Pflege

Hamburgs Krankenhäuser drohen mit Schließung von Stationen

Notaufnahme eines Hamburger Krankenhauses (Archivbild)

Notaufnahme eines Hamburger Krankenhauses (Archivbild)

Foto: Getty Images

Auch Notaufnahmen betroffen. Kliniken von UKE bis Asklepios kritisieren Vorgaben zur Personalstärke und attackieren den Senat.

Hamburg. Patienten müssen sich darauf einstellen, dass Hamburger Krankenhäuser in Zukunft immer häufiger Notaufnahmen schließen oder ganze Stationen sperren. Die Gründe sind nach Angaben der Hamburgischen Krankenhausgesellschaft (HKG) bürokratische Vorgaben und eine verfehlte Gesundheitspolitik. HKG-Geschäftsführerin Dr. Claudia Brase machte im Gespräch mit dem Abendblatt auch den Senat dafür mitverantwortlich. Sie forderte Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) auf, die auch auf Hamburger Betreiben eingeführten Personaluntergrenzen für Pflegekräfte zu überprüfen.

Alle Kliniken würden gerne neue Pfleger und Ärzte einstellen – doch der Markt ist leergefegt. Brase sagte, durch die neuen Vorgaben müsse jeden Tag jede Schicht genau dokumentiert werden. „Diese Zeit fehlt den Mitarbeitern für Pflege.“ Der HKG-Vorsitzende Joachim Gemmel (Konzerngeschäftsführer von Asklepios) sagte: „Auch Hamburger Krankenhäuser sind jederzeit in der Lage, die Pflegepersonaluntergrenzen einzuhalten, indem Betten gesperrt und Patienten konsequent abgewiesen werden.“ Doch das könne niemand wollen.

Pflege: Sanktionen gegen Hamburgs Krankenhäuser

Allerdings kämen dadurch Sanktionen auf alle Krankenhäuser zu, die sich am Ende in Honorarkürzungen in Millionenhöhe zeigten, so Brase. Sie sprach von einer „Abwärtsspirale“ des eigentlich boomenden Hamburger Krankenhausmarktes. Wenn jetzt auf einer Intensivstation eine Pflegekraft rechnerisch zweieinhalb Patienten versorge und es ab 2020 nur zwei seien dürften, brauche man mehr deutlich Personal.

Das sei nicht da, also müsse man zunächst zeitweise Stationen schließen. Dadurch wachse der Druck auf andere Krankenhäuser, mehr Patienten aufzunehmen. Diese kämen dann selbst in die Lage, nicht genügend Mitarbeiter zu haben – und müssten Stationen schließen.

Die Krankenhäuser (32.000 Mitarbeiter) haben sich in den vergangenen Jahren bemüht, die Pfleger von vielen Aufgaben wie Reinigungsarbeiten, Tablettenzusammenstellung und Essensauslieferung zu entlasten – um ihnen mehr Zeit für die Patienten zu geben.

Senatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) sagte zu den Personaluntergrenzen, Krankenhäuser, die die Vorgaben nicht einhielten, müssten die Konsequenzen tragen. „Das können etwa Kürzungen bei den Vergütungen sein oder Minderung der Fallzahlen in den Budgets.“

Crashkurs: So sollen neue Pflegefachkräfte qualifiziert werden

In Hamburg fehlen Kita-Erzieher – der Senat plant einen Crashkurs für Ein- und Umsteiger. Alle Krankenhäuser suchen händeringend nach Pflegekräften – die Gesundheitssenatorin Prüfer-Storcks schlägt vor, einfache Mitarbeiter mit Erfahrung schnell zu Pflegefachkräften zu qualifizieren. Neue „Kurz-Weiterbildungen“ sollen dabei helfen.

Ob bei Kindern, Alten und Kranken oder den notorisch nachgefragten IT-Spezialisten, der Fachkräftemangel führt zu politischen Hauruck-Lösungen. Bei den Krankenhäusern ist die Dramatik schon an einfachen Zahlen ablesbar. Nach zehn Jahren des Wachstums an Alster und Elbe sanken von 2016 auf 2017 erstmals laut Statistischem Bundesamt die Patientenzahlen in hiesigen Häusern (505.019 Fälle).

Weniger Ärzte und Pfleger in Hamburger Krankenhäusern

Und ebenso erstmals schrumpfte die Zahl der Ärzte und Pfleger in den Kliniken. Gleichzeitig schließen medizinische Einrichtungen im Umland. Jeder dritte Patient in Hamburg kommt nicht aus Hamburg. Die Sogkraft der Medizin-Metropole ist gewaltig.

Das Wachstum der Gesundheitswirtschaft könnte also weitergehen. Zumal die alternde Gesellschaft immer mehr Therapien und Behandlungen nachfragen wird. Doch die Hamburgische Krankenhausgesellschaft (HKG) beklagt den Einfluss der Politik. Der Gesundheitsminister in Berlin, Jens Spahn (CDU), und Senatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) regierten praktisch bis in die Operationssäle hinein mit.

Dr. Mathis Terrahe, Direktor für Medizin und Strukturplanung im UKE, sagte, die Politik habe ein Misstrauen gegenüber den Ärzten und Krankenhäusern, das nicht gerechtfertigt sei. „Wenn irgendwo Qualität gemessen wird, sind Hamburger Krankenhäuser immer vorne.“ Viele Ärzte würden sich von den Klinikmanagern wünschen, dass sie im Sinne ihrer Patienten einfach mal ohne Vorgaben Medizin machen können.

Der HKG-Vorsitzende Joachim Gemmel (Konzerngeschäftsführer von Asklepios) sagte mit Blick auf die gesetzlichen Untergrenzen bei Pflegern: „Die erstrebte bessere Qualität durch Einhaltung einer starren Besetzungsnorm führt in Wahrheit zu nicht behandelten Patienten und Wartelistenmedizin.“ Heißt: Neue Gesetze führten zu längerem Warten auf eine Behandlung.

Pflegeuntergrenze: Hamburg erreicht 83 Prozent

Wie eine erste Erhebung für das Jahr 2019 zeigt, kommen die Hamburger Krankenhäuser nach Abendblatt-Informationen nur in 83 Prozent der Fälle auf die geforderte Zahl an Pflegern in den vier Pflichtbereichen Intensivmedizin, Kardiologie, Geriatrie und Unfallchirurgie. Auch wenn man es nicht eins zu eins auf die Honorare umsetzen kann, droht am Horizont das Schreckgespenst eines Minus von 17 Prozent beim Umsatz.

Von den Folgen für die Patienten ganz zu schweigen. Fehlen Pfleger auf dem Papier, müssen Stationen schließen. Dass die Häuser längst darauf reagiert haben, indem sie Pfleger von anderen Aufgaben entlasten, das bildet das Gesetz nach Ansicht der Krankenhäuser nicht richtig ab.

Die Senatorin bewertet die Lage anders. Prüfer-Storcks sieht Pflegevorgaben geeignet, die Qualität in den Krankenhäusern zu steigern. Grundannahme: Viele Kliniken operieren zu viel, machen zu viele unnötige Behandlungen, melken die Patienten und ihre Krankenkassen. Das ist der alte Konflikt.

H3: Hamburg Health Harbor für Digitalisierung

"Bundesweit sinken die Fallzahlen in den Krankenhäusern, in Hamburg und Berlin aber nicht“, so Prüfer-Storcks. Außerdem investiere Hamburg den deutschlandweit höchsten Betrag pro Einwohner in seine Krankenhäuser, rund 60 Euro für jeden Bürger. Das UKE, Asklepios, Albertinen, Marienkrankenhaus und andere halten dem entgegen: Der Senat gebe zwar jährlich 110 Millionen Euro für Neubauten, große Geräte und die IT-Sicherheit aus. Benötigt würden jedoch 175 Millionen. Dieses Geld bringen die Häuser selber auf.

Prüfer-Storcks hat unterdessen eine Stabsstelle einrichten lassen, die den klangvollen Namen H3 trägt, Hamburg Health Harbor. Diese Initiative soll die Digitalisierung des Gesundheitswesens vorantreiben. Auch dazu, sagt sie, stünden vier Jahre lang insgesamt 100 Millionen Euro an Geldern unter anderem vom Bund auf Abruf bereit. Die Digitalisierung solle ebenfalls dazu beitragen, die Bürokratie abzubauen und die zeitfressende medizinische Dokumentation zu erleichtern.

In erster Linie aber geht es um den Austausch von Patientendaten zwischen Krankenhäusern, Ärzten und anderen „Leistungserbringern“. Auch von Apps ist die Rede, die die Patienten in die medizinische Behandlung besser einbeziehen soll.

Der Krankenhauskonzern Asklepios hatte vor Monaten gefordert, dass Prüfer-Storcks eine neue Initiative zur schnellen und offenen Digitalisierung aller Beteiligten moderieren solle. Gemeint waren alle Krankenhäuser, Ärzte und Krankenkassen. Elektronische Patientenakten werden von 2021 an Pflicht. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sieht sich als Treiber der Entwicklung, nachdem über Jahre die Entwicklung der elektronischen Gesundheitskarte trotz Milliardeneinsatzes hakte.