Je suis Charlie

Demo für die Opfer von Paris: „Hamburg steht für Vielfalt!“

Nach den Anschlägen von Paris haben in Hamburg Tausende Menschen gegen Terror, aber auch gegen Rassismus und Ausgrenzung demonstriert.

„Es wurden keine besonderen Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Wir haben keine Erkenntnisse über irgendwelche Gegendemonstrationen. Das soll doch eine ganz friedliche Kundgebung werden“, sagte Polizeisprecherin Karina Sadowksi. Vor allem wurde es eine programmatische: Mehr als 4000 Hamburger standen am frühen Montagabend auf dem Gerhart-Hauptmann-Platz fest zusammen und zeigten öffentlich ihre Trauer über die 17 Toten von Paris – aber auch über die vielen Tausend Opfer, die von den verschiedenen islamistischen Terrorgruppen in den derzeitigen Krisenherden ermordet wurden. Doch seit dem Massaker an den elf Redaktionsmitgliedern von „Charlie Hebdo“, dem Überfall auf einen jüdischen Supermarkt mit vier toten Geiseln und den beiden erschossenen Pariser Polizisten hat der neuerliche Dschihad Europa wohl erreicht.

„Wir sind alle aufgefordert, unsere Werte zu verteidigen und uns gegen den Hass und Terror zu wehren, mit dem uns die Islamisten und Rassisten anstecken wollen“, sagte Kazim Abaci (SPD), 49, seit 2011 Hamburger Bürgerschaftsabgeordneter und Geschäftsführer von „Unternehmer ohne Grenzen“ (UoG), einem Verein, der sich für die Stärkung der lokalen Wirtschaft, die Förderung von Existenzgründungen – insbesondere von Personen mit Migrationshintergrund sowie die Partizipation von Frauen am Wirtschaftsleben – einsetzt.

Muslime und Christen gemeinsam gegen Hass und Gewalt

Der Verein hatte zu dieser Veranstaltung aufgerufen, und dank der guten Vernetzung waren binnen kurzer Zeit noch weitere relevante gesellschaftliche Gruppen mit an Bord gekommen: Gemeinsam mit Wohlfahrtsverbänden, Migrantenorganisationen, Gewerkschaften, Kulturschaffenden, Vertretern der verschiedenen Religionen und einer Reihe von Politikern aus allen Rathausfraktionen nahmen Bürgerinnen und Bürger an dieser Veranstaltung gegen Terror, Rassismus und Ausgrenzung teil. „Terroranschläge wie in Paris sind weder mit dem Islam noch mit Religion überhaupt zu rechtfertigen“, sagte Abaci in seiner Eröffnungsrede, „die Anschläge waren ein Angriff auf die Meinungs- und die Pressefreiheit – auf unsere demokratischen Werte.“ Es folgte eine Schweigeminute zum Gedenken an die Opfer, und das war ein Moment, in dem allen ein Schauer über den Rücken fuhr.

Es war eine lange Liste von Gastrednern, die von der Bundesbeauftragten für Migration, Flüchtlinge und Integration, Staatsministerin Aydan Özoguz angeführt wurde. „Wir werden die Freiheit nicht erweichen. Was Pegida in Dresden veranstaltet, ist nicht akzeptabel.“ Carola Veit, Präsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft mahnte die Zuhörer: „Hamburg ist kein Tummelplatz für Terroristen. Hamburg steht für Vielfalt – gegen Einfalt!“ Der französische Generalkonsul in Hamburg, Serge Lavroff, forderte die Hamburger auf, sich gegen jede Form von Radikalisierung zur Wehr zu setzen und sich nicht gegeneinander aufhetzen zu lassen. Joachim Lux, Intendant des Thalia Theaters, sagte: „Der Terrorakt in Paris war ein Anschlag gegen die Muslime, weil dadurch das Ansehen der friedlichen Mehrheit der Muslime, eine ganze Glaubensgemeinschaft, diskreditiert wird. Unsere Pflicht ist es, uns den Muslimen jetzt noch mehr zu öffnen.“

Goßen Applaus erhielten Vertreter der Religionen

Besonders großen Applaus erhielten die Vertreter der Religionen für ihre Redebeiträge: Der angehende Jurist Baris Önes, 29, sagte als Vertreter der verfolgten Aleviten: „Man wird nicht als Demokrat geboren. Das muss die Zivilgesellschaft den nachfolgenden Generationen vorleben.“ Den größten akustischen Zuspruch erhielt Mustafa Yoldas für seine kämpferische Rede. Er sprach für die Schura, einen Zusammenschluss unterschiedlicher muslimischer Vereinigungen und Verbände. „Die Anschläge von Paris waren auch ein Attentat auf die Grundprinzipien unseres Glaubens. Als Muslime haben wir die Pflicht, für Freiheit, Gerechtigkeit und Toleranz einzustehen.“ Und der evangelische Landespastor Dirk Ahrens merkte an: „Gott ist groß. Lasst ihn uns nicht kleinmachen, indem wir ihn missbrauchen.“

Auch der Erste Bürgermeister Olaf Scholz kam zwischen zwei Terminen auf den Gerhart-Hauptmann-Platz, doch er demonstrierte lediglich seine stille Anteilnahme – was sicherlich klug war, denn er wäre schließlich „nur“ der 13. Redner gewesen. Und einen weiteren Appell ans Demokratieverständnis des Volkes hätte es wahrlich nicht mehr gebraucht.

Vielleicht muss jedoch langsam auch einmal eine andere Frage gestellt werden: Reicht es, sich hinzustellen und sicherlich hehren wie klugen und mahnenden Appellen zu lauschen, sie zu beklatschen und so die persönliche Bereitschaft erkennen zu lassen, für Freiheit, Toleranz, Menschenrechte – für demokratische Werte eben – einzustehen? Müsste die entscheidende Frage nicht längst lauten, wer etwas, außer Lippenbekenntnissen, wirklich tun kann, außer für den Frieden zu sein und ihn vom Rednerpult aus zu predigen. Schärfere Gesetze? Vorratsdatenspeicherung? (Noch) mehr Überwachungsstaat?

Eine gewisse Angst schwingt mit

Darin sind sich so manche Kundgebungsteilnehmer bei Nachfragen nicht ganz einig. Die latente Furcht, dass sich zurzeit irgendwo weitere potenzielle Attentäter bereits mit der Planung eines neuerlichen Anschlags befassen, lässt sich nicht verschweigen: „Ich finde es unglaublich traurig, dass ich mich in freien Ländern wie Frankreich und Deutschland auf der Straße nicht mehr sicher fühlen kann“, sagt Jan Maßmann, 67, aus Hamburg-Langenhorn. Anne Bargholt, 35, die mit ihren drei Kindern zur Kundgebung gekommen war, sprach es noch offener aus: „Wir müssen Solidarität mit den Opfern von Paris zeigen, gegen Pegida und den Brandanschlag auf die ,Hamburger Morgenpost‘ demonstrieren. Aber ich habe Angst vor Anschlägen. Auch Hamburg ist ja eine Großstadt.“ Tatjana Benhins, 53, die mit ihrer amerikanischen Nichte „gegen den Terror demonstrierte“, fordert von der Politik, die Integration von Menschen aus anderen Teilen der Welt durch mehr Bildungsmöglichkeiten zu fördern“. Nicolas Stallivieri, 30, wiederum betonte, dass er keine Angst vor Muslimen habe: „Man darf keine Angst haben, sondern muss gemeinsam für Meinungsfreiheit und Toleranz einstehen.“

Mehrfach war es aus der Menge herauszuhören, dass es nicht mehr ausreichen würde, wenn Imame und muslimische Rechtsgelehrte lediglich in den Medien oder in den Moscheen auf die eigentliche Friedfertigkeit des Islam hinwiesen. Dies könne man auch als unterschwellige Forderung an die muslimischen Mitbürger verstehen, dass sie jetzt erst recht gefordert sind, den Fanatikern aus ihren Reihen in breiter Front die Stirn zu bieten. Mustafa Yoldas muss dies gespürt haben: Er kündigte überraschend an, dass die türkischen Institutionen und Verbände nach dem kommenden Freitagsgebet am 16. Januar vor ausgesuchten Verlags- und Redaktionshäusern in ganz Deutschland „demokratische Solidaritätskundgebungen veranstalten wollen“.