Hamburg

Deutschlands Chefarzt tritt ab – mit zwei Botschaften

Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery tritt als Präsident der Bundesärztekammer ab, äußert sich aber weiter zur Sterbehilfe und zur Digitalisierung im Gesundheitswesen.

Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery tritt als Präsident der Bundesärztekammer ab, äußert sich aber weiter zur Sterbehilfe und zur Digitalisierung im Gesundheitswesen.

Foto: Andreas Laible

Prof. Frank Ulrich Montgomery verlässt die Bundesärztekammer. Er appelliert und spricht in bewegenden Worten über das Sterben.

Hamburg. Deutschlands Chefarzt geht in Rente – und es ist eine Punktlandung. 67 wird Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery Ende Mai, wenn er sein Amt als Präsident der Bundesärztekammer nach acht Jahren weitergibt. Als Radiologe im UKE hat er schon seit Jahren nur noch in homöopathischen Dosen gewirkt. Allerdings ist „Monti“, wie ihn Freunde und Skeptiker respektvoll nennen, zwar einer, der eine Position abgibt, aber nie aufgibt.

Er ist der geborene Kämpfer für die Sache der Ärzte. Für höhere Gehälter, medizingerechte Arbeitszeiten, eine ethisch saubere, technisch anspruchsvolle und menschliche Medizin. Alles im Sinne der Patienten. So sieht er sich.

Das würden auch die unterschreiben, die über Jahre seine natürlichen Gegner waren: Krankenhaus-Arbeitgeber, die die Hand auf dem halb leeren Portemonnaie hatten, Krankenkassen, Gesundheitspolitiker aller Couleur. Sie witterten aber in Montgomery immer einen Lautsprecher für eine vermeintlich elitäre Berufsgruppe. Einen, der die Pfründe schützt. Ein Lobbyist mit reklametauglichem Vokabular.

Montgomery ein Populist? "Das ist etwas anders"

Und im Gespräch mit dem Hamburger Abendblatt gibt Montgomery auch zu, dass in ihm etwas von einem Populisten schlummern könnte. Aber: „Populisten schauen auf Stimmungen in der Bevölkerung und richten danach ihre Themen und auch ihre Rhetorik aus. Das ist etwas anderes, als wenn Sie an der einen oder anderen Stelle durch Verkürzung und Zuspitzung agieren müssen, um sich Gehör zu verschaffen.“

Mit der Rhetorik dürfe man es nicht übertreiben. „Es ist ein natürliches Phänomen unserer Zeit: Jeder, der sich ausgewogen, qualitativ hochwertig und komplett ausdrückt, wird heute nicht mehr gehört. Ich bedauere das.“

Der Hamburger Überzeugungstäter geißelte bei Ärztestreiks auf Marktplätzen die Ökonomisierung der Medizin. Nicht mit der Faust, aber mit dem Zeigefinger in der Luft mahnte er als Chef der Ärztegewerkschaft Marburger Bund mehr Geld für Ärzte an. Monti, der „Spartacus“ der deutschen Heiler. Er sprach von „mafiösen Strukturen“ zwischen Arbeitgebern und der Großgewerkschaft Ver.di, die der feinen Ärztetruppe ein Dorn im Auge war.

Neue Hüften für 90-Jährige?

Montgomery verteidigte gegen Kritiker, dass in Deutschland immer mehr operiert wird. Seine Argumente: Es sei sogar kostengünstiger, wenn über 90-Jährige neue Hüften bekommen, weil sie dann noch beweglich seien und möglicherweise nicht pflegebedürftig würden. Menschlicher sei es ohnehin. Und: „Wir haben immer bessere Operations- und Narkoseverfahren. Nimmt man das zusammen, haben wir eine Erklärung dafür, warum wir Menschen nicht Schmerzen, Siechtum und Rollstuhl zumuten, sondern sie mit Endoprothesen medizinisch korrekt und schnell versorgen“, so Montgomery einst im Abendblatt.

Ins tiefe Innere des Ärztekammerpräsidenten dringt erst vor, wer mit ihm über den Tod redet. Und über die selbsternannten Sterbehelfer à la Roger Kusch, ehemaliger Hamburger Justizsenator.

Sterbehilfe und "assistierter Suizid"

„Wer Ärzte an Suiziden beteiligen will, verwischt die Grenzen zur Tötung auf Verlangen und Euthanasie. Beide sind nach deutschem Recht verboten. Und das sollte auch so bleiben.“ Gewerbsmäßige Sterbeorganisationen würden in einem „Kunstbegriff“ von „assistiertem Suizid“ sprechen. Montgomery: „Aber einem Patienten todbringende Medizin hinzustellen und den Raum zu verlassen, das ist zutiefst unärztlich. Wir können den Patienten in seiner schlimmsten Stunde nicht allein lassen. Was, wenn er nicht ausreichend schlucken kann? Wenn die Dosis nicht reicht? Wenn er sich erbricht? Man kann nicht alles technisch steuern. Kein Arzt würde sich auf diese Weise umbringen.“

Das Bundesverfassungsgericht denkt gerade über neue Regeln für Sterbewillige nach. Montgomery spricht sich gegen eine Lösung à la Niederlande aus: „Ich bin auch strikt dagegen, dass Ärzte klinisch sauber und qualitätsgesichert dem Patienten eine Braunüle legen und ihn auf diese Weise umbringen.“

Gespeist werden diese Gedanken von einem erfahrenen Blick: „Wenn Sie mit Menschen sprechen, die mit einem Todeswunsch kommen, ist das meistens ein Hilfeschrei nach Kommunikation. Spricht man mit ihnen, dann verschwindet der Sterbewunsch meist nach 24 Stunden. Man kann Palliativangebote machen und das Sterben zulassen, aber nicht töten. Dann kann es ein würdiges Sterben geben.“

Germanwings-Absturz: Montgomery attackierte die Lufthansa

Montgomery entlarvte einst eine Verordnung, in der steht, dass im Krankenkassensystem nur abgerechnet wird, wenn Leistungen auf Deutsch erbracht werden. Auch in Hamburger Praxen und in Krankenhäusern muss wegen der fehlenden Sprachkenntnisse von Patienten Englisch, Türkisch oder Farsi gesprochen werden. Er attackierte die Lufthansa, weil der Todespilot der zum Absturz gebrachten Germanwings-Maschine eine Krankheitsgeschichte mit Depressionen hatte. Die Airline und die Aufsichtsbehörden hätten versagt.

Beim Thema Ärzte-Korruption kritisierte er Kickback-Geschäfte. Doch als ein Altonaer Arzt vor Gericht stand, weil er von Ratiopharm Prämien für das Verschreiben von Medikamenten bekam, verteidigte der Ärztechef geltendes Recht. Ärzte seien keine Beauftragten der Krankenkassen. Der Bundesgerichtshof bestätigte am Ende aller Klagen im Prinzip Montgomery, forderte aber von der Bundesregierung eine neue Regelung. Was Montgomery wichtig war: Die neue Korruptions-Gesetzgebung sollte nicht auf Ärzte allein fixiert sein.

Er fetzte sich auch mit den anderen Experten in Hamburg. Überhaupt sitzen an der Elbe überdurchschnittlich viele Gesundheits-Fachleute und bundesweit beachtete Polit-Einflüsterer: Da ist der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung, Walter Plassmann, der gewählte Ärzte-Parlamentschef Dr. Dirk Heinrich (NAV-Virchow-Bund), nicht immer Freunde von Monti. Von Hamburg aus mischt der Vorstandschef der Techniker Krankenkasse in Berlin mit, Dr. Jens Baas, ebenso der Sachverständige für die Bundesregierung Prof. Jonas Schreyögg (Uni Hamburg), Asklepios-CEO Dr. Kai Hankeln und der von Hamburg nach Berlin gewechselte Dr. Stephan Hofmeister, jetzt Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.

Die Frauen mit gesundheitspolitischem Sachverstand nicht zu vergessen: Senatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD), ohne die Ex-Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) die Pflegereform nie verstanden hätte, Kassenverbandschefin Kathrin Herbst (VDEK), TK-Hamburg-Chefin Maren Puttfarcken und Dr. Claudia Brase, Geschäftsführerin der Hamburgischen Krankenhausgesellschaft. In dieser extrem kundigen Fachleute-Familie ist Monti der König der Löwen.

In seiner Amtszeit hat sich der Beruf des Arztes extrem gewandelt. Mehr Frauen drängen zum Stethoskop, sie wollen häufiger Teilzeit arbeiten. Die Kranken sind anspruchsvoller geworden, das Internet verändert die Patientenbeziehung. „Ich habe Respekt vor diesen Veränderungen. Lösbar sind sie alle.“ Montgomery agierte schon mit Powerpoint-Präsentationen, da hielten andere Microsoft noch für ein besonders kleines Taschentuch.

"Da war Dr. Google noch nicht an der Medizinischen Hochschule"

„Ich betrachte die Zukunft für Ärzte optimistisch. Nur die Geschwindigkeit des Wandels hat rasant zugenommen. Vor gut zehn Jahren gab es ein i-Phone 1, Google war im Anfang, Dr. Google war noch nicht an der Medizinischen Hochschule angemeldet. WhatsApp hatte gerade 250.000 Nutzer, heute anderthalb Milliarden.“

Er mahnt die Ärzte eindringlich: „Wir müssen die Digitalisierung als Werkzeug und Hilfe begreifen und nicht als Konkurrenz. Ein Algorithmus, wenn er gut programmiert ist, wird wahrscheinlich weniger Fehler machen als der Mensch, das beweisen Programme heute schon. Der Computer vergisst nichts, er kann viel schneller Informationen auswerten und interpretieren.“

Was den Nutzen der Algorithmen für den Patienten betrifft, sagt er: „Die artificial intelligence hat mit dem europäischen Begriff von Intelligenz nichts zu tun. Sie meint eine Art Datensammlung. Niemand würde die CIA, die Central Intelligence Agency, als intelligentes Unternehmen betrachten. In der Medizin geht es um enhanced oder augmented intelligence, also eine erweiterte Interpretation der riesigen digitalen Datenauswertung. Und dafür braucht man eben menschliche Intelligenz“

Montgomery verließ die SPD schon vor Jahren

Viele hatten erwartet, dass er eines Tages Gesundheitsminister wird. Doch das Amt wird nicht nach Durchblick vergeben. Sein SPD-Parteibuch hatte Montgomery schon vor Jahren dem damaligen Genossenchef Sigmar Gabriel vor die Füße geworfen.

Auch er musste einstecken. Nach Attacken auf „Hire-and-fire-Mentalitäten“ bei Krankenhäusern wollte ein ehemaliger Chef eines Klinik-Konzerns Montgomery eine Aussage verbieten lassen. Der Arzt bekam Recht. Konkurrenten in der Bundesärztekammer streuten vor einer Wahl üble Gerüchte an Gesundheits-Journalisten. Von Verquickung persönlicher und Amts-Interessen war die Rede. Alles erstunken und erlogen.

Neider ließen die Staatsanwaltschaft Hamburg wissen, Montgomery führe zu Unrecht einen Professorentitel. Der Ärztekammer-Chef legte den Ermittlern die Urkunde der Freien und Hansestadt vor. Er bekam den Titel für seine großen Verdienste um die Wissenschaft, die Ethik und die Gesundheitspolitik. Alles korrekt.

Paradox: Ärzte genießen trotz Diskreditierungen hohes Ansehen

Ärztefunktionär – das ist kein Job für Zartbesaitete. Da wird man mit Dreck beworfen in der Hoffnung der Lügenschleudern, dass irgendwas hängen bleibt. Montgomery sagt: „Wir haben viel zu häufig erlebt, dass bei Fehlverhalten einzelner Ärzte oft gleich der ganze Berufsstand von Politik und Kostenträgern diskreditiert und herabgewürdigt wird. So etwas bleibt nicht ohne Folgen. Und trotzdem rangieren Ärztinnen und Ärzte in der Berufe-Prestigeskala noch immer weit oben. Und auch wenn man die Menschen nach ihren konkreten Erfahrungen mit ihrem Arzt befragt, dann geben mehr als 80 Prozent an, ihrem Hausarzt zu vertrauen.“

Was kommt nach 40 Jahren als Arzt, Gewerkschafts-Funktionär mit Einstecktuch, Minister-Flüsterer? Etwas mehr Privatleben, wie der Vater von zwei erwachsenen Kindern und Ehemann einer Ärztin sagt. Er möchte gerne mal ein paar Wochen am Stück in den Urlaub. Als Vorstandschef des Weltärztebundes, Präsident der EU-Ärzte und Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Apotheker- und Ärztebank bleibt Montgomery ehrenamtlich voll im Saft. „Ich setze mich nicht an den Teich und halte die Angel rein.“

Sein Vater war ein britischer Offizier, seine Mutter Ärztin. Disziplin kann er. Loslassen auch. Über seine Zeit als Student schreibt er selbst: „Ein Aufenthalt an der Universität in Sydney galt zwar formal als Auslandsstudium. In Wirklichkeit aber habe ich dort mehr das Leben als die Medizin studiert."