"Ungeheuerliche Missstände"

Studien gefälscht? Stadt zeigt LPT-Tierversuchslabor an

Mehr als 7300 Demonstranten protestierten im Oktober gegen das umstrittene Labor.

Mehr als 7300 Demonstranten protestierten im Oktober gegen das umstrittene Labor.

Foto: picture alliance/dpa

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Hamburger Firma LPT , der auch Misshandlungen von Hunden und Affen vorgeworfen wird.

Hamburg. Hat die Hamburger Firma LPT über Jahre hinweg Medikamentenstudien an Ratten gefälscht? Dieser Verdacht steht im Raum seit einem Bericht des ARD-Magazins „Fakt“, der am Dienstagabend veröffentlicht wurde. In dem Beitrag behauptet etwa eine ehemalige Mitarbeiterin des Laborhauptstandorts in Hamburg-Neugraben, sie sei dazu „angehalten worden“, Ergebnisse zur Wirkung von Arzneien „zu verbessern“, wenn diese nicht den Erwartungen der Kunden entsprachen. Ähnlich äußert sich eine weitere ehemalige Mitarbeiterin, die zudem behauptet: „Es wurde den Auftraggebern nicht mitgeteilt, dass da gepfuscht worden ist.“

Als Reaktion hat die zuständige Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz am Mittwoch Strafanzeige gegen die Firma „wegen des Verdachts auf Betrug und aller in Betracht kommenden Delikte“ erstattet. Nun soll die Staatsanwaltschaft ermitteln. „Die Ereignisse werfen Fragen hinsichtlich der Zuverlässigkeit von LPT auf“, teilte die Behörde mit. Von der Klärung der Vorwürfe werde die Genehmigung weiterer Tierversuchsanträge der Firma abhängen.

Auch Hamburger Grüne stellt Strafantrag

Eine Strafanzeige gegen den LPT-Geschäftsführer Jost Leuschner erstattete am Mittwoch auch die gesundheits- und tierschutzpolitische Sprecherin der Grünen-Bürgerschaftsfraktion, Christiane Blömeke. Der ARD-Bericht deute auf „ungeheuerliche Missstände“ hin, teilte Blömeke mit. Bewahrheiteten sich die Vorwürfe, stelle das sämtliche Studien des Betreibers infrage. „In diesem Zusammenhang ist auch zu befürchten, dass Wirkstoffe auf den Markt gekommen sind, obwohl sie negative Ergebnisse im Tierversuch zeigten“, schrieb Blömeke. Es könne „nicht ausgeschlossen werden, dass billigend in Kauf genommen wurde, Menschen zu schaden“.

Die Grünen-Abgeordnete griff auch einen früheren Bericht über einen weiteren Standort der Firma LPT im niedersächsischen Neu Wulmstorf auf, in dem Vorwürfe erhoben wurden, der Betreiber quäle Versuchstiere. Die „entsetzlichen Bilder“ aus diesem Labor zeigten, dass die Firma tierschutzrechtliche Standards missachte, schrieb Blömeke.

Bereits Anfang Oktober hatte das niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit nach der Veröffentlichung der heimlich aufgenommenen Videos Strafanzeige gegen die Firma erstattet. Die Staatsanwaltschaft Stade hatte Ermittlungen aufgenommen. LPT erklärte daraufhin: „Bei der aktuellen Untersuchung kooperieren wir vollumfänglich mit den Behörden.“ Auf eine Abendblatt-Anfrage am Mittwoch zu den jüngsten Vorwürfen reagierte die Firma zunächst nicht.

CDU fordert strengere Kontrollen

Die SPD-Fraktion begrüßte, dass die von Verbraucherschutzsenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) geleitete Behörde den Vorwürfen nachgeht. „Nach allem, was wir zum jetzigen Zeitpunkt wissen, habe ich große Zweifel an der Seriosität und Zuverlässigkeit des Unternehmens“, erklärte die SPD-Gesundheitspolitikerin Sylvia Wowretzko. Der Firmensitz Neugraben sei Ende Oktober kontrolliert worden. Zuvor habe es eine Kontrolle des Labors in Neu Wulmstorf gegeben.

Der tierschutzpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Dennis Thering, begrüßte zwar den Schritt der Behörde, staatsanwaltschaftliche Ermittlungen einzuleiten. „Diesem unwürdigen Treiben zulasten der Tiere muss ein Ende gesetzt werden“, sagte er. Eine Anzeige entlasse die Verbraucherschutzbehörde und die Grünen im Hamburger Senat nicht aus der politischen Verantwortung. „Die Zahl der Kontrollen von Tierversuchslaboren in Hamburg ist viel zu gering und tendiert Richtung gesetzliches Mindestmaß“, sagte Thering. „Der Vorfall in Niedersachsen hat gezeigt, dass das nicht ausreicht.“ Er forderte, den Kontrollabstand für Tierversuchslabore von drei auf ein Jahr zu verringern. „Die für Forschung und Wissenschaft zuständige Senatorin Fegebank, die den aktuellen Neubau für Tierversuche am UKE mitverantwortet, kann sich hier nicht in die Büsche schlagen.“

„Soko Tierschutz“ ruft zu neuer Demonstration auf

Von einem „Weckruf für alle politisch Verantwortlichen“, sprach CDU-Spitzenkandidat Marcus Weinberg. Er forderte auch „einen langfristigen Ausstiegsplan aus Tierversuchen, um unnötiges Leid zu verhindern“. Auch die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Bürgerschaftsfraktion, Jennyfer Dutschke, begrüßte das Vorgehen der Verbraucherschutzbehörde. „Die Strafanzeige ist die logische Konsequenz angesichts der Vorwürfe.“

Am 19. Oktober waren mehr als 7000 Menschen in Hamburg einem Demonstrationsaufruf des Vereins „Soko Tierschutz“ gefolgt. Sie forderten die Schließung der Labore. Der Verein hatte nach eigenen Angaben einen Aktivisten als Mitarbeiter eingeschleust, der blutende Hunde und gefesselte Affen filmte. Nun ruft der Verein zu einer weiteren Demonstration auf, die am 16. November von 14 bis 18 Uhr auf dem Heidi-Kabel-Platz am Hauptbahnhof stattfinden soll.