Hamburg

Ein Besuch beim Donnerstagsräuber – der nichts bereut

Interview mit dem Bankräuber Michael Jauernik, der als "Donnerstagsräuber" bekannt wurde.

Interview mit dem Bankräuber Michael Jauernik, der als "Donnerstagsräuber" bekannt wurde.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Abendblatt-Reporter traf den Bankräuber, der seit 50 Jahren Verbrechen begeht und fast einen Haspa-Angestellten tötete.

Hamburg. Dreckiger Seiteneingang, Kippenstummel, fauliger Geruch, schwere Automatiktür, "Untersuchungsgefängnis, Besucher“. Ein Metalldetektor, einige Stufen hinab, den grauen Flur hinunter. Ein winziger Raum, ein Beamter als Aufpasser.

„Schön, dass Sie gekommen sind“, sagt Michael Jauernik. Er lächelt, das Hemd sitzt, die Armbanduhr leuchtet golden, die 70 Lebensjahre sind nur feine Einkerbungen in seinem Gesicht. Er habe nicht gut geschlafen, „hier hören ja alle immer dieses Rapperzeug, bum-bum-bum-bum“. Aber zwei Stunden, das könne vielleicht ausreichen, um vieles zu erklären, sagt der Mann, den sie den „Donnerstagsräuber“ nennen.

Ausschweifendes Leben auf Kosten anderer

Läuft es nach ihm, wird dies eine Geschichte über einen alten Haudegen. Einen adrett aussehenden Kriminellen, der es einfach nicht lassen kann, der den bösen Banken oft eins ausgewischt hat. Wie in einem Hollywoodstreifen. „Richard GIER“ hat ihn die Bild-Zeitung bereits getauft.

Da ist nur ein großes Problem: Dies ist kein Film. Und Michael Jauernik kein Held. Über 50 Jahre hat er Banken überfallen, unschuldige Menschen traumatisiert, auf die er eine geladene Pistole richtete. Dem Haspa-Angestellten Lars Krause aus Altona im Januar 2017 hat er eine Kugel in den Leib gejagt und ihn fast getötet, an dessen Geburtstag. Früher schon Mitgefangene zu Revolten aufgewiegelt. Ein ausschweifendes Leben auf Kosten anderer geführt, ohne Reue.

Nach einem Überfall in einer Haspa-Filiale in St. Georg wurde Michael Jauernik erneut verhaftet und steht in diesem Spätsommer vor Gericht. Einen Mandanten wie ihn habe er selten erlebt, sagt sein Verteidiger Gerhard Strate. „Intellektuell hatte er es sicher nicht nötig, Bankräuber zu werden.“ Auch für Staat und Gerichte ist Michael Jauernik kein normaler Räuber, seit Jahrzehnten wirft er ihnen mit Gewalt die gleichen Fragen vor. Warum er so ist, wie er ist. Und wie sie mit diesem Kriminellen umgehen sollen, der aus der Zeit gefallen ist.

Narzistische Persönlichkeitsstörung

Was über ihn geredet werde, sei Quatsch, sagt Jauernik, seine Stimme galoppiert los. Ein Gutachter hat eine narzisstische Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Jauernik liebe sich selbst am meisten, da er nicht geliebt wird. Der Vater war nie da, seine alleinerziehende Mutter konnte das nicht auffangen.

„Ich will dafür keine Milde“, sagt Jauernik, seine Mutter sei eine „hochgescheite Frau“ gewesen, „das Beste in meinem Leben“. Sie ist die einzige, über die er langsam und mit Gefühl spricht. Wie er es dann seinem 15-jährigen Ich erklären würde, was aus ihm geworden ist? „Dafür muss man weiter zurück“, sagt er.

Jauernik ist kriminell, weil er sich für besonders schlau hält

Jauernik wächst im Schwaben der Nachkriegszeit auf, auffällig ist er von klein auf, bekommt „jeden Tag am meisten Schläge“ in der Schule, wie er sagt. „Und ich hatte einfach keine Lust zu lernen“. Jauernik klaut Mopeds, dann Autos, „das ging mir gut von der Hand“.

Es gibt diese letzte Chance auf ein geregeltes Leben, damals. Eine Lehre als Fliesenleger, harte Arbeit, gutes Geld. Aber bald nimmt ein Kollege den Jungen mit in die Stuttgarter Unterwelt. Jauernik sagt heute, er habe all diese Gestalten gesehen mit den teuren Autos. „Die sind ja auch nicht schlauer als ich“, habe er gedacht. Und seitdem auch angenommen, ihm stehe mehr zu. Das ist der Gedanke, der seine Tragik und das Leid seiner Opfer entfacht.

Mit 19 schwimmt er im Geld

Es beginnt mit dem ersten Einbruch in eine Bank. Mit 19 Jahren schwimmt er plötzlich im Geld, donnert mehr als 20.000 Mark für einen Mercedes 280 bei einem Autohändler auf den Tresen. Aus Einbrüchen werden im Jahr 1972 Überfälle. Jauernik tauscht die Platzpatronen, die ihm ein Komplize gab, heimlich gegen scharfe Munition. Was dann geschieht, sehen die Beteiligten unterschiedlich. Jauernik erzählt seine besten Geschichten, von dem 1,5 Tonnen schweren Tresor, den er und seine Komplizen „generalstabsmäßig“ abtransportiert hätten. Oder der Bankangestellte, „so ein Hüne“, der bei einer Tat dastand und die Räuber mit einer Reiseschreibmaschine attackierte. „Der Angeklagte R. musste auf dem Boden kriechend seine Brille suchen“, zitiert Jauernik glucksend ein Gericht.

Die Mutter des Bankräubers sah es anders, sie arbeitete weiter ehrlich – zwischendurch als Sekretärin bei der Polizei, als nach ihrem Sohn schon gefahndet wurde. „Ich kann mir denken, woher du das Geld hast“, sagte sie einmal zu ihm, wollte nie einen Fuß in das Luxus-Appartement setzen, das Jauernik ihr so gern zeigen wollte. Auch kaum etwas hören von den Stränden, an denen sich Jauernik am eigenen Reichtum besoff. Und trotzdem hörte sie nicht auf, die Mutter eines Berufsverbrechers zu sein.

Hinter Gittern liest er Tucholsky und Brecht

Die Strafakten von Michael Jauernik ergeben nüchtern: Er wird geschnappt und zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt. Hinter Gittern liest er Tucholsky, Brecht, sympathisiert mit der Roten Armee Fraktion (RAF). „Eigennutz gegen den Eigennutz“, sagt er, wenn man fragt, ob er einen höheren Zweck in seinen Taten sehe. Ist er nicht selbst klug genug, das für völligen Unsinn zu halten? „Natürlich muss man das nicht glauben.“

In den 1980er-Jahren verschafft sich Jauernik seinen Spitznamen als Donnerstagsräuber, weil er stets am Donnerstag kurz vor Ladenschluss zuschlägt. Dreimal stürmt er Banken in der Hamburger City, geht im Alsterhaus einen Kaffee trinken, bis die Sofortfahndung vorüber ist. Und fährt mit dem Sportwagen zurück nach Süddeutschland. Doch wieder wird er schließlich gefasst.

Mitgefange zu Revolten aufgewiegelt

Hinter Gittern schwingt er sich zum „Häftlingsaktivisten“ auf, wie er sagt, andere nennen ihn einen Querulanten. Er überzieht Anstaltsleitung und Gerichte mit Einsprüchen und Klagen, mehr als 300 sollen es am Ende gewesen sein. Eine Reihe seiner Verfassungsbeschwerden haben Erfolg. Seine Kenntnis der Rechtsfragen sei bemerkenswert, sagt Gerhard Strate, auch deshalb vertritt der renommierte Anwalt ihn bis heute.

Wie die anderen Gefangenen für kleinen Lohn zu arbeiten, lehnt Jauernik ab, das sei „Ausbeutung“. Die Anstaltsleitung der JVA Fuhlsbüttel nimmt ihm den Fernseher weg. Jauernik nutzt eine defekte Klappe in einem Gemeinschaftsraum, steigt auf das Dach des Gefängnisses. 250 Gefangene beim Hofgang solidarisieren sich, es entbrennt eine viertägige Revolte, die erst Spezialkräfte auflösen. „War das schön, die Luft da oben außerhalb des Käfigs zu spüren“, sagt Jauernik, als wäre er bloß der Bub, der seine Lehrer mit einem Streich blamiert hat.

Mutter: "Eine Tochter wäre bestimmt kein Bandit geworden"

Vier Jahre später ist Jauernik frei. Diesmal hält er sich von Banken fern, seine Mutter ist gealtert und braucht später Pflege. „Ich war für sie da, immer und überall“, sagt Jauernik. Seine Mutter sagt ihm, sie wünschte sich, ein Mädchen bekommen zu haben, das wäre „bestimmt kein Bandit geworden“. Jauernik beugt sich vor, als er davon erzählt, er kocht hoch. „Das haben ja wenige Menschen in ihrem Alter, den Standard, den ich ihr da ermöglichen konnte.“

Seine Augen suchen kurz umher, wenn man ihn fragt, ob es nicht wehgetan habe, so etwas von der eigenen Mutter zu hören. Dann erzählt er eine völlig andere Geschichte, wie er einen Brief bekommen habe von einem Schulfreund, ein Prokurist bei guten Firmen. „Der hat seiner Frau auch einen schönen Sportwagen gekauft“, sagt Jauernik.

Er klingt fast überrascht, dass das mit ehrlicher Arbeit möglich ist. Und es ist, als ob sein Gehirn die Frage gar nicht zulassen will, ob er den richtigen Weg gewählt hat.

Völliger Mangel an Empathie

Im Jahr 2009 verstirbt seine Mutter. Jauernik arbeitet als Nachtportier in Hotels, so wie er die Aufgabe beschreibt, ist das eine wichtigere Position als der Direktor. „Die waren alle immer hochzufrieden.“ Aber das Geld reicht einfach nicht aus. Nach dem Weihnachtsfest 2011 kommt Jauernik der Gedanke. Er hadert damals, sagt er, „aber wer Angst hat, hat verloren. Deshalb bin ich da rein“. Am 29. Dezember raubt er eine Haspa-Filiale in der Neustadt aus.

Auf Dauer aber ist es nicht genug. Im Januar 2017 betritt er kurz vor Ladenschluss die Haspa an der Holstenstraße, zuerst läuft aus seiner Sicht alles glatt, ihm wird Geld ausgehändigt. Dann, so beschreibt es der Mitarbeiter Lars Krause später, drehte sich der maskierte Täter scheinbar grundlos um und schoss auf ihn. Die Kugel zerschellt an seinem Beckenknochen, nur das rettet ihm das Leben. Jauernik sagt, der Mann am Tresen habe nicht kooperiert „einen Beitrag geleistet. Ich wollte niemals schießen“. Es ist dieser völlige Mangel an Empathie, der auch den Gutachter alarmiert. Jauernik trage seinen Narzissmus „wie eine Monstranz vor sich her“.

Donnerstagsräuber: "Da gibt es nichts zu bereuen"

Der dritte Überfall im hohen Alter endet in Handschellen. Zwei Polizisten stoppen ihn vor der Haspa-Filiale an der Langen Reihe, Jauernik legt die Waffe nieder. „Ich habe mich geschämt“, sagt Jauernik. Der große Bankräuber, „erbärmlich gescheitert“. Er sagt den Beamten, da hätten sie „einen dicken Fisch geangelt“. Die Polizisten wissen nicht, was er früher getan hat, es interessiert sie auch nicht sonderlich. Die Zeit ist um, Michael Jauernik muss zurück in seine Zelle. Der Gutachter hat vor Gericht ausgesagt, dass Jauernik gefährlich sei. Er selbst rechnet nicht damit, dass er noch einmal freikommt.

Letzte Frage. War es das wert? „Ich hatte mehr als die sieben fetten Jahre aus der Bibel, da gibt es nichts zu bereuen“, sagt Michael Jauernik, auf die Frage hat er nur gewartet.

Der Aufpasser nimmt ihn am Arm, will ihn zurück in den Gefängnistrakt drücken. Die JVA-Beamten versuchen, sein ständiges Gerede mit Humor zu nehmen. Jauernik bleibt stehen. Er wolle seine Lebensgeschichte aufgeschrieben sehen, „das würde sich lohnen“, sagt er, „wir können in Kontakt bleiben, ja?“.

Er drückt fest die Hand, aber sieht zum ersten Mal ganz kurz so aus, als hätte er vor etwas Angst.