Uraufführung

Wenn Aschenputtel auf Corny Littmann trifft

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Stefan Reckziegel
Erstes Têteàtête
am Katzenbaum: In der Tierhandlung kommen sich Cindy
(Franziska Lessing) und Edelbert Junior (William Danne) näher

Erstes Têteàtête am Katzenbaum: In der Tierhandlung kommen sich Cindy (Franziska Lessing) und Edelbert Junior (William Danne) näher

Foto: Oliver Fantitsch

Am Donnerstagabend erlebte im Schmidt das erste deutsche Schlager-Musical eine heftig beklatschte Uraufführung: „Cindy Reller“.

Hamburg.  Da haben sich zwei gefunden. Das gilt – keine Überraschung – am Ende nicht nur fürs Aschenputtel und ihren Prinzen, sondern auch für den S*chlager und das Schmidt Theater. Dort und im Tivoli war das traditionelle deutsche Liedgut schon mit den Revuen „Karamba“, „Sixty Sixty“ und „Fifty Fifty“ zu Hause. Am Donnerstagabend nun erlebte im Schmidt das erste deutsche Schlager-Musical eine heftig beklatschte Uraufführung: „Cindy Reller“.

Assoziationen zum Märchen „Cinderella“ sind durchaus beabsichtigt, obwohl die Story vom Aschenputtel sehr frei nach den Brüdern Grimm hier als Hamburger Geschichte in der Gegenwart spielt. Erfolgskomponist Martin Lingnau und Texter Heiko Wohlgemuth, beide bekannt für Dauerbrenner wie „Heiße Ecke“ und „Die Königs vom Kiez“, haben in ihrer zehnten gemeinsamen Haus-Produktion tief in die Klischee- und in die Schlagerkiste gegriffen. Mit „Cindy Reller“ ist in Carolin Spieß’ Regie dennoch ein frisches, schräges und turbulentes Stück im modernen Look entstanden.

Es spielt in einer kleinen Tierhandlung auf – wo sonst? – St. Pauli. Hier kämpft Cindy Reller (Franziska Lessing) mehr schlecht als recht gegen ihre böse Stiefmutter Renate Reller-Rocher (Franziska Kuropka) und ihre Stiefschwester Blondie (Elena Zvirbulis). Träumt heimlich von einer Karriere als Schlagersängerin und singt „Hallo, du schöne Welt“. Die Tiere – alles Puppen – heißen „Nana Mouskouri“, „Frank Zander“ oder „Klaus & Klaus“, der sprechende Papagei schimpft sich „Heintje“.

Franziska Lessing blüht darstellerisch auf

Doch es muss erst ein erfolgloser junger Werbekomponist namens Edelbert von Grootfru Junior (William Danne), der sich selbst „Prinz Peinlich“ nennt, mit seiner kranken Katze vorbeikommen, bis nach Schikanen, Ab- und Umwegen Gerechtigkeit und Liebe Gehör finden. Beim Motto-Ball der Werbeagentur für „Lumina“, dem ersten leuchtenden Toilettenpapier, fliegt das falsche Spiel von Stiefmutter und -schwester schließlich auf, als Cindy Reller doch noch hereinschneit.

In der Titelrolle blüht Franziska Lessing darstellerisch und gesanglich mehr und mehr auf: Aus dem Mauerblümchen mit großer Brille und ohne richtiges Kleid wird ein Showstar – mit Edelbert im Duo Cindy und Bert. Und Blondie, von Wirbelwind Elena Zvirbulis wunderbar schlicht wie eine Daniela Katzenberger für ganz Arme gespielt, muss ihrer Stiefschwester gestehen: „Ich bin nur ,Mini-Playback-Show‘, aber du bist ,The Voice‘!“ Mit ihrem „Scha-la-la-la“ gewinnt sie letztlich nur Edelbert von Grootfruu Senior. Diesen Werbemogul und cholerischen Vater gibt Corny Littmann, der Schmidt-Chef. An seinem Solo „Sophia Loraine“ , eine Art Sprechgesang, haben sowohl Littmann-Fans als auch -Skeptiker Freude. Er habe versucht, sich an die ausgefeilten Choreografien „der anderen fünf dranzuhängen“, räumte Littmann bei der Abmoderation ein. Dass sein Kollege Tim Koller, außer als Edelberts Diener namens Emsig in sieben weiteren Rollen zu erleben, immer wieder neu auf das Thema Schwule und ihr Faible für den Schlager anspielt, gibt dem Abend eine zusätzliche heitere Note.

Komponist Lingnau hat ihn mit seinen fast 20 Neukompositionen als Persiflage und Hommage auf das Genre angelegt. Man muss den Schlager nicht mögen, doch die Typen inklusive der Puppen sind schon zum Liebgewinnen.

„Cindy Reller“ wieder Sa 17.9., 20 Uhr, bis 8.1.2017, Schmidt (U St. Pauli), Spielbudenplatz 24, Karten zu 17,40 bis 63,60 unter
T. 31 77 88 99; www.tivoli.de