EHEC-Krise

Vier Kinder aus einer Schulklasse infiziert

Die 10d des Gymnasiums Othmarschen wird für diese Woche nach Hause geschickt - "reine Vorsichtsmaßnahme"

Hamburg. Der Junge aus der 10d des Gymnasiums Othmarschen hat es geschafft: Schon in wenigen Tagen darf er das Krankenhaus verlassen und wieder nach Hause zu seiner Familie. Doch hinter ihm liegen dramatische Tage. Vor knapp drei Wochen wird er ins Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) eingeliefert. Er hat sich mit dem EHEC-Bakterium infiziert. Bei ihm löst der Erreger das lebensgefährliche Hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) aus. Die Nieren des Schülers versagen. Er muss operiert werden und auf der Intensivstation behandelt werden. Heute ist er auf dem Weg der Besserung, seine Nieren funktionieren wieder.

Aber der Schüler ist nicht der Einzige aus der 10d des Gymnasiums Othmarschen, der erkrankt ist. Auch drei Klassenkameradinnen haben sich mit dem gefährlichen EHEC-Bakterium infiziert. "Ein Mädchen steht seit einigen Tagen zu Hause unter Beobachtung, ein weiteres Mädchen wird momentan untersucht, und eine dritte Schülerin ist seit etwa zwei Wochen zu Hause, da sie eine potenzielle Überträgerin ist", sagt die Schulleiterin Nele Degenhardt. Der Bruder des Mädchens sei erkrankt.

Für Johannes Nießen, den Leiter des Gesundheitsamts Altona, und die Leiterin des Gymnasiums sind die vier EHEC-Fälle Grund genug, um die Schüler für eine Woche vom Unterricht zu befreien. "Es handelt sich um eine Vorsichtsmaßnahme, es gibt keinen Grund zur Panik", betont Nießen. Der Klassenraum müsse gründlich desinfiziert werden, da aufgrund der vier Krankheitsfälle innerhalb einer Klasse davon auszugehen sei, dass sich der Erreger im Unterrichtsraum ausgebreitet habe. "Vermutlich hat sich ein bereits erkrankter Schüler nach dem Toilettengang die Hände nicht richtig gewaschen und anschließend Bakterien, etwa auf einem Türgriff, hinterlassen", sagt Nießen. Dabei reiche schon eine geringe Keimmenge aus. Johannes Nießen: "Die Schule muss aber nicht geschlossen werden." Bereits als der erste Junge erkrankt sei, habe man alle Hygienemaßnahmen getroffen, die Toilettenräume desinfiziert und die Schüler angewiesen, Sagrotan zu benutzen. "Die Situation wäre anders, wenn die Bakterien über die Luft übertragen werden könnten", sagt Nießen. Das sei aber ausgeschlossen.

Die Eltern der Schüler des Gymnasiums Othmarschen wurden am Wochenende darüber informiert, dass der Unterricht ausfällt. "Diese Entscheidung ist eine vorsorgliche Reaktion, ein Ausdruck von Fürsorge", sagt Schulleiterin Degenhardt.

Im UKE, wo derzeit 67 HUS-Patienten behandelt werden, wurden indes am Wochenende alle Hoffnungen auf eine Entspannung der Lage enttäuscht. Im Gegenteil: UKE-Chef Prof. Jörg Debatin fürchtet, dass weitere Patienten den Kampf gegen EHEC verlieren werden. Das betreffe auch junge Menschen. "Für unser Personal ist es besonders bedrückend, die schwer erkrankten jungen Menschen im Alter von 20-30 Jahren zu behandeln", sagte Debatin. Der Professor schätzt, dass rund zwei Drittel der Erkrankten Frauen und nur ein Drittel Männer sind. "Die schwerwiegenden Krankheitsverläufe machen uns aber allgemein besonders Sorgen", sagte Debatin und rechnete vor, dass am Sonnabend allein zehn HUS-Erkrankte dazugekommen seien, bis Sonntagmittag weitere fünf. "Stündlich kommen welche dazu." Ob die neue Therapie mit dem Antikörper Eculizumab - die in Heidelberg, Paris und Montreal erfolgreich angewendet worden war - anschlägt, könne man bislang noch nicht sagen. "Die Beurteilung der Wirkung wird Wochen in Anspruch nehmen", sagte Debatin. Zehn der sehr schwer erkrankten Patienten wurden mit dem neuen Antikörper Eculizumab behandelt. Das neue Therapeutikum werde nur den Patienten mit schweren neurologischen Störungen verabreicht, so Debatin. Zu diesen Störungen gehören epilepsieähnliche Zustände und das Aussetzen des Seh- und Sprechvermögens. Bei solchen Komplikationen müsse nicht nur mit weiteren Todesfällen, sondern auch mit Folgeschäden bei den Überlebenden gerechnet werden. So geht Debatin davon aus, dass bei einem Teil der Patienten die Nieren langfristig nicht mehr arbeiten.