Hamburger Theaternacht

Spielen und singen bis zur "Verrückten Stunde"

Foto: Patrick Piel

Mit 16.000 Besuchern erreicht die siebte Theaternacht einen neuen Besucherrekord. Vier von ihnen berichten von dem Spektakel.

Hamburg. "Es ist schon spät, ne. Was wollen wir machen? Bisschen Techno zum warm werden?" Bandleader Hans Torge Bollert von der 20er-Jahre-Musik-Comedy Bidla Buh weiß, wie man Nachtschwärmer nach Mitternacht noch fürs Theater begeistert. Zur "Verrückten Stunde" tritt das Trio im Ohnsorg-Theater auf und serviert erst einmal einen zünftigen Rock `n' Roll.

Da ist die siebte Hamburger Theaternacht schon fast vorbei. Im Saal ist jeder Sitzplatz belegt. 16.000 Besucher, 500 mehr als im vergangenen Jahr, haben die laue Spätsommernacht mit einem ausgiebigen Theatermarathon genossen. 42 Bühnen haben sich mit 300 Programmpunkten beteiligt. Von den Beteiligten hat jeder seinen eigenen Blick auf die Ereignisse.

Die Eventmanagerin Joana Leder von der Agentur Inferno war erstmals mit der Organisation betraut. "Die Theater sind beim siebten Mal ja schon richtig eingespielt", sagt sie. "Es gibt aber immer noch einige Zuschauer, die das Prinzip nicht verstanden haben und sich dann beschweren, wenn sie in die großen Häuser nicht mehr reinkommen. Dabei geht es ja darum, spontan zu sein und auch mal kleinere Spielstätten anzufahren, die man noch nicht kennt." Wer allerdings ins Kulturhaus III & 70 wollte, stand vor verschlossener Tür. Die eine Hälfte des Ensembles war erkrankt, die andere musste absagen.

Der Zuschauer Theaternachtgänger haben inzwischen echte Favoriten. Ganz oben auf der Liste steht der Besuch der Hamburgischen Staatsoper. Im ehrwürdigen Musentempel werden in dieser Nacht Ausschnitte aus Bizets "Carmen" präsentiert. Und launig mit "Rassige Zigeunerin verwirrt Zollbeamten im mittleren Dienst" anmoderiert. Aus vollen Kehlen brummt und summt es im Zuschauerraum. Zu später Stunde ist auch das neue Opernloft in der Caffamacherreihe überfüllt. Für wache Ratefüchse beim Operettenwettstreit gibt's einen "Kurzen". Beim abschließenden "Open Stage" mit mitgebrachten Noten entern erstaunlich stimmsichere Sinatras mit "My Way" die Bühne. Initiative von den Besuchern fordert auch Stefan Heydeck vom Impro-Theater Steife Brise im Lichthof-Theater: "Ein Workshop ist ja zum Mitmachen." Zum Aufwärmen lässt er den Teilnehmerkreis Dinge tun, die sich ungewohnt anfühlen. Beim Trainieren der Verbindung zwischen den beiden Gehirnhälften mit flinken Fingerwechseln und Assoziationsketten amüsieren sich alle über Fehler und Einfälle beim Improvisieren. Theater selber machen kann eben auch Spaß machen. Oder ein neues zu entdecken. "Ich war zum ersten Mal beim Kabarett auf dem 'Schiff'. Ganz toll."

Der Schauspieler Doppelte Kraft ist in dieser Nacht vom Schauspieler und Theaterleiter der "2ten Heimat", Thomas Gisiger, gefordert. Bereits eine Stunde vor dem Start empfängt er mit Kompagnon Andreas Döhler die ersten Gäste. Dann steht er abwechselnd mit dem Kollegen Thomas Schultz in Monologen auf der Bühne, spielt mit ihm auch noch den Supermarkt-Wachmann in "Darf's ein bisschen mehr sein?" und hat dazu eine kleine Vorpremiere mit dem neuen Stück "Ganz in Weiß", einem lustigen Crashkurs für Heiratswillige. Kaum kommt Gisiger zu Atem, flitzt er schon auf die Mitarbeitertoilette zur "Erotischen Lesung", dem Hit der vergangenen Theaternacht.

Der Besucherandrang muss mit ausgegebenenNummern geregelt werden. "Ein bisschen Porno steckt doch in uns allen", bekennt Gisiger hinterm Duschvorhang und legt detailliert los mit einer "Hochzeitsnacht zu dritt". Flüchtiger Intimkontakt zwischen Fremden ergibt sich in der Enge des Ortes. Dann schellt eine Glocke. Der Lese-Quickie hat seinen Höhepunkt erreicht. Zum Abschied gibt's noch für jeden eine Kamasutra-Karte zum Ausprobieren in der späteren Nacht.

Der Busfahrer Unverzichtbar, um sich zügig von Haus zu Haus zu bewegen: Der Shuttle-Bus. Geduldige Fahrer karren die Kulturhungrigen um die Alster oder zu entlegenen Orten in der HafenCity. Sie haben auch mal einen kessen Spruch auf den Lippen oder lassen das Radio laufen. "Für mich ist das ein echtes Sahnehäubchen, weil ich da mal ganz andere Strecken fahren kann", sagt Busfahrer Olaf Lühmann. Das Gedränge nehmen die meisten Besucher willig hin. Das beherrschende Thema: die Theaternacht. "Ich liebe Shakespeare", sagt ein junger Mann, der mit zwei Damen durch die Nacht streunt. "Da wird so dramatisch gestorben." Und zwei Frauen in mittleren Jahren fachsimpeln: "Der Krimi-Salon im Maritim-Hotel Reichshof ist wie der "Faust" im Schauspielhaus. Da sitzt man an Tischen mit den Darstellern, und plötzlich spielen die los."

Eine Umfrage während der "Verrückten Stunde" im Ohnsorg-Theater ergibt, dass drei Viertel der Anwesenden dieses Haus noch nie betreten haben. Genau so soll es sein in der Theaternacht. Wer Schwellenängste etwa mit dem Plattdeutschen beiseite legt, kann sein ganz persönliches Theaterwunder erleben.