Stadtentwicklung

Hamburg baut weniger Radwege als versprochen

Hamburg fördert das Radfahren und baut die Wege aus, wie hier am Dammtor. Allerdings bleibt der Senat hinter den eigenen Zielen zurück.

Hamburg fördert das Radfahren und baut die Wege aus, wie hier am Dammtor. Allerdings bleibt der Senat hinter den eigenen Zielen zurück.

Foto: Andreas Laible

Zahl der Radfahrer geht an Messstellen zurück. Ausbauziele bei den Strecken zum wiederholten Mal verfehlt. Kritik von CDU und FDP.

Hamburg. Die Entwicklung Hamburgs zu einer Fahrradstadt, wie SPD und Grüne sie angekündigt haben, ist offenbar ins Stocken geraten. Im laufenden Jahr ist nicht nur die Zahl der Radfahrer gegenüber 2018 gesunken, der Senat wird auch zum dritten Mal in Folge seine Ziele beim Ausbau des Radwegenetzes verfehlen. Das geht aus Drucksachen hervor, die dem Abendblatt vorliegen.

Hinweise auf einen Rückgang der Radfahrerzahlen liefert eine erste Auswertung der sogenannten „Fahrradpegel“. Bei diesen wird an 38 Stellen in der Stadt einmal im Jahr für einen Tag das Radverkehrsaufkommen registriert. Die Auswertungen von 31 dieser Stichproben liegen bereits vor – und sie zeigen einen Rückgang der Zahl der Radfahrer von 6,6 Prozent gegenüber 2018.

Verkehrsbehörde: Schlechtes Wetter sorgt für Rückgang

Wurden 2018 an den 31 ausgewerteten Pegeln noch 55.757 Radfahrer gezählt, so waren es in diesem Jahr lediglich 52.080. Das geht aus einer Antwort des Senats auf eine Kleine Anfrage des CDU-Verkehrspolitikers Dennis Thering und dessen Auswertung der Daten hervor. Die Ergebnisse der fehlenden sieben Messstellen sollen noch im November vorliegen. Es gilt allerdings als unwahrscheinlich, dass diese den Negativtrend drehen können.

Für die Verkehrsbehörde liegt das Minus von 6,6 Prozent im Rahmen normaler Schwankungen. Der Rückgang habe auch mit dem besonders guten Wetter 2018 zu tun, das zu Spitzenwerten bei den Zählungen geführt habe. Das weniger gute Sommerwetter 2019 wäre demnach der Hauptfaktor für den Rückgang.

„Dass die Zahlen an den Fahrradpegelstandorten gegenüber 2018 rückläufig ist, zeigt, dass es bis zur fahrradfreundlichen Stadt noch ein weiter Weg ist“, sagte CDU-Verkehrspolitiker Thering. „Das Fahrradfahren bleibt abhängig von den Wetterverhältnissen. Auch ist gegenüber 2015 nur ein minimaler Anstieg messbar. Eine ziemlich maue Bilanz für die Grünen im Senat.“

Nur gut die Hälfte der geplanten Radwege wurde gebaut

Der Ausbau guter Radinfrastruktur müsse beschleunigt werden. „Auf die Straße aufgepinselte Radstreifen, die im Herbst vor lauter Laub kaum noch zu erkennen sind, gehören nicht dazu und schrecken gerade Familien und Senioren vom Fahrradfahren ab. Wir setzen uns hingegen für sichere Radwege und Radstreifen ein, die deutlich vom Pkw- und Lkw-Verkehr getrennt sind.“

Unterdessen stockt der Umbau Hamburgs zur Fahrradstadt auch an anderer Stelle. Bereits zum dritten Mal in Folge wird der Senat seine selbst gesteckten Ziele beim Ausbau der Radwege deutlich verfehlen. Von den 60 Kilometern, die 2017 und 2018 jeweils an neuen Fahrradstreifen auf Straßen oder Radwegen gebaut werden sollten, wurden in beiden Jahren gerade mal je 32 Kilometer errichtet – kaum mehr als die Hälfte. Auch im laufenden Jahr wird man wohl weit unter den erneut angestrebten 60 Kilometern neuer Radwege bleiben.

In einer umfassenden Drucksache hat der Senat im August festgestellt, dass auch 2019 lediglich „30 bis 50 Kilometer“ neu errichtet würden. Die Verkehrsbehörde wollte sich zu den Zahlen für dieses Jahr nicht äußern. „Richtig ist, dass Bauprogramme einen rund dreijährigen Vorlauf zum Hochfahren benötigen“, so Verkehrsbehörden-Sprecher Christian Füldner. Es gebe jedoch keinen Grund zur Sorge. Es entstünde eine immer bessere Infrastruktur für Radfahrer. „Dies braucht Zeit und einen langen Atem.“

Mangel an Fachkräften sorgt für Verzögerung

Grünen-Verkehrspolitiker Martin Bill betonte zwar, dass erst zum Schluss zusammengerechnet werde. „Doch leider ist absehbar, dass die Zielzahlen nicht erreicht werden“, so Bill. „Was beim Straßenverkehr gelingt, muss endlich auch beim Radverkehr gelten: Die gesteckten Ziele müssen eingehalten werden.“ Auf äußere Einflüsse habe man allerdings wenig Einfluss. „Fehlende Ingenieure und ausgelastete Auftragsbücher der Baufirmen erschweren die Prozesse“, so der Grünen-Politiker. „Es muss in der Umsetzung noch mehr Ehrgeiz entwickelt werden, auch die Radverkehrs-Zielzahlen zu erreichen.“

Diese Aussage kann man wohl getrost als Kritik an der Arbeit der von der SPD geführten Verkehrsbehörde werten. Die leicht gesunkenen Zahlen der Fahrradpegel wertet Bill derweil als normale Schwankungen, die mit dem Wetter zusammenhängen könnten. Allerdings lägen bisher keine Daten zu den Witterungsverhältnissen an den jeweiligen Zähltagen für 2019 vor. SPD-Radverkehrspolitiker Lars Pochnicht sieht die Probleme beim Radnetzausbau auch „vor dem Hintergrund der vollen Auftragsbücher bei Planungsbüros und Baufirmen“ Zudem müsse man auch Rücksicht auf die Baustellenkoordinierung nehmen.

FDP-Verkehrspolitiker Ewald Aukes wertete das wiederholte Verfehlen der Ausbauziele bei den Radwegen als symptomatisch für die Arbeit des rot-grünen Senates. „Auf öffentlichkeitswirksame Ankündigungen muss auch irgendwann eine Umsetzung erfolgen“, so Aukes. „Daran hapert es bei der rot-grünen Verkehrspolitik gewaltig, nicht nur bei der Baustellenkoordination, auch beim grünen Lieblingsprojekt Fahrradstadt.“ Es sei richtig, das Radfahren attraktiver zu machen, so der FDP-Politiker. „Das effizienteste Mittel dazu sind jedoch keine Imagekampagnen und teure Prestigeprojekte, sondern sichere Radwegeführung und anständige Radwege in der Fläche. Genau dort scheitert der Senat.“