Weltausstellung in Shanghai

Gewöhnungsbedürftiges Hamburg-Haus auf der Expo

Foto: Peter-Ulrich Meyer

Gebäude ist energetisch hoch effizient, aber schlicht. Dem Bürgermeister gefällt es sehr, dem Handelskammer-Präses weniger.

Shanghai. Als die vier Musikerinnen von Salut Salon auf der Bühne des Expo-Geländes die chinesische Variante von "Bruder Jakob" anstimmten, war das Eis gebrochen. Begeistert sangen und klatschten mehrere Hundert Expo-Besucher mit. Dabei konnte von Eis in Wahrheit keine Rede sein: Die Hamburg-Delegation mit Bürgermeister Ole von Beust, die zurzeit die chinesische Hafenmetropole besucht, hatte in der Mittagshitze Shanghais vor der Bühne Platz genommen. Glücklich, wer einen der Regenschirme abbekommen hatte, die hier zweckentfremdet werden.

+++ Bürgermeister-Visite in der Metropole der Superlative +++

Wer auf der Expo wahrgenommen werden will, der muss auf sich aufmerksam machen. Das umjubelte Konzert von Salut Salon war der Beleg dafür. Die Musikerinnen repräsentieren Hamburg auf der Weltausstellung, auch die Hamburger Band Revolverheld ist hier schon aufgetreten. Vor dem Konzert hatte die Delegation das Hamburg-Haus besucht. Das Gebäude mit der für Norddeutschland charakteristischen Ziegelbauweise sticht auf dem Gelände heraus. Das Besondere: Als erstes zertifiziertes Passivhaus in China soll es nur selbst erzeugte Energie verbrauchen. Dazu ist auf dem Dach eine Fotovoltaik-Anlage installiert. Außerdem wird die Erdwärme genutzt.

Über fünf Etagen ziehen sich die Ausstellungsflächen. Das Prinzip der Nachhaltigkeit symbolisiert der Baum der Wünsche, eine Bambuskonstruktion, die sich scheinbar durch das ganze Haus zieht: von den Wurzeln im Keller bis zu den Astspitzen auf dem Dach. In den Räumen, in denen Videoinstallationen und Fotos über Hamburg informieren, dominiert der Sichtbeton. Die Mauern sind fast einen Meter dick, um die Hitze Shanghais außen vor zu lassen. "Ich mag solche Architektur: streng, funktional und minimalistisch", sagte von Beust während des Rundgangs. Im Hamburg-Haus, so der Bürgermeister, gebe es keine Reizüberflutung wie in anderen Pavillons.

Wie ernsthaft das Prinzip der Nachhaltigkeit schon beim Bau angewendet wurde, zeigt die Sache mit den Ziegelsteinen. Umweltsenatorin Anja Hajduk, deren Behörde die Verantwortung für das Haus trägt, hatte den Transport von Ziegeln von Hamburg nach Shanghai abgelehnt (die Energiebilanz!). Also machten sich die Architektinnen Ingrid Spengler und Christine Reumschüssel in China auf die Suche nach geeignetem Material. "Die Blindensteine, die in Shanghai ins Straßenpflaster eingelassen sind, waren genau richtig", erzählt Spengler. Weil die Steine nur noch industriell hergestellt werden, mussten die Architektinnen eine Fabrik finden, die noch nach alter Methode brennt. Doch nicht alle Materialien kommen aus China. Die dreifach verglasten Fenster zur Wärmedämmung wurden in Deutschland produziert.

Doch das Hamburg-Haus hat auch für Diskussionen gesorgt. "Als Beitrag dafür, wie in Zukunft gebaut wird, halte ich das Projekt für sehr richtig", sagt Handelskammer-Präses Frank Horch. "Aber wenn ich mir andere Pavillons wie den Bremer oder den deutschen anschaue, dann muss ich sagen, dass die Attraktivität Hamburgs nicht entsprechend dargestellt ist", sagt Horch. Es gehe mit dem Hamburg-Haus auch darum, Chinesen zu ermuntern, nach Hamburg zu kommen. "Hoffentlich denken die Chinesen nicht, dass alle Hamburger so wohnen, wie es hier dargestellt wird", sagt ein Reiseteilnehmer lachend.

Die Zahlen sprechen zunächst einmal für sich: Rund 5000 Besucher werden pro Tag gezählt. Mehr als 20 chinesische Journalisten kamen gestern zu einer Pressekonferenz mit von Beust. Erste Frage: Was geschieht mit dem Haus, wenn die Expo Ende Oktober vorbei ist? "Wir führen intensive Diskussionen mit der Stadt Shanghai. Wir würden das Haus gern für unsere Hamburg-Repräsentanz und andere Institutionen nutzen", antwortete von Beust. Das Gebäude, für das Hamburg 6,5 Millionen Euro aufwendet, ist eines von 14 Best-practice-(Gutes-Beispiel-)Projekten, die nicht abgerissen werden sollen. Eigentümerin ist derzeit die Expo-Gesellschaft und später die Stadt Shanghai. Das Kontrastprogramm zum Hamburg-Haus erlebte die Delegation beim Besuch des deutschen Pavillons. Hier geht es laut und bunt zu. Animationen und Spiele beziehen die Besucher ein. Alle Viertelstunde können die Gäste in einem dreistöckigen Theaterrund mit ihren Stimmen eine Riesenkugel in Schwingungen versetzen, auf die Filme projiziert werden. Der deutsche Pavillon liegt bei Internet-Abstimmungen über den besten Pavillon vorn. An Spitzentagen kommen 30.000 Besucher.

"Ich finde die Expo beeindruckend", zog von Beust ein erstes Fazit. Vor drei Jahren bei seinem letzten Besuch hatte sich der Bürgermeister das Gelände angesehen, als es noch weitgehend eine Brachfläche war. "Damals dachte ich, es ist ein sehr ehrgeiziger Plan, in nur drei Jahren alles aufzubauen", sagte von Beust gestern beim Hamburg-Abend. "Heute sage ich: mein Respekt. Die Shanghaier können stolz sein auf diese Leistung." Heute will von Beust die Verlängerung des Städtepartnerschaftsabkommens mit Shanghais Oberbürgermeister Han Zheng unterzeichnen.