Astrid Lindgren: Ihre deutsche Verlegerin über die einzigartige Autorin - und Abendblatt-Redakteure über ihre Helden

"Ich grüße euch, ihr lieben kleinen karierten Kinder"

Foto: OETTINGER

Morgen würde die Schwedin 100. Silke Weitendorf schildert ihre Startschwierigkeiten mit "Pippi" in Deutschland und das Geheimnis des Erfolges bei jungen Lesern.

Hamburg. Silke Weitendorf war noch ein Kind, als sie Astrid Lindgren das erste Mal begegnete. "Ich erinnere mich genau", erzählt sie. "Astrid war anders als die anderen Erwachsenen. Sie stellte nicht die üblichen Fragen nach der Schule, nach Lieblingsfächern und dem, was man mal werden möchte. Stattdessen wollte sie schon beim ersten Treffen wissen: ,Bist du ein glückliches Kind?' Oder: ,Bist du gern auf der Welt?' Sie hatte echtes Interesse an anderen Menschen, ihre Herzlichkeit war nicht aufgesetzt."

Dass Astrid Lindgren eine besondere Frau war, merkt fast jedes Kind sofort. Auch in ihren Büchern ist die Ansprache eine andere, als junge Leser sie damals gewöhnt waren. "Ich grüße euch, ihr lieben kleinen karierten Kinder", sagt Pippi Langstrumpf zum Geschwisterpaar Tommy und Annika, bevor sie dessen brav-biedere Welt durcheinanderwirbelt.

Ein solcher Umgang mit Kindern, deren Sich-Behaupten in einer Erwachsenenwelt, der Sieg der Fantasie über die streng geregelte Normalität, das alles war in der Nachkriegszeit eine kleine Revolution. Ganz besonders in der Bundesrepublik, auf die der lange Schatten der autoritär geprägten NS-Zeit fiel. Kinder durften keine eigene Meinung haben. Verbote, Zurechtweisungen und Strafen waren die Norm. "Pippi war gegen den Mief der Vergangenheit", sagt Silke Weitendorf, deren Vater Friedrich Oetinger 1949 "Pippi Langstrumpf" erstmals in Deutschland herausbrachte.

Für den damaligen Kleinverleger Oetinger, der 1948 nach Stockholm eingeladen war und sich dort 14 Tage lang Buchhandlungen und Verlagswesen ansah, wurde die Zufallsentdeckung eines Mädchens mit roten Zöpfen und bunten Rutschestrümpfen auf dem Titel eines in Schweden erfolgreichen Kinderbuches richtungsweisend. Friedrich Oetinger besuchte die Autorin. Astrid Lindgren fand, dass der sanftäugige, Franz Schubert ähnelnde Mann nicht gerade wie ein erfolgreicher Verleger aussah, überließ ihm aber eine Option auf das Buch, das schon fünf deutsche Verlage abgelehnt hatten. "Ich ahnte nicht, mit welchem Goldklumpen im Koffer ich von Stockholm zurückgereist bin", schrieb Oetinger später.

"Wir verdanken ihr alles", sagt seine Tochter Silke Weitendorf. Bis heute hat ihr Verlag mehr als 31 Millionen Lindgren-Bücher verkauft (weltweite Gesamtauflage: 145 Millionen), sieben Millionen davon allein an Pippi-Ausgaben. "Aber Astrid Lindgren wusste, dass sie auch uns viel zu verdanken hat", fügt Weitendorf hinzu. "Es gibt kein Land, wo ihre Bücher nur annähernd so gut verankert sind wie in Deutschland." Und das bedurfte der Überzeugungsarbeit. Als Pippi startete, wetterte ein Pädagoge: "Das ist etwas, das an der kindlichen Seele kratzt." Zunächst wurden nur 3000 Exemplare in Norddeutschland verkauft. Es dauerte eine Weile, bis das Nord-Süd-Gefälle überwunden war.

Silke Weitendorf empfand die ersten Leseerfahrungen mit Lindgren bereichernd; sie erinnert sich, wie sie wegen Pippi mit einem Klassenkameraden stritt, der ihr gesagt hatte: "Das ist ja ein doofes Buch. Meine Mama hat mir verboten, das zu lesen, weil die Kinder zu frech sind."

Für Silke Weitendorf war beides lehrreich und der Beginn einer lebenslangen Freundschaft: die Begegnung mit der Autorin und die mit ihren Büchern. Die Verlegerstochter aus Hamburg ging als junge Frau für ein halbes Jahr nach Stockholm, um im Verlag Raben & Sjögren Erfahrungen zu sammeln. Astrid Lindgren leitete damals dessen Kinderbuchabteilung: Vormittags schrieb sie - "immer stenografierend im Bett" -, nachmittags ging sie in den Verlag. "Ich habe damals sehr viel von ihr gelernt", erzählt Weitendorf. "Sie ist wunderbar mit Autoren umgegangen, sie hatte eine liebenswerte und motivierende Art, und selbst wenn ein Manuskript nicht brauchbar war, hat sie erklärt, wie es zu verbessern sei. Sie hat damals einige Autoren auf den Weg gebracht."

Die Freundschaft verfestigte sich über die Jahre, zumal Silke Weitendorf bei den Spätwerken "Die Brüder Löwenherz" und "Ronja Räubertochter" intensiv mit der Autorin an den deutschen Manuskripten arbeitete. "Sie hat bei den Übersetzungen mit vielen Anregungen und Anmerkungen geholfen. Sie wollte eine einfache Sprache, keine hochtrabenden, sondern gewöhnliche Wörter. Sie hat minutiös an jedem Satz gefeilt, bis sie zufrieden war. Abgesehen davon war sie eine wunderbare Fabuliererin. Es hat mich begeistert, wie klug und wie fantasiereich sie mit Sprache umgehen konnte. Hinzu kam ihr Humor, der dafür sorgte, dass Kinder sich wohlfühlen in ihren Texten und sie mit Spaß lesen."

Ihr großes schreiberisches Talent, so glaubt Silke Weitendorf, ist nicht zuletzt auf die Tradition des Erzählens zurückzuführen, die in Lindgrens Kindheit auf dem Lande im smaländischen Vimmerby in langen Winternächten auf dem elterlichen Hof gepflegt wurde. Eines ihrer Erfolgsgeheimnisse ist zudem, dass sie so viele unterschiedliche Werke schrieb und ganz verschiedene Gruppen damit erreichte. "Sie ist keinem Trend gefolgt und war von Strömungen unbeeinflusst", sagt Weitendorf. "Als man ihr in den 70er-Jahren nahelegte, doch mal über ein Thema wie Scheidungskinder zu schreiben, da hat sie gesagt: ,Ich kann nur über das schreiben, was in mir ist und was ich erlebt habe.' Ihre eigenen dunklen Geschichten hat sie in anderer Form verarbeitet."

Was Kinder in den Büchern fühlen, ist Lindgrens Fähigkeit zur Empathie, was die unzähligen Briefe an die Autorin, die bei Oetinger eintrafen, bestätigen: "Sie konnte sich in Kinder so tief hineinversetzen, dass sie deren Gefühlswelt glaubwürdig wiedergegeben hat." Besonders deutlich wird dies in ihrer Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1978, die nicht zuletzt durch ein ergreifendes Beispiel zum wirksamen Plädoyer für den Schutz von Kindern vor elterlicher Gewalt wurde. Eine Rede, die Astrid Lindgren, so erzählt Silke Weitendorf, zunächst nicht halten sollte, als der Börsenverein vom Inhalt erfuhr. Erst als Lindgren androhte, nicht an der Verleihung teilzunehmen, durfte sie sprechen. Man muss manchmal stark wie Pippi sein, um den Schwachen zu ihrem Recht zu verhelfen.

  • Die Rede von 1978 ist im Internet unter www.oetinger.de nachzulesen.

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