Prozess in Hamburg

Donnerstagsräuber: "Reue dürfen Sie von mir nicht erwarten"

Der Donnerstagsräuber vor Beginn einer der Verhandlungen im Hamburger Landgericht (Archivfoto).

Der Donnerstagsräuber vor Beginn einer der Verhandlungen im Hamburger Landgericht (Archivfoto).

Foto: Daniel Bockwoldt / dpa

Im so genannten letzten Wort lobt der 70-Jährige sich und seine Überfälle, sein Leben und seine Intelligenz. Ende offen.

Hamburg. Gut zweieinhalb Stunden hat er ein verbales Dauerfeuer abgeschossen, hat praktisch ohne Punkt und Komma geredet und ist immer wieder vom Hundertsten ins Tausendste gekommen. Da wirft Michael J. einen Blick auf die Uhr im Prozesssaal und dann zur Vorsitzenden Richterin. „Hören Sie mir überhaupt noch zu?“ möchte der 70-Jährige wissen. Und kurz danach mahnt er den Ankläger: „Schlafen Sie mir nicht ein, Herr Staatsanwalt!“

Doch es kann in der Tat ermüdend wirken, was der als Donnerstagsräuber bekannt gewordene geständige Mehrfachtäter so erzählt. Tenor seiner unendlichen Ausführungen: Er ist schlauer als jeder Kripobeamte und erfolgreicher als die meisten Anwälte. Und die Verbrechen, die er begangen hat, sind zwar schlimm. Aber beispielsweise im Straßenverkehr gebe es Schlimmeres. „Reue“, betont Michael J., „dürfen Sie von mir nicht erwarten.“

Der Donnerstagsräuber redet gut fünf Stunden lang

Es ist das sogenannte letzte Wort in dem seit zwölf Verhandlungstagen dauernden Prozess, doch der Mann hatte schon vorher angekündigt, dass er nicht wisse, ob er mit der Zeit von 9 bis 16 Uhr auskomme. Und wer Michael J. bisher mit seinen ausschweifenden Schilderungen erlebt hatte, ahnte, dass er damit Recht behalten würde. „Darauf komme ich später nochmal“ ist ein Satz, der an diesem Tag von ihm mehrfach zu hören ist. Im Laufe des Nachmittags erkennt er, dass es „sehr viel“ ist, was er unbedingt noch loswerden wolle. Gut fünf Stunden netto redet er schließlich - und kommt nicht zu Ende.

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Die drei ihm mit der Anklage vorgeworfenen Banküberfälle aus den Jahren 2011, 2019 sowie vom Januar 2017, bei dem ein Sparkassenmitarbeiter durch einen Bauchschuss lebensgefährlich verletzt wurde, hat Michael J. gestanden. Und er hat auch schon gesagt, dass er damit rechne, „nie wieder in Freiheit“ zu gelangen. „Als ich festgenommen wurde, habe ich gewusst, jetzt ist alles vorbei“, erzählt er jetzt. Doch bei der Kriminalpolizei habe er lediglich nur den Überfall gestehen wollen, bei dem er „auf frischer Tat erwischt" wurde. „Für mich war klar: Lass die mal schön ermitteln.“ Er sei in der Sache „intelligenter, schlauer als die Leute vom LKA“ gewesen, brüstet er sich.

Schwer getroffen von der Diagnose des Gutachters

Als „Gefälligkeitsgutachten“ schmäht der Angeklagte erneut die Ausführungen des psychiatrischen Sachverständigen, der ihm eine beginnende Demenz sowie eine narzisstische und dissoziale Persönlichkeit bescheinigt hatte. Unfähig, sich in die Erlebniswelt seiner Opfer hineinzuversetzen, erzähle J. von früheren Überfällen „wie von Lausbubenstreichen aus der Schulzeit“, hatte der Gutachter formuliert.

Insbesondere die Einschätzung zu seinen geistigen Fähigkeiten scheinen Michael J. hart getroffen zu haben. Er kramt Details aus seiner Biografie hervor, die Jahrzehnte zurückliegen, schwärmt von den Yachten an der Côte d'Azur, die er mal während eines Urlaubs gesehen habe, verliert sich in Ausführungen zu „schöngeistiger Literatur und Philosophie“, die er bevorzugt lese, und spart auch beispielsweise nicht mit Einzelheiten über eine Wohnung, in der einst lebte.

"Zehn Jahre ohne die geringste Straftat!"

Und er hebt hervor, wie hervorragend er über Jahre in Hotels als Nachtportier gearbeitet habe. „Zehn Jahre ohne die geringste Straftat!“, ruft Michael J. in den Saal. „Obwohl ich ja so ein gefährlicher Räuber war und alles.“ Schließlich mokiert sich der Angeklagte über Angaben im Internet, wonach er seinen ersten Banküberfall mit 23 begangen habe. „Dabei war ich erst 19“, korrigiert er. Und über die Vorsitzende Richterin behauptet er, wenn sie etwas sage, wisse er „immer schon vorher, was kommt“.

Es ist eine dieser Phasen, in denen es Michael J. nicht auf seinem Stuhl hält. Mal steht er während seines letzten Wortes, mal setzt er sich wieder hin. Und immer wieder geht sein Blick in Richtung Zuschauerbänke, als erwarte er hier ein geneigtes Publikum, das andächtig seinen Worten lauscht. Vielleicht erzählt der 70-Jährige deshalb jetzt zum wiederholten Male, wie er etliche Verfassungsbeschwerden gewonnen habe, „mehr als die meisten Anwälte!“ und wedelt erneut mit alten Zeitungsausschnitten, die seine Errungenschaften wohl belegen sollen.

Der Bauchschuss? "Nicht mit Absicht getan"

Was das alles mit den Banküberfällen zu tun hat, wegen derer Michael J. sich wegen versuchten Mordes und schwerer räuberischer Erpressung vor Gericht verantworten muss? Gelegentlich kommt doch ein Satz, mit dem der Vielredner dieses Thema zumindest streift.

Wie in jener Phase, in der Michael J. sich damit brüstet, „keinen einzigen Punkt in Flensburg“ zu haben, während es andere Menschen gebe, die sich wie Verkehrsrowdys benehmen, sodass auf Deutschlands Straßen immer wieder Menschen schwer verletzt oder getötet würden. Da wirft der Angeklagte plötzlich ein: „Das ist eine schlimme Sache mit dem Bauchschuss. Das habe ich ja nicht mit Absicht getan.“ Das eine werde „hier hart bestraft, das andere interessiert hier nicht weiter“, meint Michael J.

Ganovenehre beim Donnerstagsräuber?

An einem früheren Verhandlungstag hatte der 70-Jährige über die schwere Schussverletzung, die er einem Bankmitarbeiter zugefügt hatte, gesagt, er habe sich „genötigt“ gefühlt, eine Kugel als Drohung abzufeuern. „Wenn der meinen Anweisungen gefolgt wäre, wäre das gar nicht nötig gewesen. Den Vorwurf eines versuchten Tötungsdeliktes halte ich für absurd.“

Er könne sich „schon vorstellen“, meint der Angeklagte nun in seinem letzten Wort, „was mit den Leuten passiert, wenn beim Banküberfall geschossen wird. Mich hätte das in Mark und Bein erschüttert, das können Sie mir glauben.“ In eine Bank gehe man nun mal rein „und baut Drohpotenzial auf, sonst kriegt man ja kein Geld“, verteidigt er sich. Wenn man Geld haben wolle, sagt Michael J. noch, „überfällt man nicht alte Leute auf der Straße.“

Nach seiner Weltanschauung ist das wohl so etwas wie Ganovenehre.