Schulreform

Nach Pisa: Rückenwind? Oder etwa Wind von vorn?

Sowohl die Befürworter als auch die Gegner der Schulreform sehen ihre Position durch die Ergebnisse der neuesten PISA-Studie bestätigt.

Die zum Teil überraschenden Ergebnisse des ersten Ländervergleichs in Deutsch und Englisch in der Folge der PISA-Studien haben die Debatte über die Primarschule angefacht. "Das ist guter Rückenwind für die Reform", sagte Schulsenatorin Christa Goetsch (GAL). Vor allem der erneut belegte Befund, dass die soziale Herkunft für den Bildungserfolg von großer Bedeutung sei, spreche für die Schulreform.

Ganz anders interpretiert Walter Scheuerl, der Sprecher der Volksinitiative "Wir wollen lernen", die Zahlen der nationalen Bildungsstudie. "Die erfolgreichen Bundesländer Sachsen, Bayern und Baden-Württemberg haben eine vierjährige Grundschule", sagte Primarschulgegner Scheuerl. Im Fach Deutsch belege Hamburg zusammen mit Berlin und Brandenburg, die bereits eine sechsjährige Grundschule haben, die hinteren Plätze. Allerdings: Schlusslicht ist Bremen mit einer vierjährigen Grundschule.

Wie berichtet, hatte Hamburg beim Hörverständnis in Englisch einen hervorragenden dritten Platz belegt. Im Leseverständnis sind die Hamburger Neuntklässler Durchschnitt: Platz sieben. Doch im Fach Deutsch landen die Hamburger Schüler - wie schon bei den PISA-Vorgängern - im letzten Tabellendrittel. Das gilt für das Hörverstehen (Platz 13), das Leseverständnis (Platz 14) und die Rechtschreibung (ebenfalls Platz 14). Bemerkenswert ist, dass auch die Leistungen der Gymnasiasten in Hamburg unterdurchschnittlich sind. In der Rechtschreibung liegt der Durchschnittswert der Gymnasiasten aller Länder bei 579 Punkten. Die Hamburger erreichen nur 552 Punkte. Schlechter ist allein Mecklenburg-Vorpommern (551). Beim Hör- und Leseverständnis im Deutschen schneiden die Hamburger Gymnasiasten nur wenig besser ab. Einen Lichtblick gibt es auch hier: Beim Hörverständnis in Englisch landen die Hamburger nach den Bayern sogar auf Platz zwei.

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Goetsch sieht Hamburg im Englischen auf dem richtigen Weg. Dass das Fach spielerisch-kommunikativ bereits von der dritten Klasse an gelehrt werde, habe sich ausgezahlt. Vom kommenden Schuljahr an sollen schon die Erstklässler anfangen, Englisch zu sprechen.

Im Fach Deutsch will Goetsch die Sprachförderung weiter ausbauen. Der hohe Anteil der Kinder, die Deutsch nicht als Muttersprache haben - in den Grundschulen jeder zweite Schüler -, mache dieses Vorgehen erforderlich. "Die Maßnahmen der vergangenen Jahre wie zum Beispiel die Viereinhalbjährigen-Sprachstandserhebung sind noch nicht in die Studie eingeflossen", sagte die Senatorin. Wichtig sei auch das Konzept der individuellen Förderung, die Teil der Schulreform ist.

Der CDU-Bildungsexperte und Bundestagsabgeordnete Marcus Weinberg sieht weiterhin Handlungsdruck aufseiten der Politik. "Die derzeitigen Schulsysteme fördern Kinder mit Migrationshintergrund zu wenig und differenzieren häufig zu wenig nach Leistung, sondern nach sozialer Herkunft", sagte Weinberg. Hamburg sei mit der Schulreform auf dem richtigen Weg. "Die Trennung der Kinder bereits nach Klasse vier hat es nachweislich nicht geschafft, diese Herausforderungen zu meistern", so Weinberg.

Aus Sicht der GAL-Landeschefin Katharina Fegebank braucht Hamburg die Schulreform. "Den Grundstein für Spitzenleistungen legen die Primarschule und der individualisierte Unterricht", glaubt die GAL-Politikerin. Ganz anders die FDP-Bildungsexpertin Sylvia Canel: "Die Schlusslichter der Studie - Hamburg, Berlin und Brandenburg - verbindet ein ständiges Reformchaos durch unablässig wechselnde Schul-Experimente." Mehr Bildungsqualität brauche mehr Planungssicherheit und ein klares Bekenntnis zur Eigenständigkeit der Schulen.

"Allein die Tatsache, dass sich zehn Jahre nach der ersten PISA-Studie nichts gebessert hat, macht deutlich, dass in Deutschland endlich das unsoziale Dreiklassen-Schulsystem überwunden werden muss", sagte Linken-Fraktionschefin Dora Heyenn. Deswegen sei Hamburg mit der Primarschule auf einem guten Kurs. "Das wirklich Erschüttende ist, wie stark die soziale Herkunft der Kinder den Schulerfolg bestimmt", sagte Klaus Bullan, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Das gelte besonders für Bayern und Baden-Württemberg, aber auch für Hamburg. "Nur durch eine grundlegende Schulreform kann Hamburg seinen Platz am unteren Ende im Ländervergleich verlassen", sagte er. "Nur durch längeres gemeinsames Lernen lassen sich durch Elternhäuser bedingte Niveauunterschiede wenigstens teilweise ausgleichen", zielte Prof. Jobst Fiedler von der Initiative "Chancen für alle" in die gleiche Richtung.