Kernkraft

Protestaktion: Menschenkette gegen Atomkraft

Foto: Martin Brinckmann

Erleben wir eine Renaissance der Anti-Atom-Bewegung? Auch junge Menschen engagieren sich für die Umwelt.

Hamburg. Die Plakate und Aufkleber hängen mittlerweile in der ganzen Stadt. An Litfaßsäulen und Stromkästen. An Ampeln und Mülleimern. Gelb-rote Farbtupfer im Stadtgrau, die eine der größten Anti-Atom-Demonstrationen ankündigen, die Deutschland seit Jahrzehnten gesehen hat. Am Sonnabend ist es so weit. Auf einer Strecke von rund 130 Kilometern - von Brunsbüttel, quer durch Hamburg bis zum Atomkraftwerk Krümmel - sollen sich Menschen an den Händen fassen und damit ein Zeichen setzen gegen Atomkraft. So wie früher. So wie vor 30 Jahren.

"Wir haben gerade eine ganz besondere gesellschaftliche Stimmung", sagt Jochen Stay, Mitorganisator der Aktion. "Das habe ich selten erlebt. Auf einmal gehen die Leute wieder auf die Straße." Stay, das kann man unterstellen, weiß, wovon er spricht. Anfang der 1980er-Jahre, als die Friedensbewegung nach Deutschland schwappte, fing der heute 44-Jährige an, sich zu engagieren. Er war ein Glied in der ersten Menschenkette der Bundesrepublik, die 1983 Stuttgart mit Neu-Ulm verband und gegen die Stationierung von Atomwaffen demonstrierte. Seitdem ist er am Ball geblieben. Gorleben, Castor-Transporte - Stay war dabei.

Jetzt sitzt er im Büro der Initiative "Ausgestrahlt" und organisiert die "KettenreAktion" am Sonnabend. Schon jetzt hätten rund 13 000 Menschen zugesagt und einen Platz in einem der mehr als 200 Busse und drei Sonderzüge gebucht, die die Leute aus allen Teilen der Republik in den Norden fahren. "Natürlich wird es aber noch genug Leute geben, die selbst anreisen. Wie viele es tatsächlich werden, können wir erst am Sonnabend sagen", so Stay. Rund 11 000 weitere Menschen sind notwendig, damit die Kette zustande kommt - mit fünf Meter Abstand zwischen den Menschen. Schon gestern hat sich indes ein Traktorenkonvoi in Gorleben auf den Weg nach Krümmel gemacht. Der Hamburger Abschnitt der Strecke ist 35 Kilometer lang. "Wir erwarten vor allem Leute in der Innenstadt und am Hafen", sagt Stay.

Die Menschenkette soll ein Signal sein an die Politik in Berlin. Im Herbst wird über die Verlängerung der AKW-Laufzeiten entschieden. Atomstrom, so die Argumentation der schwarz-gelben Bundesregierung, sei eine sichere und umweltschonende Art der Energiegewinnung. So lange alternative Energien noch nicht ausreichend produzierbar sind, seien die AKW klimafreundlicher als Kohlekraftwerke.

Anders sehen es Stay und seine Mitstreiter. "Wir brauchen jetzt eine öffentliche Debatte", so Stay. "Vor allem die Pannenreaktoren Brunsbüttel und Krümmel sollen nie wieder ans Netz gehen." Brunsbüttel und Krümmel wurden nach diversen Zwischenfällen 2007 abgeschaltet. Als man Krümmel im Sommer 2009 wieder hochgefahren hatte, kam es zu erneuten Störungen. Seitdem liegt der Reaktor erneut still.

Zur gleichen Zeit fing Miriam Block an, sich gegen Atomkraft zu engagieren. Die 19 Jahre alte Schülerin verbringt gerade ihre Nachmittage damit, die Menschenkette vorzubereiten. Sie malt Transparente, verteilt Flyer, telefoniert und diskutiert. "Die Anti-Atom-Bewegung muss jetzt noch mal ganz groß werden", sagt sie. "Wir können die Gefahr, die von den AKW ausgeht, nicht hinnehmen." Während Stay als Anti-Atom-Veteran gilt, ist Block die nächste Generation. Sie hat die 1980er-Jahre nicht miterlebt und kennt die Friedensbewegung allenfalls aus dem Geschichtsunterricht. Trotzdem wird sie am Sonnabend dabei sein - genauso wie manche ihrer Freunde. Nicht längst jeder ist so aktiv wie sie. "Natürlich gibt es auch welche, die resignieren", sagt Block.

Bei der Aktion geht es ihr nicht darum, eine Ideologie oder ein Dogma zu vertreten. Sondern darum, sich jetzt und hier für eine Sache zu engagieren. "Diese Aktion zeigt ja, wie einfach das ist. Man muss sich einfach nur hinstellen und an den Händen fassen. Das kann jeder." Von diesem Grundgedanken lebt auch Stays Initiative. "Hier muss sich keiner langfristig binden. Jeder kann mitmachen, wenn er Lust hat. Und wenn nicht, dann nicht." Die Organisatoren der Menschenkette sind Initiativen und Umweltorganisationen, aber auch Parteien sind dabei. SPD-Chef Sigmar Gabriel wird in Elmshorn, der Grünen-Fraktionsvorsitzende Jürgen Trittin in Glückstadt reden. Das sei eine "bewusste Entscheidung" gewesen, sagt Stay - obwohl viele der Aktivisten einen Groll auf die Parteien hegten, weil sie die rot-grüne Atompolitik als zu lasch empfunden hätten. "Wenn wir gewinnen wollen, müssen wir aber alles ins Boot holen."

Die Menschenkette soll auch zu einem Event werden - mit Konzerten auf sieben Bühnen. Als Highlight wird der Hamburger Rapper Jan Delay auftreten. "Protest darf ja auch Spaß machen", sagt Stay. Spaß hat Miriam Block schon jetzt, wenn sie nach der Schule mitorganisiert. Auch nach dem 24. April, wenn die Menschenkette vorbei ist, will sie nicht mit ihrem Engagement aufhören. "Aber die Demo soll so groß werden, dass wir das schon jetzt erreichen."