Anarchistin mit Herz

Es ist doch eine feine Sache, dass Astrid Lindgrens Tochter Karin 1941 eine kleine Lungenentzündung bekam. Und es ist sogar eine noch feinere Sache, dass Astrid Lindgren selbst sich drei Jahre später ein bisschen den Fuß verknackste. Ja, denn wären diese beiden Dinge damals nicht passiert, wer weiß, dann hätte sich die kleine Karin auf ihrem Krankenbett vielleicht nicht gewünscht, gegen die Langeweile etwas von Pippi Langstrumpf erzählt zu bekommen. Und ihre Mutter hätte später wohl nie große Lust gehabt, diese Geschichten auch noch aufzuschreiben. Und denkt nur, dann hätte man vielleicht Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminza Efraimstochter Langstrumpf nie kennengelernt! Und das wäre nun wirklich schade.

"Ich mach mir die Welt / widdewidde, wie sie mir gefällt", singt die rot bezopfte Pippi unbekümmert in ihrer Villa Kunterbunt. Dafür ein Fremdwort wie "Emanzipation" zu benutzen dürfte dem unkonventionellen Mädchen wohl ähnlich wenig zusagen wie "Plutimikation". Denn Pippi ist mit einer Selbstverständlichkeit selbstbewusst, die vor allem für damalige Verhältnisse verblüfft. Sie ist finanziell unabhängig (durch einen Koffer voll Gold), sie ist ein mutiges und starkes Mädchen, sie stellt Autoritäten infrage (wenn sie Polizisten kurzerhand auf Bäume setzt) und lebt einen ausgeprägten Freiheitssinn. Pippi ist anarchisch, unangepasst, frech, sie hinterfragt Regeln (um sie sich gelegentlich - wie die abendliche Bettruhe - selbst zu verordnen, wenn sie ihr sinnvoll erscheinen), sie handelt eigensinnig, aber stets großzügig, ist nicht nachtragend, voller Mitgefühl, Gerechtigkeitssinn und Verantwortungsbewusstsein (immerhin sorgt sie für einen Schimmel und ein Äffchen). "Wenn Pippi jemals eine Funktion gehabt hat, außer zu unterhalten", hat Astrid Lindgren Kritikern entgegnet, "dann war es die, zu zeigen, dass man Macht haben kann und sie nicht missbraucht, und das ist wohl das Schwerste, was es im Leben gibt."

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