Bertelsmann

Studie fordert 3100 mehr Erzieher in Hamburger Kitas

Wie viele Kinder muss eine Erzieherin oder ein Erzieher in einer Hamburger Kita im Durchschnitt betreuen?

Wie viele Kinder muss eine Erzieherin oder ein Erzieher in einer Hamburger Kita im Durchschnitt betreuen?

Foto: Daniel Karmann / dpa

Verwirrung um das tatsächliche Verhältnis von Betreuern und Kindern. Was Sozialsenatorin Leonhard der Studie entgegenhält.

Gütersloh/Hamburg. Erziehungsexperten sehen in den Kindertagesstätten Hamburgs einen dringenden Bedarf von 3100 zusätzlichen Erziehern. Wie aus einer Studie der Bertelsmann-Stiftung hervorgeht, habe sich die Situation in Hamburger Kitas in den vergangenen zehn Jahren (2008 bis 2018) zwar bereits deutlich verbessert. Laut diesem „Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme“ sei aber auch die Zahl der Kita-Kinder von 50.127 auf 77.116 gewachsen.

So kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass in den Hamburger Einrichtungen „noch immer nicht kindgerecht“ gearbeitet werde. Das liege auch daran, dass die Erzieherinnen und Erzieher unter enormem Druck litten.

Hamburger Kitas: Welche Betreuer-Zahlen sind kindgerecht?

Die Zahl der Betreuer hat sich demnach zwischen 2008 und 2018 von 9064 auf 15.216 erhöht. Der Personalschlüssel zeige zum Beispiel, dass eine vollzeitbeschäftigte pädagogische Fachkraft in Krippengruppen statistisch für 4,8 ganztagsbetreute Kinder zuständig sei. „Die Personalsituation hat sich damit gegenüber 2013 (1 zu 5,4) verbessert“, so die Studie. Bei den Kindergartengruppen habe es sogar eine erhebliche Verbesserung gegeben, von 9,3 Kindern pro Betreuer (2013) auf 8,1 (2018).

Doch als „kindgerechte Betreuung“ empfehle die Bertelsmann-Stiftung in Krippengruppen maximal 3 und in Kindergartengruppen 7,5 Kinder auf eine Fachkraft. Außerdem stehe nicht die gesamte Arbeitszeit für pädagogische Arbeit zur Verfügung. So komme ein Betreuer in Hamburg in einer Kindergartengruppe „tatsächlich“ auf 12,1 Kinder.

Erzieher: Quereinsteiger müssen alles können

Die Bildungsexpertin der Bertelsmann Stiftung, Kathrin Bock-Famulla, sagte, die Personalsituation verbessere sich in Hamburg kontinuierlich, auch wenn sie noch nicht kindgerecht sei. Innerhalb Hamburgs aber gebe es ein großes Gefälle unter den Kitas. Die Stiftung fordert, dass in allen Kitas das Verhältnis Betreuer-Kinder „kindgerecht“ sei. „Um eine kindgerechte Betreuung in den Kitas in Hamburg sicherzustellen, braucht es den neuesten Berechnungen der Bertelsmann Stiftung entsprechend rund 3100 zusätzliche Fachkräfte“, folgert die Studie.

Bundesweit gelte: Mehr Erzieher sollten mit besserer Bezahlung angelockt werden. Für Quereinsteiger dürfe es keine Absenkung des bisherigen formalen Qualifikationsniveaus geben.

Sozialsenatorin Melanie Leonhard zur Bertelsmann-Studie

Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) sagte dem Abendblatt: „Kein Bundesland in Deutschland investiert mehr in frühe Bildung und Betreuung! Das dokumentiert der heute vorgelegte Bericht deutlich. Es gelingt uns, immer mehr Kita-Plätze zu schaffen und gleichzeitig die Qualität der Betreuung zu verbessern. Darin lassen wir nicht nach.“ Hamburg stelle jedes Jahr Hunderte neue Fachkräfte ein. „Für alle Kinder gibt es einen Platz, und die fünfstündige Betreuung mit Mittagessen kostet Eltern nichts. Wer sein Kind in Hamburg in eine Kita gibt, kann sicher sein: Es wird dort gut betreut.“

Auf die Frage der laut Studie kindgerechten Betreuung ging sie nicht direkt ein. Allerdings geht aus den Zahlen hervor, dass Hamburg pro Kind bei den Investitionen 7324 Euro ausgebe und damit bundesweit Spitzenreiter ist. Leonhards Behörde verweist darauf, dass der Bertelsmann-Studienstand vom März 2018 von den Entwicklungen bis heute bereits überholt sei. Es gebe bereits 600 weitere Fachkräfte.

CDU: Folge der verfehlten Kita-Politik

In mehr als einem Drittel der Hamburger Kitas werde in den Elementargruppen der von Bertelsmann empfohlene Betreuungsschlüssel sogar positiv übertroffen. Außerdem habe der rot-grüne Senat umfassende Maßnahmen beschlossen, um mehr Menschen als Erzieher zu gewinnen.

Der LEA Hamburg – Landeselternausschuss Kindertagesbetreuung – übt hingegen massive Kritik. „Wieder einmal ist Hamburg Schlusslicht und wird die 'Rote Laterne' bei der Krippenbetreuung nicht los“, kritisiert LEA-Vorstandsmitglied Matti Pristinger. LEA-Vorstandsmitglied Michael Thierbach ergänzt: „Alle anderen west-deutschen Bundesländer liegen zwischen 1 zu 3,0 bis 3,8 und nähern sich den wissenschaftlichen Empfehlungen an. Davon ist Hamburg leider noch weit entfernt“. Man erkenne an, dass sich die Personalsituation in Hamburg langsam verbessere. Aber noch immer gebe es große Qualitätsgefälle innerhalb der Bezirke und Stadtteile.

Auch die CDU ist von dem Studienergebnis wenig begeistert und spricht von einer "verfehlten Kita-Politik". „Auch in diesem Jahr stellt die unabhängige Bertelsmann-Stiftung dem rot-grünen Senat ein schlechtes Zeugnis aus", so Philipp Heißner, familienpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion. Nach wie vor kümmerten sich in keinem westdeutschen Bundesland weniger Erzieher um ein Kleinkind als in Hamburg. "Dies ist die direkte Folge der verfehlten Kita-Politik der letzten Jahre, die total einseitig auf Quantität vor Qualität gesetzt hat", sagt Heißner. Hinzu komme, dass der rot-grüne Senat seine selbst gesteckten Ziele bei der Verbesserung des Krippen-Personalschlüssels nicht einhalte.

Linksfraktion: Schluss mit Schönrechnen

Die FDP wettert ebenfalls gegen den Senat. Dieser Senat habe zu verantworten, dass die Betreuungssituation in Hamburger Kitas laut Bertelsmann-Stiftung nicht kindgerecht ist, sagte Daniel Oetzel, familienpolitischer Sprecher der FDP-Bürgerschaftsfraktion. "Für mehr Fachpersonal muss vor allem die Erzieherausbildung attraktiver werden, ohne hierfür die Qualitätsstandards abzusenken.“

Deutliche Worte kommen auch von der Linksfraktion. „Die minimalen Verbesserungen, für die sich die SPD schon wieder feiert, gibt es nur rechnerisch“, so der kitapolitische Sprecher der Linksfraktion Mehmet Yildiz. Die Realität sehe anders aus, weil diese Berechnung die mittelbare pädagogische Arbeit nicht berücksichtige – "also Vorbereitung, Fortbildungen, Elterngespräche und andere Punkte, die für die Qualität der Betreuung unserer Kinder entscheidend sind", so Yildiz. "Der Senat muss endlich Schluss machen mit dem Schönrechnen und anfangen, wirklich etwas zu verbessern."