. Januar 1980 Über seinen Bekannten Tiefenthäler hat Heidemann Kontakt zu dem schwäbischen Unternehmer bekommen. Der will zwar die "Carin II" nicht, kauft Heidemann aber Göring-Stücke ab. Jetzt sieht auch Heidemann das Tagebuch und erfährt den Namen des Stuttgarter Lieferanten "Fischer". Er unterrichtet Walde darüber.

21. April 1980 Das Ressort "Zeitgeschichte" trifft sich auf der "Carin II" zur Themenbesprechung. Die Hitler-Tagebücher werden kurz gestreift. Im Sommer suchen Walde und Heidemann im Stuttgarter Telefonbuch vergebens nach "Fischer". Walde beauftragt Heidemann, die Tagebücher zu suchen.

Sept. 1980 Heidemann erfährt, dass ein verschollenes Flugzeug die Schlüsselrolle spielen soll. Er findet den Namen des verunglückten Majors Gundlfinger und erfährt, dass der im sächsischen Börnersdorf abgestürzt und begraben ist.

Oktober 1980 Der "Stern" veröffentlicht Auszüge aus dem Buch von Prof. Jäckel und druckt unter anderem das angeblich von Hitler 1916 geschriebene Gedicht "Der Kamerad". Kurz darauf bekommt Jäckel den Hinweis, dass dieses Gedicht von dem 1906 geborenen Herybert Menzel stammt und erst 1936 veröffentlicht worden ist.

Mitte November 1980 Walde und Heidemann fliegen nach Berlin, treffen sich mit zwei Stasi-Offizieren und fahren mit ihnen nach Börnersdorf. Dort entdecken sie die Gräber von Gundlfinger und der übrigen Besatzung. Für sie ist das der Beweis, dass die Hitler-Tagebücher existieren und aus der DDR in den Westen geschmuggelt werden.

Ende November 1980 Heidemanns Bekannter Tiefenthäler schreibt an Kujau, den er als "Fischer" kennt, der "Stern" habe großes Interesse an den Tagebüchern, biete zwei Millionen Mark dafür und garantiere absolute Verschwiegenheit über die Quelle. Wochen später antwortet Kujau, er sei bereit, mit dem "Stern" Kontakt aufzunehmen.

1. Januar 1981 Henri Nannen tritt als "Stern"-Chefredakteur zurück und wird Herausgeber. Die Nachfolger: Rolf Gillhausen, Peter Koch und Felix Schmidt. Sie ahnen nichts von der Tagebuch-Suche. Heidemann und Walde beschließen, sie nicht einzuweihen. Koch hatte Heidemann verboten, sich weiter mit "Nazi-Scheiße" zu befassen.

15. Januar 1981 Heidemann ruft bei "Fischer"/Kujau an. Die beiden verabreden sich. Walde arrangiert über seinen Freund Wilfried Sorge, stellvertretender Verlagsleiter des "Sterns", ein Treffen mit der Verlagsspitze. Heidemann stellt eine Präsentationsmappe mit Fundgeschichte, DDR-Recherche und Fotos zusammen.

27. Jan. 1981 Heidemann und Walde treffen Verlagschef Manfred Fischer und Zeitschriftenvorstand Jan Hensmann. Fischer entscheidet, die Tagebücher für zwei Millionen Mark zu kaufen und die Chefredakteure vorerst nicht zu informieren.

28./29. Januar 1981 Heidemann besucht Kujau, der bestätigt, dass es in der Tat 27 Hitler-Tagebücher gebe. Der erzählt, sein Schwager, Museumsdirektor in der DDR, habe die Bände beschafft; sein Bruder, NVA-General, schmuggle sie in den Westen. Deshalb müsse alles geheim bleiben. Kujau sagt zu, Heidemann die Tagebücher zu verkaufen.

13. Februar 1981 Heidemann holt in Stuttgart die ersten drei Tagebücher ab. Seinem Verlagschef Fischer sagt Heidemann, die 27 Bände würden je 85 000 Mark kosten. Fischer entscheidet, mit dieser Summe "ins Risiko" zu gehen. Das Landgericht rechnet Heidemann später vor, Kujau maximal 60 000 Mark pro Band gegeben zu haben.

23. Februar 1981 Verlagschef Fischer und Heidemann unterschreiben einen Vertrag. Darin wird Heidemann an Lizenzerlösen beteiligt. Ihm und Walde wird die exklusive Auswertung der Tagebücher garantiert. Andere Historiker können nur mit ihrer Zustimmung hinzugezogen werden. Auch mit Walde wird ein solcher Vertrag geschlossen.

April 1981 Prof. Jäckel veröffentlicht in den "Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte" seine Zweifel an dem angeblichen Hitler-Gedicht "Der Kamerad" (eine von Kujaus Fälschungen). Weitere 55 in seinem Buch veröffentlichte Dokumente stünden unter Fälschungsverdacht. Walde und Heidemann nehmen diese Warnung nicht ernst.

13. Mai 1981 Gerd Heidemann liest dem mit ihm befreundeten ehemaligen SS-General Mohnke Passagen aus einem Hitler-Tagebuch vor. Mohnke weist ihn auf sachliche Fehler hin. Heidemann informiert Walde über den Verdacht, beide hoffen aber, dass Mohnke sich irrt.

13. Mai 1981 Papst-Attentat in Rom. Heidemann soll in der Türkei das Leben des Schützen recherchieren. Jetzt entscheidet die Verlagsspitze, die Chefredakteure in das Tagebuch-Projekt einzuweihen. Die sind empört, machen aber gute Miene dazu.

26. Mai 1981 In Begleitung von Stasi-Offizieren reist Heidemann zum zweiten Mal ins sächsische Börnersdorf, um mehr über den Absturz der JU 352 des Majors Gundlfinger zu erfahren. Er trifft sich mit Zeitzeugen, die erklären, die Fracht der Maschine sei verbrannt. Erhalten sind zwei Flugzeugfenster, die aus dem Wrack stammen sollen.

1. Juli 1981 Gerd Schulte-Hillen wird Vorstandsvorsitzender von Gruner+Jahr. Sein Vorgänger Fischer hat ihn kurz zuvor in die geheime Tagebuch-Beschaffung eingeweiht. Heidemann erhöht jetzt die Preise von 85 000 auf 100 000 und dann auf 200 000 Mark pro Band. Schulte-Hillen akzeptiert und weist am 6. August eine Million Mark an.

23. Juli 1981 Kujau übergibt Heidemann zwei angebliche DDR-Gutachten, die belegen sollen, dass das umstrittene Gedicht "Der Kamerad" doch von Hitler geschrieben wurde. Die Schriftstücke hat Kujau gefälscht, sie strotzen von Fehlern. Die genannten DDR-Behörden existieren nicht. Weder Heidemann noch Walde schöpfen Verdacht.

22. September 1981 Heidemann besucht Kujau in Stuttgart, der hat sich neue Ausstellungsräume für seine Militaria-Sammlung gemietet und aufwendig ausgestattet. Kujau präsentiert dem Reporter den "Sonderband Heß" über dessen England-Flug im Mai 1941 und verspricht ihm, die Pistole zu beschaffen, mit der Hitler sich erschossen habe.

3. Dezember 1981 Heidemann und seine Frau Gina feiern in Stuttgart im Holiday Inn gemeinsam mit Kujau und dessen Lebensgefährtin in seinen 50. Geburtstag hinein. Den Jahreswechsel verbringt Heidemann mit seiner Familie an Bord der "MS Astor". Die Kreuzfahrt kostet 27 000 Mark.

Januar 1982 Heidemann berichtet Ressortleiter Walde, Vize-Verlagsleiter Sorge und später auch Verlags-Chef Schulte-Hillen, dass er bei Fahrten auf der B5 nach Berlin unter Gefahr für Leib und Leben selbst Tagebücher aus der DDR geholt habe.

1. März 1982 Schulte-Hillen trifft sich mit Heidemann und Walde zum Mittagessen in "Cölln's Austernstuben" zum vertraulichen Gespräch. Heidemann fühlt sich "nach wie vor von der Chefredaktion geschnitten" (Sorge) und soll motiviert werden. Am selben Tag erhält er vom Verlag 400 000 Mark zum Ankauf weiterer Tagebücher.

13. April 1982 Thomas Walde trifft sich in Zürich mit dem Kriminalwissenschaftler Dr. Frei-Sulzer, der eine Seite aus dem "Heß-Band" und ein von Kujau geliefertes angebliches Hitler-Dokument auf Echtheit prüfen soll. Der Gutachter bekommt zum Vergleich echte Hitler-Handschriften - und angeblich echte Dokumente, die Kujau gefälscht hat.

16. April 1982 Walde und Sorge fliegen nach Amerika zu dem Schrift-Sachverständigen Ordway Hilton. Der bekommt dieselben Unterlagen wie Frei-Sulzer. Er bestätigt am 11. Mai die Echtheit. Genau wie Mitte Juni Frei-Sulzer. Das LKA Mainz vergleicht die Papiere nur mit echten Hitler-Dokumenten und gibt am 25. Mai auch grünes Licht.

19. Juni 1982 "stern"-Reporter Gerd Heidemann, inzwischen offenbar gut bei Kasse, kauft im spanischen Küstenort Denia ein Ferienhaus für 550 000 Mark. Einen Monat später erwirbt er außerdem noch das Nachbargrundstück für 360 000 Mark. In den beiden Häusern will er seine geheimen Nazi-Akten einlagern.

14. Oktober 1982 Der Verlag hat schon 6,7 Millionen Mark für die Tagebücher ausgegeben. Schulte-Hillen ändert die Beteiligung von Heidemann und Walde: Die Investitionen sollen durch Lizenzverkäufe verdient werden, ehe sie am Gewinn beteiligt werden. Dass mehr als die angekündigten 27 Bände vorliegen, macht ihn nicht skeptisch.

15. Nov. 1982 "Stern"-Reporter Heidemann präsentiert Mohnke und Ex-Hitler-Adjutant Günsche eine Pistole mit einem Zettel: "Mit dieser Waffe erschoß sich unser Führer (...) Bormann" Es ist eine belgische FN. Günsche erklärt das für Unsinn.

15. Dezember 1982 Gerd Heidemann und Gerd Schulte-Hillen schließen einen weiteren Beteiligungsvertrag. Jetzt wird zum ersten Mal schriftlich fixiert: "Der Autor ist nicht verpflichtet, die näheren Umstände der Beschaffung und seiner Quellen preiszugeben." In der dramatischen Schlussphase wird sich Heidemann darauf berufen.

24. Dezember 1982 Die "Deutsche National Zeitung" erscheint mit der Schlagzeile: "Hitlers Tagebücher entdeckt - Warum sie geheim gehalten wurden". Der britische Historiker David Irving berichtet von 27 Halbjahresbänden, die ein DDR-General in den Westen geschmuggelt haben soll. Die Nachricht zieht keine weiteren Kreise.

Januar 1983 Unbeeindruckt von der Tatsache, dass nun wichtige Details des hoch geheimen Tagebuch-Projekts öffentlich sind und tatsächlich Lebensgefahr für Kujaus General-Bruder bestünde, bekommt Sorge den Auftrag, mit ausländischen Lizenznehmern über die inzwischen fertige Heß-Geschichte zu verhandeln.

8. März 1983 Vorstand, Chefredaktion, Heidemann, Walde und das Serien-Ressort des "Sterns" treffen sich zur Konferenz über die Veröffentlichungs-Strategie. Die Chefredakteure entscheiden, die Serie mit einer Fundgeschichte zu eröffnen. Heidemann und Walde sperren sich. Sie sehen die Beschaffung der fehlenden Tagebücher gefährdet.

23. März 1983 Kujau zeigt Heidemann den Band erstes Halbjahr 1935. Für den Zeitraum hat er ihm inzwischen schon zwei Vierteljahresbände verkauft. Das seien Materialien für das "Jahrbuch der Partei", erklärt Kujau die wundersame Doppel-Existenz. Heidemann und Walde akzeptieren auch diese abenteuerliche Erklärung.

28.3.1983 Experten des Bundeskriminalamts sagen Heidemann: Diverse Hitler-Dokumente sind auf Papier mit optischen Aufhellern geschrieben; die erst nach dem Krieg verwendet wurden. Auch gegen eine Tagebuch-Seite besteht dieser Verdacht.

6. April 1983 Die Fernsehjournalistin Barbara Dieckmann beginnt mit den Dreharbeiten zu einem Tagebuch-Film. Als Heidemann in Zürich erklärt, im Keller einer Bank werde Bormann vom israelischen Geheimdienst festgehalten, will sie die Dreharbeiten abbrechen. Chefredakteur Koch überredet sie zum Weitermachen.

18. April 1983 "Stern"-Reporter Gerd Heidemann besucht nach einem Jahr seine drei Schließfächer bei der Deutschen Bank. Nach der Pleite findet die Kripo dort 17 fotokopierte Tagebücher. In den Tagen vorher hat er schon aus seinem Archiv in der Milchstraße wichtige Stücke an einen unbekannten Ort weggeschafft.

21. April 1983 "Stern"-Ressortleiter Walde erfährt das Ergebnis eines neuen Papiergutachtens: Wichtige Hitler-Dokumente sind in der Tat auf Nachkriegspapier geschrieben. Bei einer Krisenkonferenz am 23. April wird festgestellt, dass durch diesen Sachverhalt die positiven Schriftgutachten als Makulatur zu betrachten sind.

25. April 1983 Der "Stern" erscheint, vorgezogen auf Montag, dennoch mit der Titelzeile "Hitlers Tagebücher entdeckt". Die große internationale Pressekonferenz im Redaktionsgebäude an der Außenalster wird zum Desaster. David Irving wirft dem "Stern" Fälschung vor. Und die Historiker auf dem Podium distanzieren sich vom "Stern".

6. Mai 1983 Die Nachrichtenagenturen melden: Alles Fälschung! Henri Nannen sagt im Fernsehen, man habe jeden Grund, sich bei den Lesern zu entschuldigen. Bei einer redaktionsinternen Vernehmung sagt Heidemann, sein Lieferant heiße "Fischer" - er wird wenig später durch "Stern"-Recherchen als Konrad Kujau enttarnt.

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