Hamburg

Schöner Wohnen ohne Menschen? Neues Hotel will kein Personal

Das Bergedorfer Moteleum entsteht am Weidenbaumsweg

Das Bergedorfer Moteleum entsteht am Weidenbaumsweg

Foto: Thomas Voigt

Keine Rezeption, keine Bar, kein Frühstück, aber trotzdem 80 Euro die Nacht. Womit Hamburgs neues Hotel punkten will.

Hamburg. Der große Bahnhof an der Rezeption, gediegene Sitzmöbel in der Lobby, dezentes Geplauder als Kulisse und die Beflissenheit diverser unifomierter, absolut Knigge-konformer Menschen hinter dem Tresen sind der Inbegriff des Hotels und des großbürgerlichen Aufenthalts an den schönen Orten dieser Welt. Selbst in der heute deutlich weiter verbreiteten, abgespeckten Version kommt immer noch eine Übernachtung mit Frühstück heraus. Doch jetzt eröffnet in Hamburg-Bergedorf ein Hotel völlig ohne Personal: das „Moteleum“. Übernachtung mit gar nichts, sozusagen. Selbstbedienung.

Elektronik statt Menschen

Der elektronischen Buchung im Netz folgt die elektronische Herausgabe zweier Zugangscodes. Der eine ist für die Eingangstür des neu gebauten Bergedorfer Eckhauses am Weidenbaumsweg, der andere für die Zimmertür. Alternativ öffnet die Kreditkarte. Keine Rezeptionisten, keine Küche, keine Kellner am Frühstücksbuffet. Nur ein kleines Büro. Noch nicht einmal einen Frühstücksraum wird es geben und erst recht keine Bar. Allenfalls Reinigungspersonal, das sich aber gewöhnlich in Hotels eher unsichtbar macht, wird anzutreffen sein. Im März will der Hotelier Necati Adigüzel eröffnen. Der Innenausbau läuft noch. Mit echten Menschen.

80 Euro für die Übernachtung peilt Adigüzel an. „Ein angemessener Preis für eine hochwertige Ausstattung“, sagte der Unternehmer, der auch schon in Wilhelmsburg baute. 18 Doppelzimmer, ein Behindertenparkplatz hinterm Haus, Fußbodenheizung. Im Flur Kaltgetränke und Snacks in Automaten. Eine Internetseite gibt es schon, aber gestern fehlte die Telefonnummer, Buchen war auch unmöglich. Bauarbeiten also auch auf der elektronischen Seite.

Die Branche beobachtet den "interessanten Versuch"

Die Branche blickt gebannt auf das Experiment im Zentrum Bergedorfs. „Personal ist teuer, besonders in Schichten während der Tagesrandzeiten“, sagt Arne Meyer, Sprecher des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (DeHoGa) in Bergedorf. „Da muss man sich schon überlegen, wie man noch Geld verdienen kann.“ Dass das personalfreie Hotel Schule machen wird, sieht Meyer aber nicht. „Es ist ein spannender Versuch in einem Nischenmarkt. Man wird ein halbes Jahr abwarten und dann über die Erfahrungen reden.“

Der Preis von 80 Euro pro Doppelzimmer ließe allerdings schon ein gut ausgestattetes, „wertiges“ Zimmer erwarten. Auch der Geschäftsführer der DeHoGa Schleswig-Holstein, Stefan Scholtis, erwartet Gäste, denen „das Drumherum“ eher wenig bedeutet und die auch keine Fragen stellen wollen. „Ich sehe solche Konzepte derzeit im Segment der Hotels mit weniger als drei Sternen“, sagte Scholtis. „Aber das kann sich ganz schnell ändern. Der Markt dreht sich heute so schnell, dass es kaum noch möglich ist, Prognosen abzugeben.“

Kein Trend, sondern nur eine Radikalisierung

Als nachhaltigen Trend sieht er das personallose Hotel aber auch nicht. Wie in Supermärkten oder Banken das Personal verschwinde, werde es auch im Übernachtungsgewerbe weniger. Das rezeptionslose Hotel sei deshalb nur eine leicht radikalisierte Variante der allgemeinen Trends zur Personaleinsparung. „Es gibt auch immer mal wieder Überlegungen und Projekte, die das Reinigungspersonal durch Roboter ersetzen wollen“, sagte Scholtis. Bislang sei es bei lebendem Personal geblieben.

Sleeping in a Box

Das ist auch im „BoxHotel“ in Hannover so. Die weitgehend personalfreie Hotelkette aus Niedersachsen bietet aber mit Preisen ab 25 Euro die Nacht konsequent und App-gesteuert im Niedrig-Preissegment an. In nur 4 Quadratmeter großen, fensterlosen „Boxen“ mit Waschbecken kann der Alleinreisende in zentraler Innenstadtlage eine schlichte, aber durchdachte Ausstattung genießen. Geworben wird mit ökologischer Konzeption, minimalem Flächenverbrauch und ausgebliebener Versiegelung, da nur zuvor schon bebaute Grundstücke für das Hotel genutzt würden. Highlight sei die absolut zentrale Lage, die viele Wege spare. Und das Belüftungssystem pumpe täglich eine Million Liter Frischluft in die Boxen, soviel, wie der Mensch in 100 Tagen atme.

Das ist im Bergedorfer Moteleum anders. Für dessen Neubau musste ein vergleichsweise kleines, altes Einzelhaus weichen, die „Zentrumsnähe“ bezieht sich auf die Mitte Bergedorfs, nicht auf die Hamburgs. Das Moteleum gehört auch nicht zu einer der Ketten, von denen es heißt, dass sie den kleinen Hoteliers die Luft zum Atmen rauben.

Verband warnt vor Überhitzung

Meyer warnte denn auch vor einer Überhitzung des Hotelmarktes und der Schaffung von Überkapazitäten. Neben dem Moteleum geht im Sommer in Bergedorf noch ein weiteres Hotel an den Start und erhöht die Bettenzahl von gut 600 auf 770. Am Stadtrand nähere sich die Auslastung gelegentlich schon der 60 Prozent-Marke, sagte Meyer. Unter 50 Prozent Auslastung gelten als problematisch. In Berlin würden die Übernachtungspreise bereits bröckeln.