Serie

Mein erster Laden: Gründerin benötigt frisches Geld

Gründertagebuch Grete Schulz mit Jennifer Hinze und dem neuen Koch Sönke Sommer und Hündin Berta

Gründertagebuch Grete Schulz mit Jennifer Hinze und dem neuen Koch Sönke Sommer und Hündin Berta

Foto: Michael Rauhe

Das Abendblatt begleitet Unternehmerin Jennifer Hinze. In Teil 9 der Serie muss sie für ihr veganes Café noch einen Kredit aufnehmen.

Vor ein paar Tagen, am Telefon, war sie noch euphorisch. Erzählte, dass sich die Umsätze an einigen Tagen nahezu verdoppelt haben. Dass sie an einem Sonntag 900 Euro gemacht haben, der totale Wahnsinn. Dass sie 45 Frühstücksgäste hatten, fast 20 Leute abweisen mussten, weil alle Plätze belegt war. Und dass sie ein neues Team hat, alles super läuft.

Ein paar Tage später, im Laden, sieht alles wieder anders aus. Das Geschäft ist den ganzen Vormittag fast leer, nur ein einziger Kunde bestellt Frühstück und Kaffee. Für insgesamt 9,50 Euro. Jennifer Hinze, 34, sitzt ein paar Tische weiter in der Ecke und notiert per Hand, was sie alles besorgen muss. Und was es kostet. Sie will die Metallplatten in der Kühltheke gegen graue Glasscheiben austauschen lassen, hat gerade ein Angebot vom Glaser bekommen. 600 bis 700 Euro sind für die drei Scheiben veranschlagt. Jennifer hat die Zahl ganz rechts auf ihre Lis­te geschrieben, um einen Überblick über die Kosten zu haben. Der nächste Posten auf der Liste ist ein Kühlschrank für das Lager, weil der bisherige in der Küche nicht mehr ausreicht, um alle Getränke und Lebensmittel zu kühlen. Kosten: rund 800 Euro.

Hinze ist müde und geschafft

Jennifer Hinze legt den Stift zur Seite, reibt sich die Augen. Sie ist müde, geschafft, groggy. Bis kurz nach zwölf war sie gestern wieder im Laden. Ihrem Laden. Grete Schulz, dem veganen Feinkostgeschäft mit angeschlossenem Café, das sie Anfang Dezember aufgemacht hat – und dessen Konzept sie gerade vollkommen neu aufstellt. Weil die Leute weniger Feinkost kaufen, als sie kalkuliert hat, aber mehr bei ihr im Laden essen und trinken wollen, konzentriert sie sich jetzt voll auf die Gas­tronomie – und die dafür notwendigen „Optimierungen“, wie sie es nennt.

Optimierungen wie die Umstrukturierung des Lagers und die damit verbundene Anschaffung des Kühlschrankes. Optimierungen wie die Aufstockung des Personals, um Service und Küche dauerhaft besetzen zu können. Optimierungen wie die Neuausrichtung und Bewerbung der Marke „Grete“. Optimierungen, die Geld kosten.

Es ist Geld, das Jennifer nicht hat. Obwohl sie im April rund 11.500 Euro Umsatz gemacht hat, kann sie derzeit noch keine Rücklagen für Ausgaben wie diese bilden. Aus diesem Grund hat sie sich dazu entschlossen, einen zweiten Kredit aufzunehmen. „Ist keine große Sache“, sagt Jennifer, während sie in ein Sandwich mit veganem Käse beißt. Sie hatte noch keine Zeit zum Frühstücken. „Eine zweite Finanzierungsrunde bei Gründern ist nicht unüblich“, sagt Jennifer und wischt einen Krümel vom Tisch. „Wenn du dann aber auch noch eine dritte Runde brauchst, hast du echt Scheiße gebaut.“

Bloß keine Scheiße bauen!

Sie will keine Scheiße bauen. Frühzeitig reagieren. Rechtzeitig handeln. Deshalb war sie bereits bei der Bank und hat sich über Finanzierungsmöglichkeiten erkundigt. Nicht bei der Grenke Bank, über die sie den Kredit bei der KfW bekommen hat. Sondern bei der Haspa. Wo sie früher selbst gearbeitet hat. „Ich brauche jetzt jemanden, der hier vor Ort ist – und nicht weit weg. Jemanden, der mich berät und betreut“, sagt Jennifer. Und meint: jemanden, der mit ihr redet, die nächsten Schritte plant. Der ihr sagt, was realistisch ist – und was nicht. Und der ihr einen Kredit gibt. Mit 15.000 bis 20.000 Euro rechnet sie. Im Moment.

Von Grete Schulz am Stellinger Weg bis nach Frankfurt am Main, in die Palmengartenstraße, sind es rund 500 Kilometer. Hier sitzt die KfW. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau, die Jennifer Hinze einen Kredit von 80.000 Euro bewilligt hat. Und die weiß, dass Gründer ihren Finanzbedarf meistens unterschätzen. Das hat eine Studie der KfW ergeben. Daraus geht hervor, dass die Gründer im Mittel doppelt so viel Geld brauchen wie im Businessplan veranschlagt. Mit oftmals fatalen Folgen: „Eine Unterkapitalisierung bereits zum Unternehmensstart erhöht die Gefahr eines Scheiterns deutlich“, sagt Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der KfW. Für das erste Geschäftsjahr ihrer neuen Unternehmen planen die Gründer laut KfW mit einem Finanzbedarf von durchschnittlich 102.000 Euro – tatsächlich fallen im Durchschnitt aber 152.000 Euro für Investitionen und Betriebsmittel an. Auffällig sei, so die Experten, dass insbesondere Unternehmensgründer, die zugleich Mitarbeiter einstellen, von ihrem tatsächlichen Finanzbedarf überrascht werden: Sie haben im Vergleich zu ihrem Planansatz einen Mehrbedarf von 172 Prozent. Gründer ohne Mitarbeiter brauchen hingegen „nur“ 44 Prozent mehr Geld.

Nicht über Fehler von gestern ärgern

Jennifer, genannt Jenn, ist mit einem Koch in Teilzeit (20 Stunden) und einer Mitarbeiterin in Vollzeit an den Start gegangen. Vor fünf Monaten. Inzwischen hat sie fünf Mitarbeiter. Zwei für die Küche, drei für den Service, die im Schichtsystem arbeiten. Was das finanziell bedeutet? Das weiß sie selbst noch nicht. Das muss sie durchrechnen. Was sie aber weiß: dass ihr Businessplan nicht aufgeht. Dass ihre Kalkulation nicht hinhaut. Dass alles anders gekommen ist als geplant.

Trotzdem. Sie will sich nicht über die Fehler von gestern ärgern, sondern es besser machen. Morgen. Heute. Jetzt. Sofort. Jennifer möchte Grete zur Marke machen. An ihrer CI arbeiten, wie sie es nennt. Der Corporate Identity. Unterstützung bekommt sie von Nathalie, 33, die seit Anfang Mai im Service arbeitet. Sie hat Grafikdesign studiert und angeboten, die Website von Grete Schulz zu überarbeiten – und mit Jennifer die Alleinstellungsmerkmale des Ladens herauszuarbeiten. Zu zeigen, was Grete von anderen Cafés unterscheidet und einzigartig macht.

Vor zwei Wochen hat sie einen Vortrag an der Hotelfachschule vor angehenden Betriebswirten gehalten. Eine der Dozentinnen war zufällig bei ihr im Laden gewesen und so begeistert von dem Konzept, dass sie Jennifer gebeten hat, den Teilnehmern von ihren Erfahrungen zu erzählen. „Das war einfach großartig“, sagt Jennifer. Sie hat gemerkt, dass sie ihr Wissen gerne an andere weitergibt. Und dass sie das auch weiterhin machen will. Vielleicht selbst sogar einmal als Gründercoach arbeiten möchte. Nebenbei natürlich. Irgendwann.

Zinsen für Zweitkredit liegen bei bis zu sechs Prozent

Im Moment hat sie keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Im Moment zählen nur die nächsten Tage, die nächsten Schritte. Sie muss sich überlegen, welchen Kredit sie in Anspruch nimmt. Den Hausbankkredit von der Haspa, der innerhalb kürzester Zeit bewilligt wird, dessen Zinsen aber bei sechs Prozent liegen? Oder den „Hamburg-Kredit Gründung und Nachfolge“, dessen Bearbeitung mehrere Wochen dauert, aber nur einen Zinssatz von 1,43 Prozent hat, weil er von der Stadt gefördert wird. „Ich muss noch mal durchrechnen, was das genau für die Tilgungsrate bedeutet“, sagt Jennifer.

Sie trinkt einen Schluck der selbst gemachten „Grete-Limo“ Rhabarber-Galgant und erzählt, dass sie eine Mitbewohnerin gefunden hat, der sie ein Zimmer untervermietet. Ab 1. Juli. Denn ab dann bekommt sie keinen Gründungszuschuss mehr vom Arbeitsamt. Keine 1900 Euro mehr zur Deckung ihrer privaten Kosten. Daher will sie ihre Fixkosten senken. 380 Euro erhält sie von der Untermieterin für den 15 Quadratmeter großen Raum. Es ist ihr Schlafzimmer, sie zieht ins Wohnzimmer. Ihren Esstisch hat sie schon verkauft, den Kleiderschrank verschenkt. Nur ihr Bett behält sie. Und ihren Sessel, der ist ihr wichtig. Ein billiges Ding von Ikea. Sie hat sich den Sessel gekauft, als ihr Vater im Koma lag. Als sie das Gefühl hatte, ein Stück Geborgenheit zu brauchen. Kurz danach ist ihr Vater gestorben.

Den sicheren Bank-Job hat sie geschmissen

Wie ihr Vater Grete finden würde? Ob er stolz auf sie wäre? Sie lacht. „Nee, der wäre bestimmt geschockt, dass ich meinen guten Bankjob geschmissen habe“, sagt sie. Ihr Vater, der Hafenarbeiter. Der sein Leben lang knüppeln musste, wie sie sagt. Und der so stolz war, dass seine Tochter als Einzige aus der Familie Abi gemacht hat. Es ist okay, über ihn zu sprechen. Sie hat keine Probleme mit dem Tod.

Aber sie hat andere Probleme. Das weiß sie. Auch wenn sie nicht genau weiß, woran es liegt. Aber sie will es herausfinden, sich mit einem Unternehmensberater treffen. Vielleicht kann er ihr helfen. Er hat versprochen, sich den Laden anzugucken. Persönlich vorbeizukommen. In ein paar Tagen.