Serie: Volksentscheid zur Schulreform

Bildungsysteme in Europa - Das Lernen der anderen

Foto: Julian Rentzsch / www.reque.de

Eine Schule für alle: Fast alle europäischen Länder setzen auf längeres gemeinsames Lernen. Die vierjährige Grundschule ist die Ausnahme.

Hamburg. Das deutsche Bildungssystem ist in zwei Punkten in Europa weitgehend isoliert: Zum einen gibt es kein einheitliches Bildungssystem, denn jedes Bundesland entscheidet eigenständig; zum anderen lernen in fast allen europäischen Ländern die Kinder sechs Jahre oder länger gemeinsam. Ein Überblick über die Schulsysteme unserer Nachbarn.

In Belgien werden die Grundschulen als sechsjährige Einheitsschulen geführt. Der Abschluss der Grundschule ist die Voraussetzung zur Versetzung in den Sekundarbereich. Der gliedert sich in zwei unterschiedlich anspruchsvolle Bildungsgänge, die jeweils sechs Jahre dauern. Der höhere Abschluss ähnelt dem deutschen Abitur.

PISA-Rang weltweit 2006

Naturwissenschaften (N): 13

Mathematik (M): 10

Lesekompetenz (L): 8

In Dänemark gibt es keine allgemeine Schulpflicht, aber eine neunjährige Unterrichtspflicht für Kinder ab sieben Jahren. Die Folkeskole ist eine Einheitsschule und umfasst die Klassenstufen 1 bis 9 sowie ein freiwilliges 10. Schuljahr. Nach Ende der Folkeskole haben die Jugendlichen verschiedene Bildungsmöglichkeiten: Das allgemeinbildende Gymnasium bereitet auf die allgemeine Hochschulreife vor, ebenso die Tages- oder Abendschule. An einem beruflichen Gymnasium können die Jugendlichen sowohl einen berufsqualifizierenden Abschluss als auch die Hochschulzugangsberechtigung erreichen.

+++ Bildungsstudien: Hamburger Schulsystem ganz unten +++

+++ Volksentscheid zur Schulreform: Der Hamburger Klassenkampf +++

PISA-Rang: N: 18, M: 10, L: 15

Im PISA-Vorzeigeland Finnland werden Kinder mit sieben Jahren schulpflichtig. Wie in Dänemark werden sie von der ersten bis zum Ende der neunten Klasse in einer ganztägigen Einheitsschule unterrichtet - in der sechsjährigen Primarstufe von einem Klassenlehrer und in der Sekundarstufe von Fachlehrern. Für die Aufnahme an den höheren Sekundarschulen - das Gymnasium oder die berufsbildende Schule - ist die Abschlussnote nach dem neunten oder dem freiwilligen zehnten Schuljahr ausschlaggebend. In der finnischen Gesamtschule gibt es weder externe noch interne Differenzierungen nach Leistungen.

PISA-Rang: N: 1, M: 1, L: 2

Mit dem sechsten Lebensjahr beginnt in Frankreich eine zehnjährige Schulpflicht. Die fünfjährige Primarschule ist in zwei Stuften gegliedert. In der ersten und zweiten Klasse lernen die Kinder Grundfertigkeiten. Vom dritten bis zum fünften Schuljahr wird das Wissen vertieft. Der Übergang in den Sekundarbereich erfolgt automatisch. Das vierjährige Collège bietet allen Schülern von 11 bis 15 Jahren den gleichen nationalen Lehrplan. Wenn Schüler nach dem Collège eine Berufsausbildung beginnen wollen, gibt es spezielle Eingliederungsklassen. Nach der neunten Klasse stehen den Jugendlichen zwei weiterführende Schulen zur Verfügung: das allgemeinbildende Gymnasium oder ein berufsbildendes Lycée. Beide schließen mit dem französischen Abitur ab.

PISA-Rang: N: 19, M: 17, L: 17

Nach der sechsjährigen Primarschule werden in Griechenland alle Kinder ohne Prüfung ins obligatorische Gymnasium versetzt, Schüler mit besonderen Talenten werden in Spezialgymnasien unterrichtet. Nach weiteren drei Jahren Gymnasium haben die Schüler ihre Pflichtschulzeit hinter sich und können entweder einen Beruf erlernen oder auf ein allgemeinbildendes Lyzeum wechseln, das sie in drei Jahren auf den Hochschulbesuch vorbereitet.

PISA-Rang: N: 28, M: 28, L: 27

In Großbritannien finden sich in Schottland, Wales, Nordirland und England jeweils eigenständige Schulsysteme. Sie ähneln sich, im Prinzip sind die Systeme in Wales, Nordirland und England auf Spezialwissen, das System in Schottland auf Allgemeinwissen ausgerichtet. Im Vereinigten Königreich beträgt die Schulpflicht elf Jahre. Fast 90 Prozent der Schüler besuchen nach der sechs- bis siebenjährigen Grundschule (Primary School) die Gesamtschule (Comprehensive School). Dort wird in leistungsheterogenen Gruppen unterrichtet. Die Grammar School bereitet auf ein Studium vor.

PISA-Rang: N: 9, M: 18, L: 13

In Italien gilt die zehnjährige Schulpflicht. Alle Schüler besuchen fünf Jahre lang die gemeinsame Primarschule. Daran schließen sich drei Mittelschuljahre für ebenfalls alle Elf- bis 14-Jährigen an. Erst dann können die Jugendlichen ihren Fähigkeiten entsprechend zwischen Gymnasien verschiedener Fachrichtungen (altsprachliches oder naturwissenschaftliches Gymnasium) wählen, die mit der Hochschulreife abschließen. Oder sie haben die Wahl zwischen Schulen einer stärkeren beruflichen Ausrichtung (Kunstfachschule, technisch-berufliches Institut oder berufliches Institut), die entweder einen Berufsabschluss oder den Besuch einer Fachhochschule ermöglichen. Die Schulpflicht wurde in einer Schulreform nach dem schlechten Abschneiden Italiens in der ersten PISA-Studie von acht auf zehn Jahre verlängert.

PISA-Rang: N: 26, M: 27, L: 24

Die Mehrzahl der Kinder in den Niederlanden wird schon mit vier Jahren eingeschult. Eine Prüfung am Ende der achtjährigen Basisschule entscheidet über den weiteren Werdegang der Kinder. Die Eltern haben nur wenig Einfluss auf die Schulkarriere des Kindes. Je nach Prüfungsergebnis besucht es die vierjährige Vorbereitende Mittlere Berufsbildung (VMBO), die Mittlere Allgemeine Bildung (HAVO) oder die Universitätsvorbereitende Bildung (VWO). Die VMBO bereitet auf eine Berufsausbildung vor, die fünfjährige HAVO bietet einen Abschluss, der etwa der deutschen Fachoberschulreife entspricht. Die sechsjährige VWO bietet den höchsten Abschluss.

PISA-Rang: N: 6, M: 3, L: 9

In Norwegen ist das gemeinsame Lernen in der zehnjährigen Grunnskole (Grundschule) obligatorisch. Kinder mit Lernschwierigkeiten sind in den normalen Unterricht integriert. Verlässt ein Schüler nach der zehnten Klasse die Schule, erhält er ein Abgangszeugnis. Im Anschluss an die Grundschule haben die Jugendlichen die Möglichkeit, die einheitliche dreijährige weiterführende Schule zu besuchen. Im elften Schuljahr besuchen alle Kurse mit allgemeinbildenden und berufsvorbereitenden Inhalten. Danach sind Spezialisierungen möglich.

PISA-Rang: N: 24, M: 23, L: 19

Das Schulsystem in Österreich ist vergleichbar mit dem deutschen und dem Schweizer Schulsystem. Ein wesentliches Merkmal ist die vierjährige Primarausbildung in der Volksschule. Danach folgt für vier Jahre entweder der Besuch der Hauptschule oder leistungsabhängig der Unterstufe der Allgemeinbildenden Höheren Schule (AHS). Von beiden Schultypen ist der Wechsel in die AHS-Oberstufe - zur Vorbereitung auf die Universität und spezialisierte Ausbildungen - mit dem Abschluss Matura als Hochschulreife möglich. Der berufliche Bildungszweig gliedert sich in drei Richtungen (höhere, mittlere, polytechnische Schule).

PISA-Rang: N: 12, M: 13, L: 16

In Polen beginnt die neunjährige Schulpflicht mit dem siebten Lebensjahr der Kinder, die dann sechs Jahre gemeinsam in die Grundschule gehen. Danach lernen die Schüler weiterhin gemeinsam drei Jahre lang am Gymnasium. Im Anschluss können die Jugendlichen zwischen dem allgemeinbildenden Lyzeum, dem spezialisierten Lyzeum, dem Technikum und der Berufsschule entscheiden. Bis auf die Berufsschule schließen alle Bildungswege mit dem Abitur ab und eröffnen die Möglichkeit eines Studiums an einer polnischen Hochschule.

PISA-Rang: N: 17, M: 19, L: 7

Portugals Kinder lernen neun Jahre lang gemeinsam. Ab dem sechsten Lebensjahr besuchen sie eine Einheitsschule, die mit der vierjährigen Grundschule mit einem Klassenlehrer beginnt und sich über die fünfjährige Oberschule mit Fachlehrern fortsetzt. Der erfolgreiche Abschluss dieser Grundbildung ist die Voraussetzung für den Eintritt in ein allgemeinbildendes Lyzeum, ein technisches Gymnasium oder die Qualifizierungsstufe der Beruflichen Schulen. Alle drei Schulformen sind dreijährig und führen zum Erwerb der Hochschulreife. Die neunjährige Pflichtschule ist kostenlos, die Lyzeen, Gymnasien und Hochschulen kosten Schulgeld.

PISA-Rang: N: 27, M: 26, L: 23

In Schweden bildet die neunjährige gemeinsame Grundskola in Ganztagsform das Kernstück des Schulsystems. Bis zum Übergang in den Sekundarbereich II gibt es keine Prüfungen und keine Zensuren, aber kontinuierliche Beobachtungen und Berichte über die Lernfortschritte der Kinder. Erst zum Abschluss der Grundschule gibt es ein Zeugnis in den Fächern Schwedisch, Mathematik und Englisch. Nach einem erfolgreichen Abschluss wechseln etwa 98 Prozent in die dreijährige Gymnasialschule, die mit landesweit 17 unterschiedlichen Ausbildungsprogrammen ins Berufsleben oder zur Hochschule führt.

PISA-Rang: N: 16, M: 15, L: 8

Die Schulpflicht in der Schweiz beginnt im Alter von sechs Jahren in der Primarschule. Das Schulsystem wird in jedem der 26 Kantone unterschiedlich geregelt. Die Primarschule dauert zwischen vier und sechs Jahren. Unterrichtet wird von Klassenlehrern am Vor- und Nachmittag. Die Dauer der weiterführenden Schule richtet sich nach der Dauer der Primarschule. Für die Sekundarstufe I werden die Kinder auf Schultypen mit unterschiedlichen Leistungsniveaus eingeteilt. In den meisten Fällen erteilen die Lehrer den "Zuweisungsentscheid". Die Schulen mit erweiterten Ansprüchen heißen "Sekundarschule" oder "Bezirksschule" und bereiten auf die Fachmittelschulen und die vierjährigen Maturitätsschulen mit dem Abschluss Matura vor.

PISA-Rang: N: 11, M: 4, L: 11

Seit dem Ende der 90er-Jahre gibt es in Ungarn eine zwölfjährige Schulpflicht. Die Allgemeine Schule umfasst acht Schuljahre und ist in Unter- und Oberstufe eingeteilt. Im Anschluss an Klasse acht schließt der vierjährige Besuch einer Berufsmittelschule, Berufsschule, Fachschule oder eines Gymnasiums an. Das Besondere in Ungarn: Der Unterricht liegt in den Händen der Bildungseinrichtungen. Die Schule entscheidet über ihre Organisation und verwaltet das Budget. Der Schulleiter wird vom kommunalen Parlament gewählt und erhält die uneingeschränkte Leitung der Schule sowie die Hoheit über den Lehrplan.

PISA-Rang: N: 15, M: 21, L: 21

Lesen Sie morgen: Die Folgen des Volksentscheids können weitreichend sein. Nicht nur für die Schulen, auch für die Politik. Denn schon lange wird über Rücktritte von Ole von Beust und Christa Goetsch im Falle einer Niederlage spekuliert.

Die Folgen im Überblick: 1. Vorspiel, 2. Gute Schule, schlechte Schule, 3. SO LERNT EUROPA, 4. Was wäre, wenn? Zwei Szenarien, 5. Wo streiten sie denn? 6. Vor Ort: Das Johanneum, 7. Vor Ort: Stadtteilschule Barmbek, 8. Streit der Experten, 9. Das Kreuz mit dem Kreuz, 10. Gipfeltreffen Goetsch - Scheuerl