Seefahrt

Neue Chronik zur Seefahrt von Mediziner Richter-von Arnauld

Der Arzt und Autor Hans Peter Richter-von Arnauld.

Der Arzt und Autor Hans Peter Richter-von Arnauld.

Sachliche Berichte, skurrile Anekdoten und Gefahren des Ozeanverkehrs – der 80-Jährige veröffentlichte Seefahrt-Bände.

Nienstedten. Dies ist die Geschichte verheerender Seuchen und Krankheiten. Mit der Schifffahrt wurden sie über die Weltmeere transportiert, von Kontinent zu Kontinent. Katastrophen und millionenfacher Tod waren die Begleiterscheinungen – im wahrsten Sinn des Wortes. „Schutzengel“ auf hoher See, Bordärzte mit Mumm, Seenotretter und weitere anpackende Helfer runden eine mal erschütternde, mal aufmunternde, in jedem Fall informative Bestandsaufnahme ab. Nach Meinung von Historikern hat sie einen einmaligen Charakter.

Nicht minder spannend ist die Geschichte dahinter. Sie beschreibt einen namhaften Mediziner aus Hamburg, der im Ruhestand Interesse an einem Spezialthema gewinnt, sich intensiv einer besonders für Norddeutschland bedeutenden Materie widmet und diese keinesfalls für sich behält, sondern in Buchform publiziert. Hans Peter Richter-von Arnauld verfasste ein Buch in zwei Bänden. Die Titel sind Programm: „... und hatten die Pest an Bord“ sowie „Schutzengel der Seefahrt“. Dass der 80-Jährige einen Studentenausweis bei sich trägt und im laufenden Semester im Fachbereich Evangelische Theologie Vorlesungen besucht, passt ins unkonventionelle Bild eines belesenen Individualisten.

Nicht reißerische Reportagen mit Gänsehautfaktor sind der Inhalt, sondern sachliche Schilderungen, eine Kombination von Medizin und Geschichte. Neben fraglos trockenen Fakten erwartet den Leser eine Fülle dramatischer, tragischer, indes auch skurriler oder amüsanter Anekdoten. Diese Reise durch die Seuchenwelt der Schifffahrt startet mit der Seekrankheit in der Antike, führt über frühe Stadien der Pest um 540, die mörderische Hochzeit dieses Elends zwischen 1347 und 1352 bis zu den schlimmen Krankheitsbildern der Neuzeit. Zum Schluss zeigt der Autor aktuelle Gefahren des modernen Ozeanverkehrs auf. Ein Beispiel ist die biologische Invasion von Pflanzen und Kleintieren, die durch abgelassenes, aus ganz anderen Regionen stammendes Ballastwasser erfolgt. Auf Meere und Häfen kann Übles zukommen.

Ehefrau Beate las Bücher Korrektur

Um der Geschichte hinter der Geschichte auf den Grund zu gehen, vereinbaren wir einen Treffpunkt mit Wasserbezug: Dübelsbrücker Kajüt an der Elbchaussee in Teufelsbrück. Dieser Name passt zum Thema: Moin, Herr Dr. Richter-von Arnauld. Der zweite, französisch angehauchte Teil des Doppelnamens, das klären wir vorab, wurde durch Ehefrau Beate 1966 in die Verbindung gebracht. Folglich ist das Paar mit Wohnsitz in Alt-Osdorf seit 53 Jahren verheiratet. Die Pharmazeutin las seine Bücher Korrektur. Das nennt man praktischen Beziehungseinsatz.

Apropos Arbeit und Familie: Der promovierte Kardiologe gründete im Jahr 1976 gemeinsam mit seinem Schwager, Professor Ulrich Kleeberg, eine internistische Praxisgemeinschaft mit Sitz in Altona und seit 1993 im Herzen Blankeneses. Der Buchautor ist eine bekannte Größe, nicht nur in den Elbvororten, ein bisschen auch durch Auftritte des Konzertchors Blankenese. Seit drei Jahrzehnten singt der in Paderborn aufgewachsene Arzt in diesem Kreis. Mit Inbrunst.

Und wie, Herr Dr. Richter-von Arnauld, entstand die Buchidee? Im 2007 eingeleiteten Ruhestand, entgegnet er, sei der Gedanke gekeimt. Seinen 70. Geburtstag im März 2008 feierte der Mediziner mit Familie und Freunden im Internationalen Maritimen Museum in der Hamburger HafenCity. Dieses eröffnete gut drei Monate später.

Export der Spanischen Grippe nach Europa

„Die Startphase war spannend“, erinnert sich Hans Peter Richter-von Arnauld. Mit der Medizin kannte sich der Kardiologe aus, mit Schifffahrt bis dato allerdings nicht. Was sich durch Gespräche mit Museumsgründer Peter Tamm und seinen maritim infizierten Mitstreitern grundlegend ändern sollte. Tamm schlug vor, einen Beitrag über Schifffahrtsmedizin zu schreiben. Daraus wurde mehr. Richter-von Arnauld recherchierte unter dem Strich vier Jahre, bevor er mit seinem Wissensdurst am Ziel war. Die beiden Bände sind bei „Books on Demand“ zum Preis von 17,95 („Pest an Bord“) und 7,50 („Schutzengel“) erschienen. Wer möchte, wird ebenfalls in der Buchhandlung Heymann am Blankeneser Bahnhof oder auch im Shop des Maritimen Museums fündig.

Der Verfasser betont seinen Schwerpunkt Kulturgeschichte. Umfassend schildert er Krankheiten, Seuchen und andere Gefahren, die an Bord entstanden und von Land zu Land transportiert wurden. So kam die Pest aus Asien nach Europa. Malaria, Pocken und Lepra gelangten im Rahmen des Sklavenhandels von Westafrika nach Amerika. Aus Amerika wiederum wurden Syphilis, Gelbfieber oder zuletzt 1918 die Spanische Grippe nach Europa exportiert. Die Folgen waren grausam.

Unter dem Strich vier Jahre Recherche

„Der Autor hat sich enorme Mühe gemacht“, weiß Museumschef Peter Tamm, der Sohn des Gründers. „Wer sich für Medizin in der Seefahrt und Geschichte interessiert, wird Gefallen an den Büchern finden.“ Der Arzt im Ruhestand nutzte Informationsquellen des Museums, Bücher aus dem Hause Tamm, Fachliteratur im Internet sowie die Hamburger Staatsbibliothek. Es kann nicht schaden, wenn man im hohen Alter Inhaber eines Studentenausweises ist. Während des Semesters besuchen fünf „alte Knaben“ als sogenannte Kontaktstudenten Islamvorlesungen. Beim Mittagessen im Restaurant Opera an der Dammtorstraße wird die Materie vertieft. Dann ist das Thema Seuchen in der Seefahrt garantiert ad acta gelegt.