Dokumentarfilm

Ode an die Würde

Foto: salzgeber

Die großartige Dokumentation "Kinshasa Symphony"

Joséphine Nsimba steht jeden Tag gegen 4.30 Uhr auf, um rechtzeitig auf dem großen Markt von Kinshasa zu sein. Für einen Hungerlohn brät sie dort Omelettes; ein Knochenjob. Abends schleppt sich die Amateur-Cellistin regelmäßig zur Probe des Orchestre Symphonique Kimbanguiste. Die Musik ist ihr extrem wichtig - ebenso wie den 220 anderen Sängern und Instrumentalisten des einzigen Sinfonieorchesters in Zentralafrika, das sich mit Mendelssohn, Händel und Beethoven beschäftigt. In der Republik Kongo ein exotisches Repertoire.

Für ihren großartigen Dokumentarfilm "Kinshasa Symphony" haben Regisseur Claus Wischmann und Kameramann Martin Baer das Orchester über ein Jahr bei seiner beschwerlichen Arbeit bis zum Konzert begleitet und einige Mitglieder in ihrem Alltag porträtiert. Die Flötistin Nathalie Bahati etwa, die als alleinerziehende Mutter mit ihren zwei Kindern in einem dreckigen, überteuerten Wellblechloch unterkommt. Oder den findigen Bratscher Joseph Masunda Lutete, der einen Friseursalon betreibt, aber eigentlich Mechaniker ist. Er springt bei den regelmäßigen Stromausfällen sofort auf und sorgt irgendwie wieder für Licht.

Improvisationstalent ist extrem wichtig in einem so hoffnungslos überbevölkerten, anarchisch wuchernden Städtemoloch wie Kinshasa mit seinen acht bis zehn Millionen Einwohnern, ohne Post und Müllabfuhr und erst recht ohne Musikgeschäft. Da werden kaputte Saiten eben durch Fahrradbremszüge ersetzt, Kontrabässe selbst gehobelt. Solche Ideen sind zarte kulturelle Pflänzchen inmitten eines drastischen Verfalls im postdiktatorischen Kongo. Der Film beschönigt nichts, sondern zeigt uns immer wieder die matschigen, unbefestigten Straßen und baufälligen Bruchbuden in Kinshasas Elendsvierteln.

Armand Diangienda bringt ein wenig Struktur und Hoffnung in die chaotischen Lebensumstände: Der frühere Pilot und Enkel des christlichen Propheten Simon Kimbangu predigt im Gottesdienst - und ist außerdem Dirigent des Orchesters, das er vor 15 Jahren gründete. Unermüdlich fordert er professionellen Ernst von seinen Laienmusikern, die ein großes Open-Air-Konzert vor mehr als 1000 Zuhörern vorbereiten. Auf dem Programm stehen unter anderem Orffs "Carmina Burana" und Beethovens Neunte.

Es spricht für den Film, dass er nicht auf die Tränendrüsen drückt, sondern Bilder aus dem Leben zeigt. Das ist in Kinshasa oft hart und himmelschreiend ungerecht, aber auch wahnsinnig bunt und intensiv. In dieser Umgebung bekommt die klassische europäische Kunstmusik ihre existenzielle Dringlichkeit zurück. "Kinshasa Symphony" ist ein Meisterwerk über die Bedeutung von Kunst und eine subtile Liebeserklärung an die bitterarmen Menschen, an ihre Würde, ihre Schönheit und ihren großen Lebensmut.

Beurteilung: überragend Kinshasa Symphony D 2010, 98 Min., o. A., R: Claus Wischmann, Martin Baer, im Passage; www.kinshasa-symphony.com