Theater

Thalia - das ist die neue Generation

| Lesedauer: 8 Minuten
Heinrich Oehmsen und Annette Stiekele

Die jungen Wilden prägen den aktuellen Spielplan des Thalia Theaters. An diesem Wochenende wirken viele von ihnen in "Dantons Tod" mit.

Hamburg. Derzeit scheint am Thalia-Theater - fast - alles zu gelingen. Bei den diesjährigen Lessingtagen war manche Hausvorstellung stärker gefragt als ein exotisches Gastspiel. Im dritten Jahr unter Intendant Joachim Lux haben die Hamburger das neue Ensemble lieben gelernt; vor allem die dynamische, junge Riege. Auf den Nachwuchs zu setzen, das hat Tradition am Alstertor. Seine "Jugendnationalmannschaft" nannte Ende der 1980er-Jahre Intendant Jürgen Flimm seine Garde um heutige Stars wie Michael Maertens, Annette Paulmann und Stefan Kurt. Auch Flimms Nachfolger Ulrich Khuon gelang es, weit über das Haus leuchtende Darsteller-Sterne zu entwickeln.

Joachim Lux führt dieses Prinzip mit seinem Oberspielleiter Luk Perceval durchaus erfolgreich fort. Beide räumen noch eher unerfahrenen Darstellern die Freiheiten und die Chancen ein, ihr Können zu zeigen. Neben Boy-Gobert-Preisträger Mirco Kreibich und Patrycia Ziolkowska fallen hier derzeit vor allem Birte Schnöink, Rafael Stachowiak, Jörg Pohl, Daniel Lommatzsch und Thomas Niehaus besonders auf. Kreibich, Pohl, Lommatzsch und Niehaus stehen an diesem Sonnabend bei der Premiere von Jette Steckels Version von Büchners "Dantons Tod" auf der Thalia-Bühne.

"Wahnsinnig viele junge Leute hier", dachte Daniel Lommatzsch, 34, als er aus Hannover zurück in seine Heimatstadt Hamburg ging. Natürlich habe man sich gegenseitig im neuen Thalia-Ensemble erst einmal abgecheckt, aber die Neugier habe über die Angst vor der Konkurrenz gesiegt. Rafael Stachowiak nimmt es gelassen. "Alles Schlechte beginnt mit dem Vergleich. Das war an der Schauspielschule sehr viel schlimmer." Der in Bochum aufgewachsene Mime freut sich nicht mehr ausschließlich über große Rollen. Auch Nebenfiguren böten die Möglichkeit für glanzvolle Auftritte. Ein Beweis dafür ist der Überraschungserfolg von "Invasion"; seit 2009 war jede der 50 Vorstellungen in der Gaußstraße ausverkauft.

Mit dabei ist auch Ensemble-Kollege Thomas Niehaus, 31. "Ich missgönne niemandem seine Rollen. Das hat eher etwas Produktives", sagt er und lobt das gute Klima am Hause. "Manche beschweren sich, wenn Kollegen zu wenig zu spielen haben." Niehaus ist nicht jemand, der große Auftritte einfordert. Bei "Emilia Galotti" hat es mit der Rolle des Prinzen ganz von allein geklappt. Der Jungdarsteller, in Lübeck geboren, hat in Hannover studiert, er gelangte über ein Klassenvorspiel zunächst ans Berliner Ensemble von Claus Peymann. Eine harte, aber gute Schule.

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"Mir liegt das Spielerische mehr als das Formelle. Wenn jedes Wort aufgrund von Betonung oder falscher Theatralik seine Lebendigkeit verliert, interessiert mich das nicht mehr", sagt Niehaus. Er habe sich da durchgehauen. Viel eingesteckt. Später habe man ihm einen roten Teppich ausgerollt. Sich selbst kaum formulieren zu können, weil einem alles vorgebrüllt wird, daran gewöhnte er sich nicht. "Man nimmt eine Menge mit, aber das ist nicht meine Art von Theater." Ein Treffen mit Luk Perceval, der damals an der Berliner Schaubühne inszenierte, ebnete den Weg nach Hamburg. "Ich bin froh, dass es am Thalia mehr um den Menschen hinter der Figur geht als um die Figur vor dem Menschen."

Perceval holte auch Rafael Stachowiak und Birte Schnöink von der Schaubühne. Noch während seiner Ausbildung an der Berliner Ernst-Busch-Schule wurde Stachowiak von Intendant Thomas Ostermeier fest an die Schaubühne verpflichtet. "Ich habe dort viel gespielt und hatte keinen Grund wegzugehen. Doch das Thalia-Theater war immer ein Traum", sagt Stachowiak. Als Perceval den 30-Jährigen ansprach, ließ er sich auf das Angebot ein, das er als "Reise ins Ungewisse" bezeichnete.

Seine Schulkollegin Birte Schnöink wurde von Perceval bei einem Studienprojekt zu Schillers "Räubern" an der Schaubühne entdeckt. Beide staunen darüber, mit welch sicherem Gespür Lux und Perceval ein Ensemble zusammengecastet haben, das menschlich so gut harmoniert wie das der derzeitige Thalia-Ensemble. Schnöink entdeckt wenig Wettbewerb unter den weiblichen Ensemblemitgliedern: "Wir sind nicht so viele, und jede verkörpert einen anderen Typus." Für die 27-Jährige aus Delmenhorst, die etwa in "Axolotl Roadkill" überzeugte, ist es das erste feste Engagement.

Daniel Lommatzsch freute sich nach einer Stippvisite an Karin Beiers Kölner Schauspiel darauf, wieder Teil eines großen festen Ensembles zu sein. Nach Anfängen in Zürich, wo ihn Stefanie Carp in die ruhmreiche Marthaler-Ära hineinvermittelt hatte, war er in Hannover in die Endphase der Intendanz Wilfried Schultz geraten, "Das Ensemble befand sich bereits in Auflösung. Da fehlte die Dynamik." Der Jungmime hat am Thalia in Arbeiten wie "Atropa" und "Invasion" überzeugt. Stieg mit nur wenigen Wochen Vorbereitung in Nicolas Stemanns "Die Räuber" ein. Lommatzsch gelingt die rare Kreuzung aus emotionaler Intensität und Tiefenschärfe einer Figur.

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Während sich seine Kollegen an die ganz großen Rollen noch heranarbeiten, muss er schon lange nicht mehr um große Auftritte kämpfen. Jörg Pohl, 31, ist aktuell in bis zu fünf Hauptrollen von "Hamlet" bis zu "Merlin" zu sehen. Derzeit ringt der junge Vater mit der Dauermüdigkeit. "Obwohl hier viele Bombenschauspieler sind, ist die Stimmung wahnsinnig gut. Ich denke, man sieht den Abenden auch an, dass hier ein im Umgang miteinander ziemlich unbefangenes Team spielt", sagt er. Dramaturg Benjamin von Blomberg hatte Pohl an einem Abend in Zürich gesehen. Sie tranken ein Bier, erinnert er sich, "dann war ich hier." Auch wenn er manchmal im wahrsten Sinne am Stock geht, Pohl gibt für das Theater alles und steht, wenn es sein muss, auch mit einem lädierten Sprunggelenk auf der Bühne.

Mit Regisseuren unterschiedlich an Stoffe heranzugehen, das liegt ihm. In seinen Auftritt in Shakespeares Komödie "Was ihr wollt" habe er "alles hineingeworfen, was ihm eingefallen" sei. Auch viel Derbes, aber bei einem Klamauk-Dauerfeuer wie diesem sei das egal. Nur Träger einer Textfläche zu sein befriedige ihn nicht. "Es gibt Arbeiten, bei denen man sich in den Dienst eines Textes stellt. "Bei 'Merlin'-Regisseur Antú Nunes geht es eher um die Frage, vertraue ich dem mimetischen Prinzip oder lehne ich es aus inhaltlichen Gründen ab oder beides und ich spiele mit den Möglichkeiten und Widersprüchen, die sich daraus ergeben." Dieses Spiel mit dem Ein- und Ausstieg aus einer Rolle, sieht Pohl als dankbare Herausforderung. Anders Daniel Lommatzsch, derzeit in vielen projekthaften Rollen zu sehen. Er erkennt: "Ich sehne mich nach einer konsistenten dramatischen Textvorlage." Einfach mal wieder eine Figur verkörpern, wie er es auf der Schule in Hannover gelernt hat. Nunes, ebenfalls erst 28 Jahre alt, und sein dynamischer Regiestil sind - neben der 30-jährigen Jette Steckel - der Nukleus, um den herum sich diese Jugendmannschaft formiert hat.

"Bei der Arbeit mit Antú hat sich das eingelöst, worauf ich gehofft habe, als ich ans Thalia ging", sagt Rafael Stachowiak. Der 30-Jährige vergleicht die Arbeit zu Tankred Dorsts "Merlin oder Das wüste Land" mit einem Jugendcamp. "Alle an dieser Produktion beteiligten waren um die 30, außer der Souffleuse." Nunes habe viel gewagt, den Schauspielern unbekannte Wege eröffnet. "Bei den Proben herrschte ein besonderer Spirit."

Dieser Geist, gekreuzt mit dem Mut der Theaterleitung, auf junge Talente zu setzen, verbindet sich derzeit zu einem aufregenden jungen Theater. Ein Theater, das in der Ersten Liga mitspielt.

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