Serie "Mein erster Laden"

Es ist geschafft! Eine erste Bilanz nach der Eröffnung

Endlich selbstständig: Jennifer Hinze in ihrem neu eröffneten Geschäft Grete Schulz

Endlich selbstständig: Jennifer Hinze in ihrem neu eröffneten Geschäft Grete Schulz

Foto: Michael Rauhe

Jennifer Hinze hat ihr veganes Feinkostgeschäft mit angeschlossenem Café eröffnet. Gewinne? Nicht die Bohne! Teil drei der Serie.

Seit vier Stunden steht sie im Laden, elf hat sie noch vor sich, vielleicht auch zwölf. Je nachdem, wie lange sie heute Abend braucht. Heute Abend, wenn sie um 19 Uhr den Laden abschließt. Feierabend macht, wie man sagt. Auch wenn es bis zum Feierabend dann noch zwei oder drei Stunden sind. Stunden, in denen sie die den Laden wischt, die Toiletten putzt und die Küche sauber macht. In denen sie den Kassenbericht ausdruckt, die Bargeldbestände überprüft, und die Buchhaltung macht. Stunden, in denen sie auflebt. Lebt, wie sie es nennt. Als Arbeit empfindet sie das nicht. Auch nicht nach 16 Stunden. Oder gerade dann nicht.

Eine Woche ist es her, dass Jennifer Hinze ihren ersten eigenen Laden eröffnet hat. Ein veganes Feinkostgeschäft mit angeschlossenem Café im Stellinger Weg, benannt nach ihrer Ur-Großmutter Grete Schulz. Dafür hat die 34-Jährige ihren gut bezahlten Job bei der Haspa gekündigt und einen Kredit über 80.000 Euro aufgenommen. Seit zwei Monaten begleitet das Abendblatt die Jungunternehmerin auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit, zehn Monate liegen noch vor uns. Vielleicht auch zwölf oder mehr. Je nachdem, wie sich alles entwickelt. Wie diese Geschichte weitergeht, die gerade begonnen hat.

Milch in den Kaffee? Gibt es nicht! Aber alle wollen ihren Mandel-Drink

Jennifer Hinze steht hinter dem Tresen und macht Cappuccino. Sie hantiert mit dem Espresso, schäumt Milch auf. „Aber bloß nicht Milch schreiben!“, ruft sie. Weil Milch ein geschützter Begriff ist, der ausschließlich dem durch Melken gewonnenen Erzeugnis vorbehalten sei. Das hat sie gerade erst gelernt. Wie so vieles in den vergangenen Tagen, Wochen. Dass man statt Milch lieber Drink sagt, Mandel-, Hafer- oder Soja-Drink. Dass der Mandel-Drink mehr schäumt als der Hafer-Drink, weil er mehr Fett hat. Dass die meisten Kunden die Mandel-Variante für Kaffee nehmen, fast niemand den Soja-Drink wählt, den sie literweise eingekauft hat. Dass der Hafer-Drink am besten für Kakao geeignet ist. Und dass die Leute schneller etwas kaufen, wenn sie es vorher probieren konnten. Aus diesem Grund steht auf dem Tresen immer ein kleiner Teller mit Kostproben. Heute sind es Kekse.

Jennifer Hinze rennt hin und her. Sie schält Äpfel und Gurke für den Smoothie des Tages, füllt eine Portion Apfel-Sellerie-Suppe zum Mitnehmen ab, schneidet frisches Bananenbrot auf. Das Geschäft läuft! Sogar gut, findet sie. Obwohl sie erst vor einer Woche eröffnet hat, gibt es schon Stammkunden, die jeden Tag kommen. Aus diesem Grund hat sie kurzfristig Bonuskarten für Kaffee drucken lassen. Kauf zehn, bekomm den elften gratis. Zur Eröffnung am Sonnabend sind rund 100 Leute gekommen. „100! Unglaublich, oder?“, fragt Jennifer. Sie kann das alles selbst noch nicht glauben. Dass alles doch noch geklappt hat, nach den ganzen Problemen. Nachdem der Fußboden beim Einbauen des Tresens zerstört wurde und die Stromleitung bei der Montage der Regale angebohrt wurde. Nachdem die Küche das falsche Maß hatte und nachgebessert werden musste. Und nachdem es keine Waren gab. Bis zur letzten Sekunde nicht. „Die sind erst kurz vor der Eröffnung gekommen. Dafür dann aber alle auf einmal, so dass sich die Kartons auf dem Gehweg gestapelt haben“, sagt Jennifer und erzählt, dass sie Freitag bis Mitternacht im Laden war und die Regale eingeräumt habe.

Mit veganen Brotaufstrichen, Gewürzen, Keksen und Weinen. Veganer Wein? Jennifer Hinze lacht. Das musste sie auch erst lernen. Dass nicht jeder Wein vegan ist. Dass die Winzer in der Regel tierische Produkte wie Schweine-Gelatine nehmen, um einen Wein zu klären – das heißt, ihn von Trübstoffen oder unerwünschten Farb- sowie Aromastoffen zu befreien.

Jennifer Hinze ist jetzt seit fünf Stunden im Laden, zehn hat sie noch vor sich, vielleicht auch elf. Je nachdem, wie viel sie heute schon für morgen vorbereitet. Für den nächsten Morgen. Schließlich ist sie alleine, wenn sie gegen 5.45 Uhr anfängt. Ihre beiden Mitarbeiter kommen später. „Als ich den ersten Morgen hier alleine war, hatte ich richtig Bammel“, sagt Jennifer. Davor, dass sie die veganen Croissants nicht richtig macht, dass ihre belegten Brote nicht schmecken. Und dass niemand kommt.

Doch die Leute kommen. Vereinzelt noch, aber stetig. Sogar an ihrem Ruhetag, am Montag, waren sie da. Eigentlich wollte sie da neue Waren bestellen, die Regale einräumen und die Buchhaltung machen. Aber da immer wieder Leute an die Scheibe geklopft haben, hat sie den Laden kurzfristig aufgemacht. Weil sie die anderen Sachen ja auch noch abends machen könne, sagt sie. Schließlich seien die Kunden das wichtigste. Und der Umsatz?

Jennifer Hinze macht eine Pause, wischt sich die Hände an einem Handtuch ab. Fragt nach. Tagesumsatz? Wochenumsatz? Welche Zahlen brauche man? Doch sie wartet die Antwort gar nicht ab, sondern legt sofort los. Bei der Eröffnung waren es rund 650 Euro, obwohl sie da eigentlich noch gar nicht mit Einnahmen gerechnet hat. Seitdem jeden Tag rund 150 Euro. Ganz gut also, aber natürlich nicht genug. Doch das hat sie einkalkuliert, als sie ihren Businessplan aufgestellt hat. Dass das Geschäft erstmal anlaufen muss, dass sie in den ersten Monaten keine Gewinne macht.

Das weiß auch die Kreditanstalt für Wiederaufbau und räumt Existenzgründern bis zu zwei tilgungsfreie Jahre ein. Zwei Jahre Schonfrist, bevor Jennifer Hinze monatlich rund 1200 Euro zurückzahlen muss. Sechs Jahre lang. Egal, wie das Geschäft läuft.

Aber auch ohne die Schuldentilgung sind die Fixkosten des Betriebes hoch. 5500 Euro monatlich hat sie für Personal, Miete, Telefon, Steuerberater, Gema-Gebühr, Instandhaltungsrücklagen, Strom, Wasser und Sonstiges eingeplant. Rund 230 Euro muss sie Umsatz machen, um die Fixkosten zu decken. Täglich. Sechs Tage pro Woche. 52 Wochen im Jahr. „Das sind aber nur die Fixkosten“, sagt Jennifer mit Nachdruck. Hinzu kommen noch die variablen Kosten für den Wareneinsatz, die natürlich auch erwirtschaftet werden müssen. 400 Euro braucht sie pro Tag. Um alle Kosten decken zu können und „ruhig schlafen zu können“, sagt sie und lacht. Dann wird sie wieder ernst. Schließlich hat sie selbst dann noch keinen Cent verdient. Nichts, um ihre Miete zu bezahlen, Strom, Wasser, Lebensmittel. Nichts, um Klamotten oder Möbel zu kaufen. Nichts, um in die Rente einzuzahlen.

1300 Hamburger erhalten einen Gründungszuschuss

Aus diesem Grund hat Jennifer Hinze bei der Agentur für Arbeit einen Gründungszuschuss beantragt. „Zur Sicherung des Lebensunterhaltes“, wie es offiziell heißt, gewährt die Arbeitsagentur Existenzgründern sechs Monate lang einen Zuschuss in Höhe des zuletzt bezogenen Arbeitslosengeldes sowie 300 Euro zur sozialen Absicherung. Danach können für weitere neun Monate 300 Euro pro Monat gewährt werden. Schon vor Wochen hat Jennifer den Gründungszuschuss beantragt, ihren Businessplan eingereicht, Gespräche mit der Sachbearbeiterin geführt. Doch die Entscheidung steht noch aus. Und im Gegensatz zu früher, zu Zeiten der Ich-AG, gibt es heute keinen Rechtsanspruch mehr auf eine Förderung für Existenzgründer. In Hamburg erhalten jährlich rund 1300 ehemals Arbeitslose den Gründungszuschuss. Die Gesamtkosten belaufen sich auf rund 15 Millionen Euro. Zum Vergleich: Im Jahr 2005 wurden 1635 Ich-AGs gegründet und gefördert.

Das Problem bei Jennifer: Es gibt einen sogenannten Vermittlungs-Vorrang. Das heißt: Sollte der Antragsteller hinsichtlich seiner Qualifikationen in freie und gemeldete Arbeitsstellen vermittelbar sein, hat diese Arbeitsvermittlung Vorrang vor einem Gründungszuschuss. Die Chancen für Jennifer als Bank-Fachwirtin stehen also schlecht. Oder? Jennifer Hinze zuckt die Schultern. „Warten wir es ab“, sagt sie und klingt, als ob sie schon mehr weiß. Tut sie auch. „Ich habe gerade nachgewiesen, dass ich nicht mehr in meinem alten Job arbeiten kann“, sagt sie. Doch das ist eine andere Geschichte, die erzählt sie nächstes Mal. Eine Kundin ist in den Laden gekommen und bestellt eine Suppe. Es ist Mittag, Essenszeit. Jennifer Hinze ist jetzt seit sechs Stunden im Laden. Neun hat sie noch vor sich, vielleicht auch zehn.

Alle Folgen der Abendblatt-Serie „Mein erster Laden“ gibt es online unter www.abendblatt.de/hinze