Menschlich gesehen

Evitas Traum

Der knallrote Lippenstift ist messerscharf gezogen, die blonde Perücke sitzt streng am Kopf, das lange weiße Kleid steht wie ein Sahnebaiser. Majestätisch posiert Abigail Jaye auf dem Balkon. Dem der Staatsoper. Zum Fototermin für das Musical "Evita", in dem sie die berühmte argentinische Präsidentengattin Perón verkörpert. Ein Balkon ist auch beim Gastspiel in Hamburg Dreh- und Angelpunkt, wenn die Britin auf der Bühne den Überhit "Don't Cry For Me, Argentina" schmettert.

"Die Rolle ist ein Traum für jedes Mädchen", erzählt Jaye, die die renommierte Mountview Academy in London absolvierte. Ihr Akzent klingt herrlich kantig. Südenglisch. Denn wenn die 30-Jährige nicht für Engagements wie "Dr. Doolittle" oder "Grease" durch die Welt tourt, erholt sie sich zu Hause in der Hafenstadt Chichester, wo ihre Eltern leben, eine Opernsängerin und ein Dirigent. "Und wo es grün und ruhig ist."

Dass Jaye eine Naturfreundin mit zwei Hunden ist, glaubt man erst, wenn Kunsthaar und Kostüm abgelegt sind. Dann kommt eine agile junge Frau zum Vorschein, deren braune Haare munter schwingen. "Das Bühnenkleid sieht hübscher aus, als es sich anfühlt", sagt Jaye. Doch wenn sie sich die dicken weißen Schichten überziehe, lege sich in ihr ein Schalter um. Dann verwandelt sich die Aktrice (trotz Zahnspange und der Tatsache, dass sie privat lieber mal ein Weißbier trinkt) in die glamouröse, vergötterte, intrigante First Lady.