Landgericht Hamburg

Banküberfall: Donnerstagsräuber brauchte Geld für seinen BMW

Der Donnerstagsräuber Michael J. am Montag vor Gericht in Hamburg.

Der Donnerstagsräuber Michael J. am Montag vor Gericht in Hamburg.

Foto: Axel Heimken / dpa

Er ist ein verurteilter Serien-Bankräuber, 70 Jahre alt – und sehr redselig. Der Prozess gegen Michael J. geht weiter, wie er begann.

Hamburg. Er sieht blendend aus für seine 70 Jahre, ein schlanker, durchtrainierter Mann, die Haare voll und noch nicht ganz ergraut. Zwar redet er sehr schnell und sehr viel, doch Michael J. weiß sich auszudrücken. Als Hobby-Jurist wehrte er sich beim Bundesverfassungsgericht einst erfolgreich gegen seine Zwangsverlegung in ein bayrisches Gefängnis. Wie jemand mit solchen Anlagen derart auf die schiefe Bahn geraten konnte - es bleibt ein Rätsel.

In den 1980er-Jahren hat Michael J. sieben Banküberfälle begangen. Seit Freitag steht der Serien-Bankräuber vor Gericht, weil er zwischen 2011 bis 2019 drei Haspa-Filialen in Hamburg überfallen haben soll: immer donnerstags, stets mit einem Fahrrad als Fluchtmittel. Was noch schwerer wiegt: Bei einem Überfall auf die Haspa-Filiale an der Holstenstraße im Januar 2017, so die Staatsanwaltschaft, soll er völlig grundlos einen Angestellten niedergeschossen haben.

Erst einmal posiert der Bankräuber für die Kameras

Am Montag ist der Prozess fortgesetzt worden. Wie am Freitag posiert Michael J. zunächst mit Sonnenbrille für die Kameras und hält einen Monolog in Richtung Öffentlichkeit. Er steht da und redet, redet, redet. Bis sein Verteidiger Gerhard Strate ihn ermahnt: „Setzen Sie sich!“ Am Freitag hat Michael J. beantragt, den psychiatrischen Gutachter wegen Befangenheit abzulehnen – den Antrag hat das Gericht am Montag abgelehnt. Ihm gehe es um die „reine Wahrheit“, sagt Michael J.

Zu den Vorwürfen wolle er sich „Fall für Fall“ äußern, zum Schuss auf den Bankangestellten erst später. Nur soviel: „Ich hatte nie vor zu schießen, ich schieße nicht auf Menschen.“ Als Michael J. dann mal wieder vom Hundertsten aufs Tausendste kommt und über seine Zeit als Mitarbeiter in einem Luxushotel referiert, bittet ihn die Richterin fast flehentlich: „Bitte fangen Sie an.“

Michael J. brauchte Geld – für seinen BMW

Am Montag geht es um den letzten Überfall auf die Haspa-Filiale an der Langen Reihe im Januar dieses Jahres. Abgesehen habe er es nur auf Banken, in denen die Kassierer in einem Glaskasten sitzen, sagt der Angeklagte. Er habe damals dringend Geld benötigt – seine bescheidene Grundsicherung habe für die Steuer und die Versicherung seines alten BMW nicht gereicht. Eigentlich habe er am 10. Januar eine andere Bank ins Auge gefasst, eine an der Grindelallee.

Weil die Haspa-Filiale damals renoviert worden sei, sei er zur Filiale am Reesedamm aufgebrochen, die er zuvor „zum Zweck des Gelderwerbs“ ebenfalls ausgekundschaftet habe. Am Dammtor sei er jedoch in einen Stau geraten. „Als letzte Alternative fiel mir noch noch die Bank an der Langen Reihe ein“. Es war kurz vor Geschäftsschluss. „Mir rannte die Zeit davon“, sagt er „Ich hätte auch einen Supermarkt überfallen können, aber ich wollte die Angestellten nicht diesem Drohpotenzial aussetzen. Deswegen kamen nur Banken infrage.

Viel Geld erbeutete der Bankräube nicht – trotz Waffe

Er habe seinen BMW abgestellt und sei mit seinem (klappbaren) Mountain-Bike zur Langen Reihe geradelt. Um drei Minuten vor 18 Uhr habe er die Filiale betreten. Er habe eine scharfe Pistole mit sich geführt, eine vom Typ Ceska aus tschechischen Polizeibeständen, die er vor Jahren zu einem „Wucherpreis“ von einem Bekannten gekauft habe. Mit der Waffe habe er der Kassiererin im Glaskasten bedroht und gerufen: „Kassenbox aufmachen, sonst werde ich Sie erschießen“.

Kurioserweise habe die Angestellte seelenruhig mit ihrem Handy telefoniert. „Sie schien überhaupt keine Angst zu haben“, sagt der Angeklagte. Da habe er ihr befohlen: „Hören Sie auf zu telefonieren, das ist kein Spaß“. Ein anderer Angestellter der Bank, der schon vier Überfälle erlebt hat, wies seine Kollegin daraufhin an, dem Räuber das Geld zu geben. „Er war überrascht, dass so wenig Geld dort war, er wollte mehr“, sagt der 60-Jährige im Zeugenstand. Doch etwas lief schief: Weil er mit seinen doppelten Handschuhen aus Latex und Wolle den Stoffbeutel nicht richtig geöffnet bekamt, fiel ein Teil der Beute auf den Boden. Dann schob er sein Klapprad in Windeseile aus dem Gebäude.

Die Flucht mit der mageren Beute endete direkt vor der Tür der Bank

Die Flucht mit den 5000 Euro endete allerdings direkt vor der Tür. Dort erwarteten ihn zwei Polizisten mit gezückten Dienstwaffen. Sie waren zufällig wegen eines anderen Einsatzes am Tatort. „Der Angeklagte wollte sich gerade auf ein Rad schwingen, in der einen Hand ein Stoffbeutel, in der anderen eine Pistole, ein Schal vor dem Gesicht“, erinnert sich einer der Polizisten im Zeugenstand. „Dann sagte er etwas wie „Ups, das ging jetzt aber schnell.“

Michael J. ließ die Waffe fallen. „Das hätte ich nicht getan, wenn ich gewusst hätte, dass sie mich ins Herz treffen. Aber ich wollte nicht zum Krüppel geschossen werden“, sagt Michael J. Danach sei er derart rabiat überwältigt und zu Boden gebracht worden, dass er keine Luft mehr bekommen habe. Seine Handgelenke seien durch die Fesseln angeschwollen. In der Polizeizelle sei es erschreckend kalt gewesen, er sei Fußbodenheizung gewohnt, sagt er. Anzeige habe aber nicht erstattet. „Das sah ich nach einem Banküberfall als nicht nötig an.“

Stolz betonte Michael J., dass er der "Donnerstagsräuber" sei

Den Beamten präsentierte er sich wie jetzt im Prozess: als freundlicher und vor allem sehr redseliger Mann. „Er hat sich mehrfach dafür bedankt, dass wir nicht auf ihn geschossen haben“, sagt der Polizeizeuge. „Voller Stolz“ habe er von seinen früheren Taten erzählt, dass er der „Donnerstagsräuber“ sei und er nach dem Überfall habe untertauchen wollen. Ihm sei noch etwas aufgefallen, so der Polizist: „Er kreiste sehr um sich selbst.“

Michael J. habe zwar von der Angst berichtet, die er verspürte, als seine Kollegen mit der Waffe auf ihn gezielt hätten. „Aber dass seine Opfer genau diese Angst auch verspürt haben könnten, kam ihm nicht in den Sinn.“ Er habe sich überhaupt nicht in sie hineinversetzen können. Viel Wert habe der Angeklagte auf seine „Ganovenehre“ gelegt. „Heutzutage trifft man ja nur selten auf solche Charaktertypen.“