Schul-TÜV

Jede zehnte Hamburger Schule fällt im Test durch

Foto: Patrick Piel

Die Grundschule Turmweg in Rotherbaum ist kein Einzelfall. Die Durchfallquote bei der Inspektion der Behörde ist alarmierend.

Hamburg. Erst vor zwei Wochen schlug der Rücktritt der Schulleiterin der Grundschule am Turmweg hohe Wellen. Zuvor war bekannt geworden, dass die Schule bei der Inspektion der Schulbehörde besonders schlecht abschnitt. Die Prüfer des sogenannten Schul-TÜV hatten sie "als Schule mit besonderem Handlungsbedarf" eingestuft. Jetzt kam heraus: Die Grundschule in Rotherbaum ist kein Einzelfall.

An 26 Schulen wurden in den vergangenen drei Jahren "schwere Problemkonstellationen" festgestellt, das entspricht mehr als zehn Prozent der getesteten Schulen. Das geht aus einer Anfrage der FDP an den Senat hervor.

Konkret bedeutet das: Inspektoren, Schulbehörde und Landesinstitut greifen in die Leitung ein und erteilen verbindliche Vorgaben. "Es reicht nicht, das Ergebnis nur zur Kenntnis zu nehmen", sagte Schulsenator Ties Rabe dem Abendblatt. "Die Behörde muss die Schulen in einem solchen Fall mehr begleiten und unterstützen." Künftig sei dies die Aufgabe der Schulräte, sagte Rabe, der das Ergebnis als Beleg für die Wirksamkeit des Schul-TÜV interpretiert. "Die Inspektion ist ein hervorragendes Mittel, um Schulen zu verbessern." Ähnlich wie bei einer Klassenarbeit, so Rabe, zeige sich eben, dass einige Schulen ausgezeichnet seien - und andere nicht. "Minderleistungen" in Teilbereichen wurden bisher übrigens bei nahezu allen geprüften Schulen diagnostiziert - in solchen Fällen bessern die Schulen selbstständig nach.

Welche Schulen betroffen sind, verrät der Senat nicht. Das Schulgesetz empfiehlt den Schulen zwar, die Ergebnisse innerhalb der Schule öffentlich zu machen, dazu gehören in der Regel auch Elterngremien. FDP-Schulpolitikerin Anna von Treuenfels bezweifelt jedoch, dass die Schulleitungen auch schlechte Bewertungen in diesem Kreis bekannt geben. Ihre Forderung: Die Ergebnisse sollen grundsätzlich veröffentlicht werden. "Verbesserungsprozesse haben nur mit Transparenz und Öffentlichkeit eine Chance", sagte Treuenfels dem Abendblatt. Das gelte der FDP-Politikerin zufolge "gerade auch in sozial schwächeren Quartieren", wo sich bildungsferne Eltern ihrer Ansicht nach nicht immer von selbst für ihre Schule engagierten: Wichtig sei eine öffentliche Bewertung auch für Eltern, die ihr Kind erst noch anmelden wollen.

Mit dem Datenschutz kollidiere eine Veröffentlichung nicht, sagt jedenfalls die FDP. Die Bewertungen erfolgen anonym, das "Interesse der Öffentlichkeit laut Informationsfreiheitsgesetz" stehe im Vordergrund. In der Schulbehörde wird das anders beurteilt: Gerade die Schulleiter hätten ein "schutzwürdiges Interesse", weil sie über die Berichte identifizierbar seien. Der Schul-TÜV wird seit 2008 an ausgewählten Schulen durchgeführt. Nach offizieller Darstellung soll er vor allem ein Hilfsangebot für die Schulen sein. Die Inspektoren haben bereits 232 von den mehr als 400 Hamburger Schulen - von der Grund- bis zur Berufsschule - besucht. Ergebnisse setzen sich komplex zusammen, sie richten sich etwa nach schriftlichen Konzepten der Schulen, Beobachtungen des Unterrichts, Interviews mit Lehrern, Eltern und Schulleitung sowie Online-Fragebögen. Ziel sei es, die Schulqualität zu erfassen - nicht Leistungsniveau oder Wissen der Schüler. So gelten als Merkmale beispielsweise, ob Mittel gezielt eingesetzt, Schüler individuell gefördert und Lehrer ausreichend fortgebildet werden.

Dabei werden die jeweiligen Voraussetzungen einer Schule berücksichtigt. Es geht laut Behörde also nicht darum, ein Ranking der besten Schule zu erstellen, sondern Entwicklungen zu bewerten - und nachzubessern, wenn nötig. So kann eine Schule mit Problemen eine positive Bewertung erhalten, wenn sie denn auf einem guten Weg ist, ihre gesteckten Ziele zu erreichen.

Allerdings kommen die Urteile nicht immer auf die gleiche Art zustande: So ist etwa der Einfluss der freiwilligen Online-Befragung von Eltern, Lehrern und Schülern unterschiedlich. Erst wenn 20 Prozent der Befragten teilnehmen, werden die Antworten berücksichtigt. Je mehr mitmachen, desto stärker werden die Ergebnisse gewertet. So auch im Fall der Grundschule am Turmweg: Hier nahmen etwa 50 Prozent der Eltern und sogar 80 Prozent der Lehrer an der Befragung teil. In solchen Fällen gewinnen persönliche Meinungen hohen Einfluss gegenüber den professionellen Inspektoren.

Dass die Schulleiterin am Turmweg aufgrund eines "TÜV-Ergebnisses" zurücktrat, ist nach damaliger Auskunft der Schulbehörde jedoch einmalig - die Ergebnisse hätten sonst keine personellen Konsequenzen, hieß es dazu in der Behörde.