Schauspielhaus Hamburg

Friedrich Schirmer gibt auf - Kritik aus den eigenen Reihen

Deutschlandweit reagieren Theaterleiter geschockt auf das abrupte Ende. Kultursenator Stuth spricht mit Fachleuten über die Zukunft.

Hamburg. In der Theaterszene stößt der abrupte Rücktritt des Intendanten des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, Friedrich Schirmer (59), auf Unverständnis und Kritik . Hamburgs Kultursenator Reinhard Stuth (CDU) wurde davon völlig überrascht. Stuth, der noch nicht einmal drei Wochen im Amt ist, sagte dem Magazin NDR Kultur: „Ich war, als Herr Schirmer das erste Mal mit mir darüber sprach, vollkommen sprachlos.“ Schirmer hatte am Dienstag wegen der „gravierenden Unterfinanzierung“ des Theaters Stuth gebeten, den Vertrag zum 30. September aufzuheben. Stuth sagte, er werde nun erst einmal mit den führenden Vertretern des Schauspielhauses und anderer Hamburger Theater sowie Fachleuten außerhalb Hamburgs sprechen, um zu sehen, wie es weitergehen könne . Dies werde noch einige Zeit dauern.

Der Intendant des Hamburger Thalia-Theaters, Joachim Lux, äußerte sein Bedauern über den „überstürzten Rücktritt“ Schirmers. „Ich kann ihn mir nur so erklären, dass ihm die ökonomischen Schwierigkeiten des Schauspielhauses offenbar unüberwindbar schienen“, sagte Lux. Tatsächlich gerieten immer mehr Kulturinstitute in Hamburg in die Schraube von latenter Unterfinanzierung plus drohenden neuen Sparvorgaben. „Ich muss allerdings auch sagen, dass ich mich mit den vielen Rücktritten in der letzten Zeit schwertue, denn es gibt immer auch eine Verantwortung für die Mitarbeiter, die man zurücklässt.“ Lux warnte davor, zu glauben, man könne mit einer Schließung des Schauspielhauses Geld sparen. „Was nottut, ist eine Unterstützung der Kultur seitens der Politik, was vor allem bedeutet: eine solide Finanzierung.“

+++ Schauspielhaus-Chef wirft hin: Vorhang zu - alle Fragen offen +++

Der Vorgänger von Lux, Ulrich Khuon, inzwischen Intendant des Deutschen Theaters in Berlin, zeigte sich im Gespräch mit NDR Kultur „geschockt“. Er kenne keinen Fall, dass ein Intendant seinen Rücktritt mit einer Frist von nur zwei Wochen angekündigt habe. Khuon sagte: „Das ist für ein Haus eigentlich eine Katastrophe, zumal ja davon auszugehen ist, dass auch zum Ende dieser Spielzeit kein neuer Intendant zu finden ist für das Deutsche Schauspielhaus.“ Für Frank Baumbauer, von 1993 bis 2000 selbst Intendant des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, sind die Auseinandersetzungen um die Theaterfinanzen Teil des Berufs. „Meiner Meinung nach kann man nicht einfach das Handtuch werfen“, sagte der 65-Jährige am Mittwoch. „Man muss mit Problemen umgehen können und wenn, dann einen fairen Schnitt zum nächstmöglichen Termin suchen.“ Seiner Meinung nach handelte Schirmer überstürzt. „Er hat die Nerven verloren“, sagte Baumbauer. Das Schauspielhaus habe nun handfeste Probleme. „In letzter Zeit hat es viele Intendantenwechsel gegeben“, sagte er. Die guten und interessanten Kandidaten seien gut positioniert und nicht mehr frei.

Intendant Friedrich Schirmer: Talentförderer und Schützer

Der Intendant des Frankfurter Schauspiels, Oliver Reese, sagte: „Für einen so plötzlichen Rücktritt wie den Friedrich Schirmers von der Intendanz eines der schönsten Theater Deutschlands fehlt mir das Verständnis.“ Fortschreitende Etatkürzungen und nicht eingehaltene Finanzzusagen zu bekämpfen, auch mit unbequemen Maßnahmen, sei die Aufgabe eines Intendanten. Reese: „Ich bin dann mal weg, das geht nicht so einfach. Nicht so kurzfristig, unvermittelt und kommentarlos. Ein Ensemble und ein Publikum stehen jetzt allein da. Ich versteh das nicht.“

Dagegen äußerte der Deutsche Bühnenverein Verständnis. „Es ist ein Signal dafür, wie sehr die künstlerische Leitung an den Bühnen zunehmend durch finanzielle Diskussionen zermürbt wird“, sagte Direktor Rolf Bolwin der Nachrichtenagentur dpa am Mittwoch in Köln. Auch in anderen Städten müsse ständig über Geld diskutiert werden, „obwohl das eigentlich nicht Aufgabe eines Intendanten ist, der ja die künstlerische Verantwortung trägt.“