Evita in Hamburg

Die "Lady Macbeth" von Argentinien

Foto: Juergen Joost

In der Staatsoper feierte das Premieren-Publikum Abigail Jaye als strahlende und diamantharte Evita in Webbers Musical-Hit.

Hamburg. Die Schauspielerin und der Soldat wollen unbedingt an die Macht. Eva Duarte und Juan Perón haben sich gesucht und gefunden. Ihr erklärtes Ziel ist es, um jeden Preis Argentinien zu "retten" - und zu regieren. "Ich wäre erstaunlich gut für dich", singt Evita beim ersten Treffen dem steifen, vierschrötigen Militär direkt ins Gesicht, drückt ihm ihr Weinglas in die Hand, lässt ihn stehen und zugleich wissen: "Ein One-Night-Stand kommt nicht infrage." Das politische Bündnis für einen Bund des Lebens zwischen den beiden ist geschlossen.

Abigail Jaye gewinnt in der vom Publikum geradezu frenetisch gefeierten Staatsopern-Premiere von Andrew Lloyd Webbers Musical-Hit "Evita" der Titelrolle neue Facetten ab und spielt eine Frau, die nur eines will: Aus der Schattenseite des Lebens in Armut und Schmutz ans Sonnenlicht von Glanz, Geld und Ruhm. Die sich steigernde Sängerin wechselt bruchlos von kokettem Girren in barsche Kommandotöne. Sie hat auch den Mut, die "dangerous bitch" zu zeigen, verleiht der Figur Züge einer "Lady Macbeth" von Argentina. Ihre strahlende, aber diamantharte Evita mit straffem Nackenknoten treibt den zögernden Klotz von Mann (Mark Heenehan) an, spottet über die Kritik der feinen Damen und Militärs: "Was kümmern dich diese Dummköpfe."

Jaye wechselt nicht nur von Szene zu Szene blitzschnell die Kostüme, sie vermittelt auch die Wandlung dieser Frau, die in Wirklichkeit weder an das Volk noch an die Liebe glaubte, sondern einzig an sich. Reißt sie in der nach "Romeo und Julia" am besten bekannten Theater-Balkonszene die Arme hoch zu "Don't Cry For Me Argentina", hat Jayes Geste nichts von Brüderlichkeit. Sie ist Ausdruck ihres herrischen Triumphes.

Die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Diktatorenpaars ist nicht gerade der ideale Stoff für ein schmissiges Unterhaltungsmusical. Darum rückten Texter Tim Rice und der Komponist die Rührstory von "Santa Evita" ins Zentrum. Sie erzählen ihren Aufbruch aus den Slums in die Hauptstadt ("Buenos Aires, ich komme"), die Eroberung Peróns und der Macht als Stationendrama zwischen Passion und Polit-Revue.

Sozusagen als erzählenden "Evangelisten" führen sie die Figur des Volksmannes Ché Guevara ein. Der ironische Kommentator unterbricht das pompöse Opening mit der Begräbnisfeier zynisch: "Was für eine Show, warum die hysterische Heulerei?" Mit dem Song zu einer folkloristischen Melodie im Schunkel-Rhythmus einer Beguine bricht Webber sein pathetisch chorales Kirchenszenen-Zitat aus Puccinis "Tosca" und lässt Ché das Trauertheater als Farce entlarven. Zu einem der Höhepunkte machen dann Jaye und Mark Powell das fiktive Streit-Duett nach der Pause, in dem sie ihre Standpunkte offenbaren. Ché wirft Evita vor, das Volk zu missbrauchen. Sie weiß dagegen, was es will: "Ich habe ihm sein Traumidol gegeben" - selbstverständlich in Dior-Robe. Nicht verwunderlich, dass der humane, humorvolle Powell zum eigentlichen Sympathieträger des Abends wird.

Die Fassadenhaftigkeit der zelebrierten Macht-Tableaus in Matthew Wrights effektsicher ausgeleuchteter Säulenhalle bricht die Sterbeszene der Evita, in der sie erkennt, dass ihr Mann sie wirklich liebt. Trotzdem ermuntert sie ihn auf dem Totenbett: "Meine Krankheit kann dein Vorteil sein." Evita denkt bis zuletzt eisern und unbeugsam an die Macht. Als Abigail Jaye aber doch noch Gefühle spüren lässt ("You Must Love Me"), herrscht ergriffene Hochspannung in der Oper, die sich im tränenreichen Finale löst. Regisseur Bob Tomson wagt in seiner raschen, notgedrungen auch plakativen Inszenierung mit flotten Tanzeinlagen Ansätze zur "Evita"-Demontage und zur politischen Satire: Im Duett des Perón-Paars ("Das Böse regiert die Welt ohne Normen"), bei der Militär-Gavotte ("Politik ist die Kunst des Möglichen") oder im überspitzten Kitsch des Messbilds mit dem beklatschten Solo der kleinen Silja Timm. Webbers oft schwelgerische Melodik bekommt plötzlich eine ätzend falsche Süße, ein parodistisches Pauken-Tamatam. Und das Harfengeklimper klingt wie purer Hohn.

Von den "Evita"-Inszenierungen, die hier zu sehen waren, ist die aktuelle die beste, konsequenteste und auch mutigste - für das Musical-Entertainment. Denn sie zeichnet relativ ungeschönt das Porträt einer auf ihre Weise faszinierenden und erstaunlichen Frau, kratzt jedoch unübersehbar am verklärenden Glanz der noch bis heute vom Volk verehrten Ikone.

Evita bis 26.8., 20.00 (Sa + So auch 15.00), Staatsoper, Karten bei allen Hamburger Abendblatt-Ticket-Shops und unter der Ticket-Hotline 040/30 30 98 98; www.hamburgische-staatsoper.de