Prozess

Hamburger Donnerstagsräuber: "Dement und narzisstisch"

Donnerstagsräuber der Haspa in Hamburg beim Prozess: Der angeklagte Michael J. redet an einem der ersten Verhandlungstage  auf Journalisten ein.

Donnerstagsräuber der Haspa in Hamburg beim Prozess: Der angeklagte Michael J. redet an einem der ersten Verhandlungstage auf Journalisten ein.

Foto: picture alliance/Daniel Bockwoldt/dpa

Psychiatrischer Sachverständiger bejaht anhaltende Gefährlichkeit des 71-Jährigen, der Angestellten in Haspa-Filiale niederschoss.

Hamburg. Vor der Verhandlung hält es Serien-Bankräuber Michael J. nicht mehr auf dem Stuhl. Einem Fotografen hält er ein Blatt Papier vor die Linse – angeblich eine formelle Beschwerde gegen den erfahrenen Ankläger, Oberstaatsanwalt Lars Mahnke. Michael J. sagt, er halte Mahnke und „seine LKA-Truppe“ für schlicht unfähig. Immer wieder schielt er komplizenhaft zu den Reportern im Gerichtssaal.

Solche Auftritte kennt man inzwischen: Michael J. versucht sich laut und mit einem atemberaubenden Sprechtempo Gehör zu verschaffen. Die Ansage der Vorsitzenden Richterin Birgit Woitas „Jetzt bin ich dran“ ist in dem Verfahren längst zum geflügelten Wort geworden.

Donnerstagsräuber fällt der Richterin ins Wort

Michael J. ist angeklagt, weil er drei Banken in Hamburg überfallen und einen Angestellten mit einem Bauchschuss niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt hat. Vor Gericht steht der geständige Mann wegen schwerer räuberischer Erpressung und versuchten Mordes. Wie üblich fällt er auch am Mittwoch der Richterin ständig ins Wort und hält die Kammer mit handschriftlichen Beweisanträgen auf Trab. Hier und jetzt scheint sich zu bestätigen, was der psychiatrische Sachverständige Christoph Lenk seinem Gutachten voranstellt: Der Angeklagte trage die Diagnose „wie eine Monstranz“ vor sich her.

Was er damit meint, führt Lenk in den folgenden 60 Minuten aus. Immer wieder mischt sich Michael J. ein – Lenk verbittet sich das. Der Angeklagte leide unter einer kombinierten narzisstischen und dissozialen Persönlichkeitsstörung, mithin einer „seelischen Abartigkeit“ im juristischen Sinne, so Lenk. Diese Störung sei unter anderem von der Überschätzung der eigenen Person, der Entwertung anderer und der völligen Abwesenheit echter Empathie gekennzeichnet. Unfähig, sich in die Erlebniswelt seiner Opfer hineinzuversetzen, erzähle er von früheren Überfällen „wie von Lausbubenstreichen aus der Schulzeit“.

"Typisch für Narzissten wie ihn..."

Er zeige „keinerlei Mitgefühl“ für das Leid, das er anderen zugefügt habe. Auf der anderen Seite habe er ein „grandioses Gefühl von der eigenen Wichtigkeit“, sei überheblich und arrogant. Typisch für Narzissten wie ihn sei der Umstand, dass er ohne Vater aufgewachsen sei. „Der Narzisst liebt sich am meisten, weil er nicht geliebt wird“, so Lenk. Immer sei es Michael J. um Anerkennung gegangen. Dahinter stehe der Wunsch: „Papa, bitte liebe mich doch!“

Zudem sehe er Anzeichen für eine frühe Form der Demenz bei dem Serien-Bankräuber, die sich unter anderem durch Wiederholungen, Gedankenabrisse und Wortfindungsstörungen äußere. Sollte das Gericht eine Sicherungsverwahrung anordnen, müsse daher zu einem späteren Zeitpunkt überprüft werden, ob bei Michael J. noch ein Hang zur Begehung weiterer Überfälle fortbestehe. Aktuell sei eine anhaltende Gefährlichkeit sicher zu bejahen. Dass Michael J. bei den jetzt angeklagten drei Überfällen im Zustand verminderter Schuld- oder Steuerungsfähigkeit gehandelt habe, schließe er ohne Zweifel aus.

Michael J. wehrt sich – sichtlich angefasst – am Mittwoch gegen das Gutachten. Wie er als Narzisst in Top-Hotels habe arbeiten können, will er wissen. Die Störung, so Gutachter Lenk, habe nicht zwingend Einfluss auf die Berufsausübung – Narzissten gebe es überall.