Hamburg. Für das BG Klinikum Hamburg ist Zuwanderung „alternativlos“, vor allem in der Pflege. Wie Kräfte aus dem Ausland gewonnen werden.

Um zu bestehen, müssen Krankenhäuser neue Wege gehen. Manchmal auch über Mexiko. So ist es zumindest am BG Klinikum Hamburg im Bezirk Bergedorf, vielen noch besser bekannt als Unfallkrankenhaus Boberg. Die Integrationsbeauftragte Marylin Vargas und Pflegedirektor Torsten Weiner waren im vergangenen Jahr auf Dienstreise in vier mexikanischen Städten. Ihre Mission: neue Mitarbeiter zu gewinnen.

Und diese Mission war durchaus erfolgreich: 15 neue Kollegen aus Mexiko werden im September dieses Jahres als Pflegekräfte in Bergedorf anfangen, zwölf weitere 2025. Ein Weg also, der sich lohnt – aber mittlerweile auch alternativlos ist, wie Pflegedirektor Torsten Weiner betont.

Krankenhaus Hamburg: mehr Pflegekräfte für eine älter werdende Gesellschaft

„Im Pflegebereich sind wir auch schon relativ weit, wir werben eigentlich seit 2015 sehr gezielt Fachkräfte an“, sagt Weiner. Zum einen natürlich, um offene Stellen zu besetzen, zum anderen, um die kommenden Ruheständler zu ersetzen. „Allein bei uns am BG Klinikum werden bis 2027 rund 70 Kolleginnen und Kollegen in den Ruhestand gehen. Diese Mitarbeiter müssen wir ersetzen und das Know-how weitergeben.“

podcast-image

Hinzu komme jedoch, dass die Patienten älter und kränker werden, multimorbider. „Das heißt, wir müssen im Pflegebereich in Deutschland wachsen“, sagt Weiner. „Wir brauchen mehr Pflege für eine größere, älter werdende Gesellschaft. Daher sind Zuwanderung und Integration alternativlos.“

BG Klinikum Hamburg: Viele Kliniken haben heute Integrationsbeauftragte

Darum ist es heute auch normal, dass Krankenhäuser Integrationsbeauftragte haben. Marylin Vargas (36) hat zuvor als Personalvermittlerin für internationale Pflegekräfte in einer Hamburger Firma gearbeitet, kannte den Ablauf inklusive aller nötigen behördlichen Auflagen bereits von der anderen Seite. Seit gut einem Jahr bringt sie diese Expertise nun am BG Klinikum ein.

Die Kolumbianerin lebt seit 14 Jahren im deutschsprachigen Raum, sechs davon in Österreich, und kann so sehr gut helfen, die erste große Hürde für neue Kollegen aus dem Ausland zu nehmen: die Sprachbarriere.

Internationale Belegschaft: Am BG Klinikum arbeiten Menschen aus 70 Nationen

Die Belegschaft am BG Klinikum – BG steht für „Berufsgenossenschaftlich“ – ist schon jetzt sehr international. Rund 70 Nationen sind in dem Krankenhaus, in dem schwerst verunfallte Patienten, darunter viele Brandverletzte oder Menschen mit schweren Kopfverletzungen, versorgt und therapiert werden, beschäftigt. Insgesamt gibt es rund 2300 Mitarbeiter, der Pflegedienst nimmt mit etwa 850 Personen den größten Anteil ein.

Pflegedirektor Torsten Weiner und die Integrationsbeauftragte Marylin Vargas vom BG Klinikum Hamburg bei ihrem Besuch in Mexiko-Stadt, wo sie neue Pflegekräfte angeworben haben.
Pflegedirektor Torsten Weiner und die Integrationsbeauftragte Marylin Vargas vom BG Klinikum Hamburg bei ihrem Besuch in Mexiko-Stadt, wo sie neue Pflegekräfte angeworben haben. © BG Klinikum Hamburg | BG Klinikum Hamburg

Gerade in diesem Bereich ist der Bedarf an neuen Mitarbeitern sehr hoch und kann allein mit deutschen Fachkräften nicht kompensiert werden. Darum wird aus dem Ausland angeworben, vor allem aus Kolumbien, Serbien, Portugal, Brasilien, der Türkei und eben Mexiko.

Pflegekräfte melden sich eigenständig oder werden per Agentur angeworben

Ein Teil der Pflegekräfte bewerbe sich eigenständig am BG Klinikum, so Marylin Vargas. Der größere Teil werde mithilfe von Agenturen in ihrem jeweiligen Heimatland rekrutiert. Diese machten Werbung für die Krankenhäuser in Deutschland, führten Interviews, träfen eine erste Auswahl und stellten dann den Kontakt her.

In Mexiko waren Vargas und Weiner bei diesem Prozess dabei, um sich vor Ort ein noch besseres Bild über die Art der Pflege in dem Land, die Arbeitsbedingungen in den Kliniken vor Ort, die Kenntnisse und Bedürfnisse der Bewerber, deren Kultur und die Arbeit der Agentur zu machen.

Krankenhausmitarbeiter haben sich mit Pflegekräften in Mexiko ausgetauscht

„Einfach auch mal mit den Menschen vor Ort sprechen zu können war eine tolle Erfahrung für uns“, sagt Vargas. „Auf der einen Seite sind wir, die die Pflegekräfte brauchen. Aber auf der anderen Seite sind die Menschen, die ihr Heimatland, ihre Familie zurücklassen, um hier zu arbeiten, die hier ihr Glück suchen. Das ist schon etwas anderes, vor Ort mit diesen Menschen zu sprechen als nur per Webcam.“

In diesen Gesprächen geht es natürlich auch um die Gründe, weshalb Pflegekräfte aus Mexiko nach Deutschland kommen wollen. Bessere Arbeitsbedingungen und eine soziale Absicherung gehören laut Vargas dazu, aber auch das Thema Sicherheit im Alltag, also zum Beispiel, abends alleine ohne Angst auf die Straße gehen zu können.

Pflegekräfte aus dem Ausland: Darum ist der erste Eindruck entscheidend

„Wir wissen nun noch besser, was und wie wir uns auf die neuen Kollegen vorbereiten müssen“, sagt Weiner. Und das fange allein schon damit an, dass man den Ankömmlingen nach 23 Stunden Reisezeit, also einer langen Reise in eine ungewisse Zukunft, einen angenehmen Empfang bereite, mit etwas zu essen und einem kleinen Blumenstrauß.

Der erste Eindruck ist schließlich immer wichtig, auch wenn die Reise danach ja erst weitergeht. So müssen die neuen Pflegekräfte das Sprachkursniveau B2 erreichen, doch auch unabhängig davon werden am BG Klinikum zusätzliche Sprachkurse angeboten. Zudem gibt es auf dem Klinikgelände in Bergedorf rund 30 Wohneinheiten für internationale Kollegen, in denen diese die ersten Monate leben können. Eine von Marylin Vargas‘ Aufgaben ist es, den neuen Mitarbeitern dann bei der Wohnungssuche zu helfen.

Krankenhaus Hamburg: Auch die Mitarbeiter am BG Klinikum werden geschult

Und natürlich müssen diese auch gut auf den jeweiligen Stationen integriert werden. „Wir informieren die Teams bei uns an der Klinik ausführlich, wer zu ihnen kommt, und arrangieren vorab online Gespräche, damit sich die Beteiligten schon ein wenig kennenlernen können“, sagt Marylin Vargas. „Zudem werden unsere Mitarbeiter zu den Themen Interkulturalität und sensibler Umgang miteinander geschult.“

podcast-image

Im Gegenzug erhalten die Neuen alle wichtigen Informationen über den Arbeitsalltag auf deutschen Pflegestationen und Antworten auf wichtige Fragen, zum Beispiel, wie es mit Überstunden aussieht – und ob diese in Deutschland bezahlt werden. Aber auch auf den Alltag in Hamburg werden die Pflegekräfte vorbereitet. „Wir erklären ihnen, wo sie einkaufen gehen können, wie viel das Leben hier kostet und dass hier im Winter auch mal Schnee liegt“, sagt Vargas.

Pflegekräfte aus Südamerika sind in der Regel sehr gut ausgebildet

Grundsätzlich seien südamerikanische Pflegekräfte sehr gut ausgebildet, so Weiner. „Pflege ist dort keine Ausbildung, sondern ein Studium, und stark medizinisch geprägt. Die Pflegekräfte arbeiten dort also stärker im ärztlichen Bereich als im pflegerischen.“ Im Rahmen des Anerkennungsprozesses müsste dann teilweise nachgeschult und qualifiziert werden, da gebe es detaillierte Vorgaben je nach Herkunftsland.

Mehr zum Thema

„Wir müssen uns aber grundsätzlich jede Person individuell ansehen und gucken, wo diese mit ihren Qualifikationen steht“, sagt der Bergedorfer Weiner, der nach seinem Examen als Krankenpfleger und dem Diplom als Pflegewirt zunächst beratend tätig war. Im Anschluss arbeitete der heute 46-Jährige als Pflegedienstleitung und dann als stellvertretender Pflegedirektor an der Asklepios Klinik Altona, seit 2019 ist er Pflegedirektor am BG Klinikum.

Krankenhaus Hamburg: BG Klinikum lebt „Willkommenskultur“ für Mitarbeiter

Das Ganze ist also ein sehr kleinteiliger Prozess – an dem aber, wie gesagt, kein Weg vorbeiführt. Und der zumindest aus Sicht des BG Klinikums bislang erfolgreich läuft. „Wir haben bisher tatsächlich noch keine beziehungsweise keinen unserer neuen Kollegen verloren“, sagt Marylin Vargas. „Die fühlen sich alle wohl bei uns.“

Das liegt laut Pflegedirektor Weiner aber nicht nur an der Arbeit im Managementbereich, sondern vor allem auch an der guten Integrationsarbeit auf den Stationen. „Wir haben bei uns an der Klinik eine Willkommenskultur geschaffen, die flächendeckend gelebt wird“, sagt er. „Vom Lageristen über den Pflegedienst bis zu den Therapeuten und Ärzten ist das Verständnis da, dass wir uns ohne neue Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland nicht weiterentwickeln können.“