Neues Studioalbum "24/7": So tanzbar wie nie zuvor

Die Sterne - mit Lessing in die Disco

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Birgit Reuther

Foto: Pressefoto / PR

Zwischen "Hamburgischer Dramaturgie" und "Hamburger Schule": Die Sterne präsentieren ihr Album "24/7" bei den Lessingtagen im Thalia-Theater.

Hamburg. Mit der Hamburger Band Die Sterne ließen sich schon immer vortrefflich die "Themenläden" besuchen, die Frontmann Frank Spilker im Jahre 1996 besang. Im Angebot seines musikalischen Gemischtwarengeschäfts hatte er schon damals Songs rund um die Frage, wie es sich denn als Mensch so leben lässt in dieser postmodernen, verzettelten Welt.

"Risikobiografie" hießen solche Stücke, "Wir verstehen so manches nicht" oder "Kannst du dich nicht endlich entscheiden?". Und wer die Welt nicht schlicht in Schwarz und Weiß einsortiert, der ist gar nicht so weit entfernt von Gotthold Ephraim Lessing, der nicht zuletzt im "Nathan" die parallele Existenz verschiedener kultureller Systeme propagierte.

Nun muss man sich nicht unbedingt dazu versteigen, die Hamburgische Dramaturgie und die "Hamburger Schule" in einen Topf zu werfen - des Dichters Dramentheorie aus dem 18. und des Musikers Netzwerk aus dem 20. Jahrhundert. Doch das Leben zu verdichten und zu überhöhen, und das mit Ironie, davon verstehen beide was. Und daher macht es durchaus Sinn, dass Die Sterne in der Rubrik "Besonderes" ihr Ende Februar erscheinendes Album "24/7" im Rahmen der Lessingtage auf der großen Bühne des Thalia-Theaters präsentieren.

Während Jochen Distelmeyer sich dem satt-zarten Pop zuwendet und Tocotronic elegisch dem Rock frönt, gehen Die Sterne auf ihrem neunten Studio-Album geradewegs Richtung Disco. Schon seit ihrer Gründung 1992 hat die Band smarte Texte mit Funk und Rock so aufbereitet, dass sie nicht nur Hirn, sondern auch Hüfte ansprechen. Doch so tanzbar wie jetzt klang die Band noch nie.

Das große Glamour-Gewitter aus Gitarre, Beats, Bass und Synthesizer ist nicht zuletzt dem neuen Organisten zu verdanken, dem Münchner DJ Mathias Modica alias Munk, der Richard von der Schulenburg an den Tasten ersetzt. Ein Sound, der zwingend bewegt. Doch während Lessing, der große Empathiker, den dramaturgischen Kniff der Katharsis benutzt, um zum Mitfühlen anzuregen, funktioniert das bei Den Sternen über den Groove - was sich im Empfinden mitunter ähnlich äußert. So wie der Theaterzuschauer im Idealfall von der Inszenierung berührt wird, mit und in ihr lebt für zwei, drei Stunden, so ist es der optimale Zustand des Discogängers, vom Sound derart gepackt zu werden, dass Körper, Klang und Klub in ein großes Driften geraten. Ist es die Erlösung des Theaterzuschauers, den Saal emotional ergriffen, inspiriert, vielleicht gar moralisch geläutert zu verlassen, so liegt die Befreiung des Discogängers darin, erschöpft, aber glücklich von der Tanzfläche ins Freie zu treten, vom Nachhall der Nacht noch Tage euphorisiert.

" Wohin zur Hölle/mit den Depressionen/Ich geh in die Disco/Ich will da wohnen ", singt Spilker gewohnt lässig zur Eröffnung von "24/7". Ekstase als Heilung. "Tanz den Burnout!" Ein Prinzip, das bei den im Subkultur-Kontext verwurzelten Sternen jedoch nicht nur für "Die Stadt der Reichen" gilt. Dem Schampus ziehen sie nach wie vor die Astra-Knolle vor. Die Schönheit der Spelunke, die Sexyness des Abgewetzten zeigt sich bravourös im aktuellen Video zu "Deine Pläne". Wer je Gérard Depardieu als abgehalfterten Schlagerstar in "Chanson D'Amour" gesehen hat, findet in dem Clip Frank Spilker als dessen Hamburger Wiedergänger. Das Glitzerhemd spannt, die Haare kleben unvorteilhaft am Kopf. Eine Hymne auf das Hässliche.

Wie im Gegensatz dazu in unserer Dienstleistungsgesellschaft vieles vermeintlich flexibel auf ein Lächeln glattgebürstet wird, verhandelt das Stück "Convenience Shop": " Und auch wenn du ein Arschloch bist/wir haben für dich auf - 24/7 ". Verfügbarkeit rund um die Uhr. Diese Art von Toleranz hat der weise Lessing gewiss nicht gemeint. Weder im Themenladen. Noch im Convenience Shop.

Die Sterne live: 1.2., 21 Uhr, Thalia-Theater. 26.2., Indra, Große Freiheit 64.