Sterbehilfe

Roger Kusch alkoholisiert zum Suizid-Gespräch?

Foto: Reto Klar

Der ehemalige Justizsenator wollte eine Seniorin treffen. Staatsanwaltschaft lässt den Wagen auf tödliche Medikamente durchsuchen.

Hamburg. Hamburgs ehemaliger Justizsenator Roger Kusch ist offenbar betrunken zu einem Gespräch mit einer suizidwilligen Seniorin gefahren. Nach Abendblatt-Informationen hat die Polizei ihn am Sonntag in Alsterdorf angehalten und Atemalkohol festgestellt. Das Pusten soll einen Wert von 0,5 Promille ergeben haben. Anschließend durchsuchten die Beamten seinen BMW. Es bestand der Verdacht, dass der Gründer des Vereins "Sterbe Hilfe Deutschland" Medikamente für einen Gift-Cocktail im Wagen liegen hatte.

Bereits einen Tag vor diesem Vorfall hatte sich die besorgte Tochter (63) einer 89-jährigen Frau bei der Polizei gemeldet. Verzweifelt teilte sie den Beamten mit, dass sich ihre Mutter mithilfe des Sterbevereins von Kusch das Leben nehmen wolle. Ein Termin für den Sonntagabend sei bereits vereinbart worden. Gegen 20 Uhr fuhr Roger Kusch mit seinem BMW am Alsterdorfer Damm vor. Er stieg aus seinem Wagen, ging zur Tür und klingelte. Die 63-jährige Tochter saß in ihrem Auto vor dem Haus und beobachtete die Szenerie. Doch ihre Mutter öffnete die Wohnungstür nicht. Unverrichteter Dinge stieg Kusch wieder in sein Auto und fuhr davon.

Die Tochter hielt kurz darauf eine zufällig vorbeifahrende Peterwagenbesatzung an. Sie erzählte den Beamten von dem Vorfall. Diese hielten Kusch wenige Momente später an. Dabei stellten sie Atemalkohol bei dem ehemaligen Justizsenator fest. Weil das Messgerät aus dem Streifenwagen nicht richtig funktionierte, nahmen die Polizisten den Senator a. D. zur Wache mit. Dort pustete er einen Wert von 0,5 Promille. Da er nicht auffällig fuhr, hat er keinen Führerscheinentzug zu befürchten. Die Weiterfahrt mit seinem Wagen wurde ihm allerdings verboten.

Zusätzlich hatten die Beamten aufgrund der Aussagen der Tochter den Verdacht einer "mutmaßlichen Suizidbegleitung". Der Kontakt zwischen der Seniorin und Kusch soll bereits vor mehreren Monaten zustande gekommen sein. Sterbehilfe ist Kusch aufgrund einer Verbotsverfügung der Polizei untersagt. Das Verwaltungsgericht hatte diese bestätigt (wir berichteten). "Es gab die berechtigte Sorge, dass sich die Frau im Zusammenhang mit dem Treffen das Leben nehmen würde", sagte ein Beamter dem Abendblatt. Deshalb schaltete die Polizei die Staatsanwaltschaft ein. Die ließ daraufhin den Wagen von Kusch durchsuchen. Das bestätigte Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers dem Abendblatt. Seine Begründung: "Wir konnten nicht ausschließen, dass Herr Kusch geeignete Arzneimittel im Pkw mit sich führte. Deshalb haben wir die Durchsuchung angeordnet." Medikamente fanden die Beamten nicht. Ihm wurde der BMW später wieder ausgehändigt.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt seit mehr als einem Jahr wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz gegen Kusch. In dem Verfahren geht es um fünf Suizide aus dem Jahr 2008, bei denen er die tödlichen Medikamente besorgt haben soll. Bei einer Verurteilung drohen ihm bis zu drei Jahre Haft. "Wir werden diesen Vorfall zu dem Sammelverfahren hinzuziehen", sagte Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers. Warum Roger Kusch betrunken zu einem geplanten Treffen mit einem suizidwilligen Menschen erschien, war gestern nicht zu erfahren. Der Jurist war für das Abendblatt nicht erreichbar.