Reeperbahn

Der Mann, der auf St. Pauli in 14 Rollen schlüpft

Tim Koller tritt unter anderem im Stück „Cindy Reller“ am Schmidt Theater auf. Auch im St. Pauli Theater steht der 35-Jährige auf der Bühne

Tim Koller tritt unter anderem im Stück „Cindy Reller“ am Schmidt Theater auf. Auch im St. Pauli Theater steht der 35-Jährige auf der Bühne

Foto: Andreas Laible

Tim Koller steht im Schmidt und im St. Pauli Theater in so vielen Kostümen auf der Bühne – da kann kein anderer Darsteller mithalten.

Hamburg.  Wenn Tim Koller vom Theater erzählt, ist ihm die Begeisterung für seine Rollen anzumerken: Erst ist er der homosexuelle Priester, dann der Drogendealer, bevor er anschließend zum verliebten Inder Ranjid mit Turban wird. Der 35-Jährige ist in der aktuellen Theatersaison im Dauereinsatz. In insgesamt 14 unterschiedlichen Rollen ist er am Schmidt Theater und St. Pauli Theater zu sehen – wohl kein anderer Schauspieler schlüpft in der Hansestadt in dieser Spielzeit in mehr Kostüme.

Sieben Rollen in "Cindy Reller"

Allein sieben Rollen übernimmt der Wahl-Hamburger in dem neuen Heimat-Märchen „Cindy Reller“, außerdem ist er in der deutschlandweit tourenden Ein-Mann-Show „Cavequeen“ zu sehen. Ab Januar kommen wie bereits im vergangenen Jahr fünf Rollen in der Musicalkomödie „Die Königs vom Kiez“ (alle am Schmidt Theater) und ab Mitte Dezember erneut die „Nacht-Tankstelle“ am St. Pauli Theater hinzu.

Nicht den Überblick zu verlieren und immer den richtigen Text parat zu haben, ist für den Schauspieler, der auch in Fernsehserien wie „Notruf Hafenkante“ und Kinofilmen wie „Die Buddenbrooks“ zu sehen war, eine Herausforderung. „Ich muss wirklich aufpassen, nicht einen falschen Charakter im falschen Stück abzurufen oder das falsche Kostüm an der falschen Stelle im Stück anzuziehen“, sagt er im Gespräch mit dem Abendblatt. Eine Identitätskrise hat er aber noch nicht. „Wenn ich von Rolle zu Rolle springe, kann ich meine gesamte schauspielerische Bandbreite abrufen.“ Mal könne er witzig oder klamaukig, dann aber wieder ernst oder sogar aggressiv sein.

Ablauf als Excel-Tabelle im Kopf

Gegen einen Sekundenblackout auf der Bühne hilft Koller vor seinen Auftritten der Blick in die Textbücher. „Die habe ich immer dabei.“ Außerdem hat er den genauen Ablauf bei jedem Stück „als Excel-Tabelle im Kopf“. „Die gehe ich Schritt für Schritt danach durch, was ich wann machen muss.“

Zum Verschnaufen kommt Koller während der Stücke wie „Cindy Reller“ selbst hinter den Kulissen aber kaum. Ein Rollenwechsel schließt an den nächsten an. Nach dem Ablauf von der Bühne geht es direkt ins nächste Kostüm. „Das ist wie zwei Stunden Sporttraining“, sagt der 35-Jährige und lacht. Zwar habe er noch nie im falschen Kostüm auf der Bühne gestanden, doch „manchmal war ich kurz davor“. Für Lacher sorgte schon einmal ein falsches Requisit. „In ,Die Königs vom Kiez‘ hatte ich als Drogendealer plötzlich die Bibel des Priesters in der Hand.“

Mit 13 Jahren in die Theatergruppe

Seine ersten Berührungspunkte mit dem Theater hatte der Sohn einer Buchhalterin und eines Fabrikarbeiters bereits zu seiner Schulzeit. Für den gebürtigen Österreicher, der in Oberbayern aufwuchs, war Schauspieler zu werden schon immer sein Wunsch. Am Gymnasium entschied er sich im Alter von 13 Jahren für die Theatergruppe, trat seitdem in drei bis vier Stücken im Jahr auf.

Nach der mittleren Reife folgte das Schauspielstudium an der Athanor Fachakademie für Darstellende Kunst in Burghausen. „Ich wollte nicht nur schauspielern, sondern auch singen und tanzen lernen.“ Auf gut Glück bewarb er sich deshalb an der Stella Academy in Hamburg, flog 2001 kurzerhand in die Hansestadt zum Vorsprechen – und hatte Erfolg. Eine spannende Zeit für den damals 20-Jährigen. „Ich war zum ersten Mal geflogen, zum ersten Mal in Norddeutschland und zum ersten Mal in einer Großstadt außer München.“

Hamburg schönste Stadt Deutschlands

Seitdem ist die Hansestadt sein Zuhause. „Es mag wie ein Klischee klingen, aber Hamburg ist für mich die schönste Stadt Deutschlands.“ Seine Freizeit verbringt Koller am liebsten mit Freunden, mit denen er in einer Künstlerkommune in St. Georg lebt. Gelegentlich trifft man ihn auch beim Joggen an der Alster. „Leider komme ich viel zu selten zum Laufen.“ Denn die Karriere läuft. Seit drei Jahren steht Koller nun bereits auf der Schmidt-Bühne. „Hamburg ist für mich eine Kulturstadt. In keiner anderen Stadt gibt es so eine Vielfalt an Theatern und Unterhaltung“, sagt er. „Und das Publikum ist sehr dankbar.“ Für „Cavequeen“ hat der Schauspieler unter anderem häufig in Berlin zu tun. Doch in die Hauptstadt oder in die anderen Theater-Weltstädte wie etwa New York zieht es den Mann mit dem charmanten Dialekt nicht. „Ich komme vom Land, Städte wie Berlin sind mir viel zu groß. Die Reeperbahn ist mein Broadway.“

Kindertheater macht er auch

Erfolgreich ist Koller auch mit seiner eigenen Theaterproduktion „Capt’n Diego und die wasserwilde Reise zum Zuckerhut“, einem Mitmachtheater für Kinder, das bereits seit fünf Jahren in den Sommermonaten auf dem Museumsschiff Cap San Diego stattfindet. Was Kinder von Erwachsenen als Publikum unterscheidet? „Kinder sind direkter, ehrlicher und sagen, was nicht gut funktioniert hat“, sagt Koller. „Das ist gut, denn es zwingt zur Selbstreflexion.“

Mehr als genug zu tun hat Koller also, könnte man meinen. Doch sein nächstes Projekt steht bereits in den Startlöchern. „Capt’n Diego“ soll es bald als Kinderbuch geben. „Für die Umsetzung suche ich derzeit noch Unterstützung“, so der Schauspieler. Und sollte er einmal selbst einen „Koller“ vom Theater bekommen, hat er bereits einen Plan B. „Ich interessiere mich sehr für Medizin und Anatomie.“ Krankengymnast wäre eine Option. Dann könnte er zum Beispiel „Physiotherapeut mit Bühnenerfahrung“ auf seine Visitenkarte drucken.