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Die Stadt lässt ihre eigene Villa verrotten

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Nico Binde

Foto: Nico Binde

Abreißen oder sanieren? Finanz- und Kulturbehörde sind uneins über Zukunft des Hauses in Bahrenfeld. Drei große Wohnungen stehen leer.

Hamburg. Der Efeu hat den Kampf gegen das Haus gewonnen. Fast die gesamte Frontfassade ist umrankt, der darunterliegende Backstein der prächtigen Stadtvilla vom Grün verschluckt. Alt und verlassen mutet das Gebäude inzwischen an. Innen bröckelt der Putz von der Decke, sind die Wände beschmiert und mehrere schallisolierte Fenster von einem Blätterteppich verdunkelt. Vor dem Haus reifen Mirabellen an ungestutzten Ästen heran, und auch der Apfelbaum trägt gut in diesem Jahr. Aber es wird wohl niemand ernten oder die Fenster frei schneiden. Jedenfalls nicht, wenn der Eigentümer die Villa am Bahrenfelder Marktplatz 17 weiter sich selbst überlässt.

Eigentümer des 1923/24 errichteten Hauses ist die Stadt Hamburg. Drei üppige, mehr als 100 Quadratmeter große Wohnungen lässt sie unvermietet, obwohl in der ganzen Stadt um jeden Quadratmeter Wohnraum gerungen wird und Leerstand vom SPD-Senat sogar per Gesetz bekämpft werden soll.

Wie passt das zusammen?, fragt sich nicht nur Anwohner Peter Brandt. Drei Familien könnten die riesigen Wohnungen und das weitläufige Grundstück zu ihrem Zuhause machen. Terrasse, Platz zum Schaukeln - alles wäre da. "Aber das Grundstück sieht aus wie ein gespenstischer Maya-Tempel. So zugewachsen ist das Haus", sagt Brandt. "Vor dem Hintergrund der Wohnungsnot ist es absolut unmoralisch, ein Gebäude leer stehen und verkommen zu lassen." Die Stadt sei angehalten, vorhandenen Wohnraum zu nutzen, wenn sie schon wenig neuen bauen könne. "Unnötiger Verfall ist dabei die denkbar schlechteste Lösung."

Laut Finanzbehörde ist das großzügig angelegte, dreigeschossige Haus an der Autobahnauffahrt Bahrenfeld im Jahr 2001 gekauft worden - und mittlerweile abrissreif. Es hat ein 1600 Quadratmeter großes Grundstück und fast 400 Quadratmeter Wohnfläche. Bis zum vergangenen Jahr lebten in der Villa, die von der Stadttochter Saga verwaltet wird, ehemalige Bauwagenbewohner, denen das Gebäude als Ausgleich überlassen wurde. Dann wurde das Haus aus "baupolizeilichen Gründen" geräumt, wie Daniel Stricker, Sprecher der Finanzbehörde, sagt. Eine Sanierung des Objekts würde laut Behördenschätzung 780 000 Euro kosten. Zu unwirtschaftlich, heißt es. Deshalb sei ein Abrissantrag gestellt. Ein neues Wohnhaus könne an gleicher Stelle planungsrechtlich nicht entstehen.

Der Haken an der Sache ist aber nicht, jedenfalls noch nicht der geplante Autobahndeckel der nahen A 7. Vielmehr stellt das für den Bauunternehmer Adolf Hörchert errichtete Wohnhaus gehobenen Zuschnitts seit 2006 ein "erkanntes Denkmal" der Stadt Hamburg dar. "Als eines der wenigen nahezu unveränderten historischen Gebäude in dem durch den Autobahnbau stark in Mitleidenschaft gezogenen Ortskern von Bahrenfeld ist es ein seltenes Dokument der Entwicklung des ehemaligen Bauerndorfes zum großstädtisch geprägten Stadtteil", heißt es dazu in der Begründung des Denkmalschutzamts, das der Kulturbehörde untersteht. Entscheidend für die Zukunft des Hauses ist aber die daraus resultierende Schlussfolgerung: "Das Denkmalschutzamt lehnt einen Abriss ab. Eine Erhaltung ist dem Wert des Denkmals durchaus angemessen", einzig in ihm spiegele sich noch die "qualitätvolle Einzelhausbebauung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts."

Im Zwist um das Haus spielt auch der Bezirk Altona eine Rolle. "Allerdings hat sich das Bezirksamt zu einem Abriss bisher nicht positioniert", sagt Sprecherin Kerstin Godenschwege. In Altona wolle man die weiteren Planungen für das Gelände im Zusammenhang mit dem Autobahndeckel abwarten.

Fest steht, dass es im Fall eines Abrisses keinen neuen Wohnungsbau an der Stelle geben könne. Im gültigen Bebauungsplan "Bahrenfeld 11" sei das Grundstück nämlich als Grünfläche ausgewiesen, vermutlich weil das Dokument aus dem Jahr 1968 genügend Raum für den damals aktuellen Autobahnbau der A 7 lassen sollte.

Wie dem auch sei: Der Denkmalschutz könne aus Sicht der Finanzbehörde nicht den Ausschlag gegen eine "wirtschaftliche Lösung" - also den Abriss - geben. Das Immobilienmanagement der Behörde will trotz Denkmalschutzes an den Plänen festhalten. Aus der Kulturbehörde heißt es: "Das Denkmalschutzamt ist im Gespräch mit Finanzbehörde und Saga, um eine Lösung herbeizuführen." Wer sich durchsetzen wird, ist offen.

"Das ist Stillstand in den Behörden, den wir mit Steuergeldern finanzieren", schimpft Anwohner Peter Brandt. Er wünscht sich, das Haus zu erhalten und herzurichten. "Und wenn das nicht geht, muss es eben abgerissen werden. Aber es leer stehen zu lassen, ist Frevel."

Laut der Seite Leerstandsmelder.de im Internet stehen derzeit weit mehr als 400 Gebäude in Hamburg leer.