Serie "Mein erster Laden"

Leer gekauft! Keine freien Plätze mehr!

Jennifer Hinze und Koch Daniel Bethe

Jennifer Hinze und Koch Daniel Bethe

Foto: Michael Rauhe

Vier Wochen nach der Eröffnung brummt der vegane Feinkostladen. Nun ist eine eigene Produktlinie geplant. Teil vier der Serie.

Hamburg. Schluss! Aus! Ende! Kaum hat Jennifer Hinze ihren Laden aufgemacht, da ist auch schon wieder Schluss. Grete Schulz, der vegane Feinkostladen mit angeschlossenem Café, schließt heute – nach nur viereinhalb Stunden. Ein Einzelfall, eine Ausnahme, wegen Silvester. Aus diesem Grund öffnet Jennifer Hinze ihr Geschäft nur bis 12 Uhr – und nicht wie sonst bis 17 oder 19 Uhr. Und morgen, am Neujahrstag, bleibt der Laden ganz zu. Es gibt kein Frühstück. Und damit keinen Umsatz. Die Entscheidung ist nicht leicht gefallen. Doch seit der Eröffnung vor vier Wochen musste die 34-Jährige lernen, dass sie den Laden auch mal schließen darf. Oder sogar muss. Dass sie nicht jeden Tag 15 oder 16 Stunden arbeiten kann. Dass es ok ist, einen Ruhetag pro Woche einzulegen. Und dass das Geschäft trotzdem läuft. Besser, als sie es kalkuliert hat.

Als die Jungunternehmerin vor ein paar Monaten ihren Businessplan aufgestellt und einen Gründerkredit beantragt hat, war sie davon ausgegangen, irgendwann im nächsten Jahr ihr Ziel zu erreichen. In ein paar Monaten vielleicht, frühestens in einigen Wochen. Ihr Ziel: so viel Umsatz zu machen, dass sie ihre Fixkosten von 5500 Euro monatlich sowie die variablen Kosten für den Wareneinsatz decken kann, umgerechnet 400 Euro pro Tag. Und dann das! Nachdem Jennifer Hinze in den ersten Tagen nach der Eröffnung gerade einmal 150 Euro täglich eingenommen hat, schnellen die Umsätze hoch. Nach einer Woche waren es schon 200 Euro pro Tag, an einem Mittwoch sogar 300 – und am Wochenende dann 400 Euro. Täglich! Der Break-even!

An einem Freitagnachmittag vor zwei Wochen schreibt Jennifer eine Email an das Abendblatt. Es ist 16.30 Uhr. „Wir wurden gerade leer gekauft, kein Salat, keine Sandwiches und keine Suppe mehr da!“ Zwei Tage später, am Sonntagmorgen zur Frühstückszeit, gibt es keinen einzigen freien Tisch mehr. Alle 28 Plätze sind besetzt.

Schon jetzt hat sie Stammkunden, die jeden Tag kommen. An manchen Tagen sind es gar nicht so viele. Aber sie kaufen viel. „Die meisten Kunden wollen eigentlich nur einen Kaffee oder eine Kleinigkeit zu essen mitnehmen. Doch wenn sie sich dann während der Zubereitungszeit im Laden umgucken, entdecken sie meistens irgendetwas, das sie kaufen“, sagt Jennifer Hinze. Der Bonumsatz im Laden ist hoch, sie profitiert davon, dass die Leute bei ihr auch mit Karte zahlen können – eher ungewöhnlich für ein Café.

Kopfschmerzen, Magenweh – da zog sie in ihrem alten Job die Reißleine

Jennifer Hinze trägt einen Pullover mit dem ihrem Firmenlogo. Aus dem Namen ihrer Urgroßmutter Grete Schulz ist eine Marke geworden. Sogar eigene Kaffeebecher aus Bambus hat sie schon. Umweltfreundlich natürlich. Schließlich steht Grete Schulz nicht nur für vegane Produkte, sondern auch für Nachhaltigkeit. Ressourcen-Nutzung. Umweltbewusstsein. 12,90 Euro kostet einer dieser wiederverwertbaren Bambus-Becher – inklusive vier Kaffee-Befüllungen. „Bei einem Preis von rund drei Euro pro Kaffee ist der Becher damit fast umsonst“, sagt Jennifer. Sie will mit den Bechern kein Geld verdienen, sondern die Leute zum Umdenken bewegen. Damit nicht jährlich Millionen von Einweg-Bechern im Müll landen. Damit Rohstoffe und Energie gespart werden. Damit die Welt ein Stückchen besser wird.

Für Fremde mag das wirklichkeitsfremd klingen, vielleicht sogar naiv. Doch Jennifer Hinze glaubt daran. Dass jeder einzelne etwas ändern kann. Dass jeder noch so kleine Schritt zählt. Dass es im Leben um mehr geht, als darum, Geld zu verdienen. Vielleicht hat sie auch deshalb in der Bank gekündigt. Weil sie das Gefühl hatte, dass ihr Job sinnlos geworden war. Dass sie im Bereich gewerbliche Immobilien-Investments nichts bewegen, verändern kann. Dass ihre ganze Energie in Finanzierungsprozessen verpufft, ohne dass es am Ende ein sinnvolles Produkt gibt. Sondern nur Leere. Ein paar Monate hat sie das als normal empfunden, einfach durchgehalten, weitergemacht. Und geglaubt, dass es irgendwann wieder besser wird. Nach dem Wochenende vielleicht oder nach einem Urlaub. Doch irgendwann musste sie merken, dass es nicht besser wird. Das Magenweh, die Kopfschmerzen. Das Gefühl, leer zu sein. Ausgebrannt. „Früher habe ich immer gedacht, so was wie Burnout gibt es gar nicht“, sagt sie. Für eine Modeerscheinung habe sie das gehalten. Die Leute belächelt, die davon erzählt haben. Bis sie selbst kurz davor stand. Bis sie einen Schluss-Strich gezogen hat. Um neu anfangen zu können. „Ich wollte nicht monatelang krank sein und dann in einen Job zurückkehren, der mich nicht mehr erfüllt“, sagt Jennifer Hinze.

Schluss! Aus! Ende! Fünf Monate ist es her, dass sie ihren gut bezahlten Job bei der Haspa gekündigt und damit auch alle Sicherheiten aufgegeben hat. Ihr festes Gehalt, bezahlten Urlaub, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Das gibt es jetzt nicht mehr. Sie bekommt kein Krankentagegeld, hat keine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen. Und auch keine private Rentenversicherung. Nichts. Nur eine Krankenversicherung, klar.

Da sich der Krankenkassenbeitrag bei Selbstständigen nach dem Einkommen berechnet, diese Zahlen bei Neugründern wie Jennifer Hinze aber noch nicht vorliegen, muss der Beitrag geschätzt werden. Dafür werden mindestens 2.126,25 Euro monatliche Einnahmen zugrunde gelegt. Der Beitrag beläuft sich dann auf 297,68 Euro. Zuzüglich des Zusatzbeitrages von durchschnittlich 19,14 Euro. Noch. Denn ab morgen erhöht sich der Zusatzbeitrag durchschnittlich um 0,2 Prozentpunkte, das sind rund 4,25 Euro, so die offiziellen Infos der Kasse.

Früher, als sie noch ein Jahresgehalt von rund 50.000 Euro bezogen hat, hätte sie sich über vier Euro keine Gedanken gemacht. Heute schon. Heute, wo sie jeden Abend nach Ladenschluss als erstes die Kühltheke ausschaltet und alle Lebensmittel in den Kühlschrank in der Küche räumt. Den Tofu, den Kuchen, die Aufstriche, den Salat. Weil die Kühltheke zu viel Strom braucht. Weil es zu teuer wäre, sie die ganze Nacht laufen zu lassen.

Zu teuer. Dieser Satz fällt immer wieder. Jennifer kennt die Zahlen. Und sie kennt das Risiko. Die Gefahr, pleitezugehen. Wenn man zu verschwenderisch ist, zu wenig Umsatz macht. Wenn man nicht rechnet, kalkuliert. Wenn es nicht läuft. So wie bei 450.000 Existenzgründern, die in den vergangenen drei Jahren mit ihrem Unternehmen gescheitert sind. 450.000 geplatzte Träume. Jennifer Hinze hat einen Traum. Aber sie ist keine Träumerin. Sondern Realistin. Betriebswirtin. Aus diesem Grund weiß sie, dass sie es in der Anfangsphase alleine kaum schaffen kann. Dass die Einnahmen im Idealfall reichen, um die Fixkosten des Ladens zu decken – nicht aber noch zusätzlich ihre privaten. Rund 1000 Euro sind das monatlich. Für Miete, Nebenkosten. Den Lebensunterhalt, das Nötigste. Sie hat nicht mal ein Auto, mit dem sie zum Großmarkt fahren könnte. Nur ein altes Fahrrad.

Um über die Runden zu kommen hat Jennifer Hinze bei der Agentur für Arbeit einen Gründungszuschuss beantragt – und bewilligt bekommen. Kurz vor Weihnachten hat sie die Nachricht erhalten. Was für ein Geschenk! Gerade eben ist die erste Zahlung eingegangen. Rund 1900 Euro. Außerdem erhält sie rückwirkend für November Arbeitslosengeld.

Schluss! Aus! Ende! Mit dieser Bewilligung endet wochenlanges Bangen. Bangen, ob ihr die finanzielle Unterstützung überhaupt zusteht. Das Problem: Bei Eigenkündigungen wie der ihren verhängt die Agentur für Arbeit eine dreimonatige Sperrzeit, in der kein Arbeitslosengeld (ALG I) gezahlt wird – es sei denn, der Arbeitnehmer kann beispielsweise mit einem Attest nachweisen, dass er seinen Beruf nicht mehr ausüben konnte. So ein Attest hat auch Jennifer eingereicht. Der Schritt sei ihr nicht leicht gefallen, sagt sie. Denn wer lasse sich schon gerne bescheinigen, dass er psychisch nicht mehr in der Lage sei, in seinem alten Job zu arbeiten. Es ist keine Frage. Mehr eine Feststellung. Ein Statement.

Sie weiß, dass einige sie jetzt vielleicht für eine Schmarotzerin halten. Oder eine Simulantin. Oder was auch immer. Aber Jennifer hat in den letzten Wochen gelernt, sich nicht von anderen verunsichern zu lassen. Ihr Ding zu machen, wie sie es nennt. Ihren Weg zu gehen. Ihr geht es nicht um das Geld, sondern um das Glücklichsein.

Wieder so ein Satz. Klingt ein bisschen abgedroschen, fast kitschig. Doch Jennifer Hinze gibt sich nicht mit Phrasen ab. Was sie sagt, meint sie auch so. Egal, was andere darüber denken. Neulich war ein ehemaliger Kollege bei ihr im Laden. Er hat sich alles angeschaut, lange nichts gesagt. Dann hat er genickt, ihr auf die Schulter geklopft. Und einen Satz gesagt, an den sie oft denken muss: „Du hast alles richtig gemacht.“ Richtig! Auch wenn andere das vielleicht nicht verstehen können. Es falsch finden, dass sie Geld vom Amt bekommt, obwohl sie einen gut bezahlten Job hatte, selbst gekündigt hat. Falsch, dass sie nicht gesperrt wurde.

Dies sei ein undankbares Thema, sagt Knut Böhrnsen, Sprecher der Agentur für Arbeit. Rund 19.800 Sperrzeiten hat die Agentur 2015 verhängt. Sperrzeiten wegen Eigenkündigung, Meldeversäumnissen oder verspäteter Arbeitslosmeldung. Sperrzeiten, in denen kein Anspruch auf Arbeitslosengeld besteht. „Aber wir sind keine finanziellen Raubritter“, sagt Böhrnsen. „Wir helfen im Vorfelde einer Kündigung, wenn es Unstimmigkeiten gibt, um Meldeversäumnisse oder verspätete Arbeitslosenmeldungen zu vermeiden. Aber wir wissen auch, wie wichtig das Geld für die Betroffenen ist.“ Dass es in der Phase einer Arbeitslosigkeit eher knapp sei. Dass davon die Miete gezahlt und der Kühlschrank gefüllt werden müsse. Und dass deshalb jeder Fall individuell geprüft werden müsse.

So wie bei Jennifer Hinze, die Glück hatte. Die jetzt sechs Monate lang einen Zuschuss in Höhe ihres Arbeitslosengeldes sowie 300 Euro zur sozialen Absicherung erhält. Die künftig einen geringeren Krankenkassenbeitrag zahlen muss, weil dieser anhand des Gründungszuschusses neu berechnet werden musste. Die nun die Chance hat, ihr Geschäft in Ruhe aufzubauen. Und zu erweitern.

Im Moment verkauft sie nur Lebensmittel von anderen Manufakturen. Doch die Nachfrage nach ihren selbst hergestellten Produkten, die sie auf die belegten Brote streicht oder beim Frühstück am Wochenende anbietet, ist groß. Der Renner: Der Sonnenblumenkern-Aufstrich, den Koch Daniel kreiert und „Gretes Brotzeit“ genannt hat. Aus diesem Grund wollen Jennifer und Daniel schon in den nächsten Wochen Marmeladen, Chutneys und vegane Aufstriche für den Verkauf herstellen. „Unfassbar! Dann hab ich nicht nur meinen eigenen Laden, sondern auch meine eigene Marke“, sagt Jennifer, die alle nur Jenn nennen. Rund vier Euro soll ein Glas mit 100 Gramm kosten. Ob in Weck- oder Schraubgläsern, steht noch nicht fest, das probieren die kreativen Köpfe in der Küche gerade aus. Hauptsache Mehrweg – klar!

Schluss? Aus? Ende? Natürlich nicht. Grete Schulz schließt nur für ein paar Stunden. Schon heute Abend gegen 18 Uhr macht Jennifer den Laden wieder auf. Sie will mit ein paar Freunden Silvester feiern. Natürlich hier, in ihrem Geschäft. Das Jahr geht zu Ende. Doch die Geschichte von Grete Schulz geht weiter.

Alle Folgen der Abendblatt-Serie „Mein erster Laden“ gibt es online unter www.abendblatt.de/hinze