Hamburg

Jens Kerstan über Coronakrise: „Chance für den Klimaschutz“

| Lesedauer: 13 Minuten
Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) hofft auf klimafreundliche Innovation nach der Krise.

Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) hofft auf klimafreundliche Innovation nach der Krise.

Foto: Mark Sandten

Der Umweltsenator über bessere Luft, Lehren aus der Pandemie und die Zusammenarbeit im Senat in dieser besonderen Lage.

Hamburg. Seine Behörde ist für Energie, Wasserversorgung und Stadtreinigung zuständig – also dafür, dass die Ver- und Entsorgung auch in Krisenzeiten gesichert ist. Im Abendblatt-Interview präsentiert Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) aber auch schon Ideen, was man aus der Coronakrise für den Klimaschutz lernen, wie man die Wirtschaft danach in Richtung mehr Nachhaltigkeit bewegen könnte – und was uns dieses Virus für unser künftiges Zusammenleben lehrt.

Herr Senator, wie ist die Lage in Ihrer Behörde in diesen besonderen Zeiten?

Jens Kerstan: Viele machen Homeoffice, ich auch häufiger. Wir können aber nicht alle ins Homeoffice schicken, dafür haben wir die technische Ausstattung nicht. Es läuft aber alles unaufgeregt und sehr gut, wir sind voll arbeitsfähig.

Wie sieht es bei Wasserwerken, Stadtreinigung oder Hamburg Wärme aus?

Kerstan: Wir haben in den Unternehmen und der Behörde bisher nur sehr wenige nachgewiesene Coronafälle. Damit alle diese für die Stadt so wichtigen Betriebe aber auch bei größeren Ausfällen weiterarbeiten können, ist es jetzt so organisiert, dass alle Mitarbeiter einer festen Schicht zugeordnet sind und sich bei der Übergabe nicht begegnen.

Um Ansteckungswellen zu vermeiden?

Kerstan: Genau. Mein Staatsrat und ich besuchen Sitzungen auch möglichst nicht gemeinsam, damit einer den anderen vertreten könnte. Außerdem gibt es tägliche Besprechungen in den Krisenstäben und zwischen den Krisenstäben von Umwelt-, Innen- und Gesundheitsbehörde.

Wie läuft die Zusammenarbeit Ihrer Grünen mit der SPD im Senat in diesen Zeiten?

Kerstan: Die Lage und die Empfehlungen der Wissenschaft waren am Anfang unübersichtlich, und wir mussten schwere Entscheidungen quasi in Echtzeit treffen. Wie schnell sollten bestimmte Einrichtungen schließen? Wir hätten zum Beispiel Clubs und Discos schon am letzten Sonnabend der Ferien schließen sollen, nicht erst am Montag. Denn an dem Wochenende kamen ja viele Leute aus den Risikogebieten zurück. Es gibt bisweilen auch Diskussionen darüber, ob und wie schnell man auf eine Immunisierung durch die sogenannte Herdenimmunität setzen soll. Das ist auch ethisch eine sehr schwierige Frage. Denn es landen ja doch bis zu 20 Prozent der Infizierten in den Krankenhäusern, und Folgeschäden sind nicht immer auszuschließen. Aber da unterscheiden sich die Positionen nicht unbedingt nach Parteien, sondern eher nach Personen und fachlichem Hintergrund. Wir haben im Senat sehr verantwortungsvoll und konstruktiv um Lösungen gerungen und immer eine gute gemeinsame Linie gefunden. Ein erster Erfolg ist, dass die Kurve bei den Neuerkrankungen in Hamburg flacher wird.

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Ist diese für viele Menschen so furchtbare Krise eigentlich zugleich auch eine Art Kur für den Planeten, wie manche sagen? Sinken Luft- und Klimabelastung deutlich?

Kerstan: Wir haben sicherlich in manchen Punkten eine Entspannung bei Schadstoffen und für das Klima. Darüber kann man sich aber nicht wirklich freuen, weil das diesen furchtbaren Bedingungen geschuldet ist – zu viel Leid und Tod und Existenzangst sind mit dieser Krise verbunden. Außerdem ist diese Atempause beim CO2-Ausstoß ja nicht strukturell bedingt, sondern allein durch die Pandemie. Echter Klimaschutz bezieht dagegen immer ökonomische und soziale Folgen für die Menschen mit ein – und macht auch strukturelle Änderungen bei der Art erforderlich, wie wir wirtschaften und unsere Freizeit organisieren.

Ist der CO2-Ausstoß aktuell deutlich zurückgegangen und die Luft besser geworden?

Kerstan: Es gibt deutlich weniger Autoverkehr, auch deutlich weniger Schiffsverkehr etwa aus China, dadurch nimmt die Belastung natürlich tendenziell spürbar ab. Allerdings hat etwa die Belastung mit Stickoxiden immer auch mit der Wetterlage zu tun. Da haben wir an den Hamburger Messstellen bisher keine gravierenden Rückgänge feststellen können.

Wirkt sich die Coronakrise in den Parks oder bei der Stadtreinigung aus?

Kerstan: Es sind mehr Leute in den Parks unterwegs. Aber es gibt dort kein viel größeres Müllaufkommen, wohl auch, weil beliebte Freizeitbeschäftigungen wie das gemeinsame Grillen ja derzeit untersagt sind. Was wir feststellen: Die Leute nutzen ihre Zeit im Homeoffice offenbar verstärkt zum Entrümpeln. Der Andrang war zuletzt so groß, dass die Stadtreinigung darum gebeten hat, nur noch in dringenden Fällen wie bei Umzügen die Recyclinghöfe anzufahren. Das Restmüllvolumen aus den Haushaltsmülltonnen hat auch zugenommen, wohl weil die Menschen mehr zu Hause sind. Auch viele Papier- und Glascontainer sind schneller gefüllt als in normalen Zeiten.

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