Hamburg

Wenn der Zahnarzt zum Hausbesuch kommt

Zahnarzt Hans-Gert Lindauer in seinem Dienstfahrzeug

Zahnarzt Hans-Gert Lindauer in seinem Dienstfahrzeug

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Hans-Gert Lindauer gehört zu den wenigen mobilen Dentisten. Ihre Einsätze werden in Pflegeheimen immer wichtiger.

Hamburg.  Wenn Dr. Hans-Gert Lindauer (68) zu einem Einsatz gerufen wird, übernimmt er zunächst eine tragende Rolle. Der Zahnarzt wuchtet einen 41 Kilogramm schweren Aluminiumkoffer und einen Behandlungsstuhl aus seinem dreirädrigen Piaggio-Ape-Kleintransporter und verwandelt das Zimmer seines Patienten in eine mobile Praxis. Lindauer erneuert Füllungen, beseitigt Druckstellen und setzt Brücken und Kronen ein. Mitunter begleitet ihn seine Assistentin, die die Zahnreinigung übernimmt.

Nur die wenigsten Hamburger dürften wissen, dass es in Hamburg Zahnärzte gibt, die auch Hausbesuche machen. Dabei wächst ihre Klientel ständig. Jahr für Jahr steigt die Zahl der Hochbetagten in der Hansestadt. Immer mehr Menschen haben Probleme, die Praxis ihres Vertrauens aufzusuchen. „Viele Senioren schaffen es aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zu ihrem Zahnarzt. Sie sind darauf angewiesen, dass der Zahnarzt zu ihnen kommt“, sagt Lindauer, der an der Friedensallee in Ottensen praktiziert.

Wie schlecht es um die Zahn­gesundheit gerade von Pflegeheim­bewohnern bestellt ist, zeigt die aktuelle Mundgesundheitsstudie der Bundeszahnärztekammer. 64 Prozent leiden an Zahnfleischbluten und Entzündungen. Zudem sind 50 Prozent der Pflegebedürftigen im Heim völlig zahnlos und damit deutlich mehr als Gleich­altrige, die daheim leben.

Ein Problem ist der Transport der Patienten

Seit 2014 können Zahnärzte zwar verstärkt Besuche in Pflegeheimen abrechnen, zudem kooperieren viele Heime inzwischen mit einer Praxis. Doch laut Zahnreport der Barmer Krankenkasse, die Landesgeschäftsführer Frank Liedtke im Seniorenzentrum St. Markus an der Gärtnerstraße in Hoheluft-West vorstellte, hat sich kaum etwas verbessert. „Wir müssen feststellen, dass die Leistungsziffern nicht den erwünschten Effekt bringen“, sagt Frank Liedtke.

Zwar sei die Zahl der Zahnarztbesuche gestiegen, doch es gebe kaum mehr therapeutische Leistungen wie etwa Füllungen oder neue verbesserte Prothetik. Die Experten führen dies vor allem auf die Probleme beim Transport der oft bettlägerigen alten Menschen zurück, verbunden mit dem hohen Verwaltungsaufwand. Zudem würden manche Pflegeheimbewohner die Behandlung in einer Praxis grundsätzlich ablehnen. Liedtke hofft, dass auf Sicht das geplante Pflegepersonal-Stärkungsgesetz die Lage verbessert. Denn dann sind Krankenfahrten von Pflegebedürftigen zu Fachärzten von der Genehmigungspflicht befreit.

Vor allem setzt Hamburgs Barmer-Chef jedoch auf mehr Ärzte wie Lindauer, die ihre Dienste vor Ort anbieten. Lindauers mobile Einsätze entstanden durch einen Zufall. Vor 15 Jahren hatte das Pflegepersonal bei einem Patienten Lindauers vergessen, die Zahnprothese vor einer OP herauszunehmen. Dies erledigt der Chirurg dann unter Zeitdruck – und macht die Prothese kaputt. Lindauer kümmerte sich in der Klinik um Ersatz – und wurde nur wenig später in ähnlicher Angelegenheit wieder um Hilfe gebeten.

Vorbeugende Leistungen besonders wichtig

Inzwischen kann Lindauer Hausbesuche zwar abrechnen, ohne Idealismus geht es trotzdem nicht. Denn die Behandlungen sind oft sehr zeitaufwendig, gerade bei Patienten mit Demenz. „Aber mir gibt es eine tiefe Zufriedenheit, wenn ich diesen Menschen helfen kann“, sagt der Arzt.

Prof. Christoph Benz, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Alterszahnmedizin, nennt die Versorgung pflegebedürftiger Menschen eine der „großen zahnmedizinischen Herausforderungen unserer Zeit“ – gerade weil die Generation, die jetzt pflegebedürftig werde, deutlich mehr natürliche Zähne habe: „Fehlt die richtige zahnmedizinische Pflege, wird vieles in kurzer Zeit zerstört. Schmerzen entstehen, und die Kaufunktion geht verloren.“ Gerade vorbeugende Leistungen wie Zahnreinigungen oder schützende Lacke seien im hohen Alter besonders wichtig, um die Zähne zu erhalten.

Der Wissenschaftler appellierte an die Universitäten, die Ausbildung in der Pflegezahnmedizin zu intensivieren: „Heute schon muss jede zahnärztliche Praxis rechnerisch 71 Menschen mit Pflegegrad betreuen. Mit den deutlich steigenden Zahlen wird es immer wichtiger, Zahnärztinnen und Zahnärzte für die schwierigen Aufgaben in der Pflege zu gewinnen.“

Dr. Lindauer nimmt für seine Dienste auch in Kauf, dass sein Rücken leidet – seine mobile Einheit kann vieles, aber Patienten nicht in eine halb liegende Position wie in der Praxis bugsieren. „Mich etwas zu verrenken, bin ich gewohnt“, sagt Lindauer. Allein für die Entfernung von Zahnstein lohne sich jeder Besuch: „Das ist eine Einfallspforte für Herzerkrankungen.“