Adolphsens Einsichten

Einsamkeit ist bei Menschen der Killer Nummer 1

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Helge Adolphsen
Der ehemalige Michel Pastor Helge Adolphsen schreibt alle zwei Wochen für die Regionalausgabe Harburg und Umland.

Der ehemalige Michel Pastor Helge Adolphsen schreibt alle zwei Wochen für die Regionalausgabe Harburg und Umland.

Foto: Michael Rauhe

Der emeritierte Hauptpastor der Hamburger Michaeliskirche befasst sich in seiner Kolumne diesmal mit Menschen, die allein leben müssen.

Ein Lob auf Hamburg: Das Projekt „Hamburger Hausbesuch“ ist nicht nur positiv gestartet, sondern soll noch in diesem Jahr ausgeweitet werden. Bisher wurden Menschen zum 80. Geburtstag nur in den Bezirken Harburg und Eimsbüttel besucht. Sozialarbeiter, Pflegekräfte und andere Experten bieten dabei ihre Beratung über Unterstützungsmöglichkeiten an. Das Angebot wird gut und öfter auch dankbar angenommen.

Einsamkeit unter älteren Menschen nimmt zu

Kein Wunder! Die Einsamkeit unter älteren Menschen nimmt zu. Sie ist ein gesellschaftliches Problem in einer älterwerdenden Gesellschaft. Die Zahl aller Ein-Personen-Haushalte, nicht nur der Älteren, liegt in Deutschland bei 41 Prozent. Diese Zahl liegt deutlich über dem EU-Durchschnitt von 33 Prozent. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das Alleinleben oft mit Einsamkeit verbunden ist. Besonders dann, wenn Ältere in ihrer Bewegung eingeschränkt sind, im Rollstuhl sitzen müssen oder im Pflegeheim liegen. Ihre Kinder leben vielfach weit entfernt. Oder sie sind so beschäftigt, dass sie nur unregelmäßig vorbeischauen. Die Freunde älterer Menschen sind häufig schon gestorben.

Alte Freundschaften gehen auseinander

Früher waren Freundschaften mit anderen Ehepaaren ein Lebenselixier. Stirbt ein Ehepartner, hören diese Beziehungen häufig auf. Allein in der Vierzimmerwohnung zu leben, in der früher fünf Personen lebten, ist auch nicht immer ein Vergnügen. Ein 81-Jähriger sagte zu mir: „Ich war oft im Krankenhaus. Ich leide an mehreren Krankheiten. Aber das Schlimmste ist die Einsamkeit.“ Eine ältere Frau ging zwei Mal in der Woche zur Sparkasse. Die Angestellte dort war ihre einzige Gesprächspartnerin. Eine 84-jährige Frau wohnt im 4. Stock. Das Haus hat keinen Fahrstuhl. Der einzige Mensch, den sie regelmäßig morgens und abends sieht, ist die Mitarbeiterin des ambulanten Dienstes. In manchen Häusern haben Nachbarn untereinander keinen Kontakt. Sie grüßen sich nicht einmal. Hinzu kommt, dass ältere Menschen misstrauischer, ängstlicher und geistig unbeweglicher werden.

Einsamkeit aktiviert das Schmerzzentrum im Gehirn

„Einsamkeit ist der Killer Nr. 1 in Deutschland“, sagt der Psychiater Prof. Manfred Spitzer. Er bezeichnet sie als unerkannte Krankheit. Sie aktiviere im Gehirn das Schmerzzentrum, schade der Gesundheit. Übergewicht ruft Diabetes hervor und Rauchen ist eine ernste Gefahr. Eine französische Studie ergibt, dass Alleinlebende 1,5 bis 2,5 mal eher psychische Erkrankungen haben als andere. Dazu gehören Angststörungen und Depressionen.

Soziale Kontakte sind lebenswichtig

Nach Aussagen vieler Wissenschaftler ist es entscheidend wichtig, soziale Kontakte zu haben und – soweit möglich – diese auch selbst aktiv zu pflegen. Vor allem darf man die früheren Beziehungen nicht aufgeben. Die beste Möglichkeit, im Alter nicht zu vereinsamen, ist eine Ehe oder eine feste Partnerschaft. Ältere zehren von verlässlichen, verbindlichen und stabilen Beziehungen – wie jeder Mensch! Dazu gehören Freundschaften mit Gleichgesinnten, keine reinen Zweckfreundschaften, die nur auf die eigenen Vorteile und Gewinn schielen. Wer sich immer um andere Menschen gekümmert hat, der vereinsamt nicht so leicht.

Ich singe gern ein Loblied auf Freundschaft mit gegenseitigem Geben und Nehmen und im Vertrauen! Es fällt bekanntlich schwer, neue Freundschaften im Alter zu schließen. Wenn das gelingt, sind das Glücksfälle Ältere dürfen sich nicht einigeln und pausenlos vor dem Fernsehen liegen. Sie sollten auf andere zugehen, das Leben in Vereinen und Gruppen pflegen. Auch für die, die körperlich eingeschränkt sind oder ängstlich geworden sind, ist das heilsam.

Schon Salomo war gegen selbstgewählte Einsamkeit

Schon der Prediger Salomo im Alten Testament redet gegen selbstgewählte Einsamkeit: „So ist’s ja besser zu zweien als allein; denn sie haben guten Lohn für ihre Mühe. Fällt einer von ihnen, so hilft ihm sein Gesell auf. Weh dem, der allein ist, wenn er fällt! Dann ist kein anderer da, der ihm aufhilft. Auch, wenn zwei beieinanderliegen, wärmen sie sich; wie kann ein Einzelner warm werden? Einer mag überwältigt werden, aber zwei können widerstehen, und eine dreifache Schnur reißt nicht leicht entzwei.“

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