Hamburg

Zahnarztpfusch: Kiezwirtin verliert 19 gesunde Zähne

Susi Ritsch mit Ehemann Heinz, die „Susis Show Bar“ gemeinsam seit mehr als 40 Jahren betreiben. Die 58-Jährige quälen schwere Zahnprobleme.

Susi Ritsch mit Ehemann Heinz, die „Susis Show Bar“ gemeinsam seit mehr als 40 Jahren betreiben. Die 58-Jährige quälen schwere Zahnprobleme.

Foto: dpa/picture alliance/Daniel Reinhardt

Die Chefin von Susis Show Bar leidet noch heute unter den Folgen einer Fehlbehandlung. Ihr Zahnarzt wurde jetzt verurteilt.

Hamburg. Susi Ritsch hat nach fast zehn Jahren noch immer mit den Folgen einer verpfuschten Zahnbehandlung zu kämpfen. Zahnarzt Dr. Amir D. (54) hatte ihr 2009/2010 22 Zähne gezogen, darunter bis zu 19 gesunde, und durch Implantate ersetzt. Es folgten: extreme Schmerzen und eine aufwendige Gebisssanierung. „Ich fiel jahrelang in Depressionen“, sagt die Chefin der legendären Kiezbar „Susis Show Bar“ am Beatles-Platz.

Wie berichtet hat das Hamburger Amtsgericht den Zahnarzt am Mittwoch wegen bedingt vorsätzlicher Körperverletzung zum Nachteil von vier Patienten zu anderthalb Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Susi Ritsch war eine von ihnen, dem Gericht hatte sie im Zeugenstand von ihrem Martyrium berichtet.

Zahnarzt zur Bewährung verurteilt

Bei einer anderen Patientin hatte Amir D. 22 Zähne derart abgeschliffen, dass fast ihr gesamtes Gebiss wurzelbehandelt werden musste. Überdies muss der Zahnarzt 36.000 Euro Schmerzensgeld zahlen, sofern das Urteil Rechtskraft erlangt – 9.000 Euro für jeden Patienten.

Auf die Frage, ob sie die Strafe als angemessen empfinde, antwortet Susi Ritsch dem Abendblatt am Tag nach dem Urteil mit einer rhetorischen Frage: „Ob 18 Monate gerecht sind dafür, dass man jahrelang unter größten physischen und psychischen Schmerzen gelitten hat und heute noch leidet?“ Die 58-Jährige meint: „Gerecht wäre, wenn jemand ihm dieselbe Anzahl der Zähne zieht, die er mir gezogen hat. Zahn um Zahn.“

Drei Praxen, dann Insolvenz

Kurz vor Weihnachten 2009 quälten die Chefin von „Susis Show Bar“ heftige Zahnschmerzen. Eine Bekannte habe ihr Amir D. empfohlen, der sei ein „hervorragender Zahnarzt“. Damals hatte der 54-Jährige drei Praxen in besten Hamburger Lagen, bevor er 2012 Insolvenz anmeldte.

Ritsch suchte den Zahnarzt in seiner Eppendorfer Privatpraxis zu Heiligabend auf. „Bei der Untersuchung behauptete er, dass meine Zähne ,vollkommen Schrott‘ seien und aufgrund der Entzündung sofort etwas unternommen werden müsse.“ Gleich am nächsten Tag könne er operieren.

Üblicherweise, so Amtsrichterin Jessica Oeser am Mittwoch, erfordere eine derartige Operation eine Vorbereitungszeit von einem Jahr. „Er sagte, ich solle mir keine Sorgen machen, nach der Behandlung würde mein Gebiss schöner denn je aussehen“, so Ritsch.

Zahnarzt zog auch gesunde Zähne

Am ersten Weihnachtstag operierte Amir D. die Wirtin. Acht Stunden lang. „Als ich aus der Narkose aufwachte, waren nicht nur die entzündeten drei Zähne gezogen, sondern weitere zwölf dazu“, so Ritsch. „Als ich danach zugebissen habe, dachte ich, ich sterbe.“ Später habe der Arzt behauptet, er habe die Zähne ziehen müssen, weil sie so beschädigt gewesen seien.

Amir D. habe sie dann zu einem zweiten Eingriff überredet, bei dem weitere Zähne gezogen werden müssten, damit das Implantat „perfekt“ aussehe. „Ich war mit den Nerven so am Ende. In der Hoffnung, dass dann alles gut sein wird, ließ ich all das mit mir machen.“

Doch gut wurde nichts. „Aufgrund der stümperhaften Arbeiten bekam ich neue Entzündungen“, sagt Susi Ritsch. Die von Amir D. eingesetzten, schiefen Implantate habe ein Kieferchirurg komplett entfernen müssen.

Zeugin sagt gegen Susi Ritsch aus

Eine Zeugin, eine ehemalige Angestellte des Angeklagten, hatte im Prozess gesagt, Ritsch selbst habe darauf bestanden, dass alle Zähne gezogen werden. „Dieses Gespräch gab es nie“, so Ritsch. Bereits am Mittwoch hatte Richterin Oeser deutlich gemacht, dass sie die Aussage der Zeugin für wenig glaubhaft halte.

Bald wird die 58-Jährige im UKE erneut behandelt. Die Chefin von „Susis Show Bar“ hofft, dass der Albtraum dann endlich ein Ende hat. „Ich versuche jetzt vorwärtszuschauen und nicht mehr zurückzublicken, auch wenn es schwerfällt.“