24 Stunden Hamburg

24 Stunden Hamburg: Ein Job, der sauber und schlank macht

Roland Wilhelm an seinem Arbeitsplatz

Roland Wilhelm an seinem Arbeitsplatz

Foto: Michael Arning / HA

Jeweils 60 Minuten begleitet das Abendblatt einen Hamburger an seinem Arbeitsplatz. Teil 10, 9-10 Uhr: Roland Wilhelm, Entsorger.

Hamburg. Die Narbe hat er von der Arbeit. Gut sichtbar zieht sich das ramponierte Gewebe über den Unterarm, mit dem Roland Wilhelm gerade eine Tonne über den Asphalt schiebt. Ratternd, rumpelnd, mit Gammelgeruch. „Die hab ich mir bei der Sperrmüllsammlung geholt“, sagt Wilhelm und zeigt auf die vernarbte Haut. „Schön in eine gebrochene Scheibe gefasst. Hat geblutet wie Sau. Ist aber lange her.“ Er muss jetzt auch weiter. Den Dreck anderer Leute wegmachen.

Barmbek-Nord, kurz nach 9 Uhr, Smalltalk zwischen roten Backsteinfassaden. Roland Wilhelm ist mit zwei Kollegen schon drei Stunden auf den Beinen. Ein bodenständiger Typ, der, würde er einen Helm tragen, mit seinem Bart und den leichten Rauchspuren darin ein wenig wie ein Wikinger aussähe. Seine Arbeitshandschuhe sind aber bemerkenswert weiß. Dreckiger Job? „Nicht so dreckig wie früher.“

In seinen 40 Jahren bei der Stadtreinigung war Wilhelm schon so einiges: Aschmann, Müllmann, Entsorger, ist in grünen, orangefarbenen und grauen Autos gefahren, inzwischen ist er Fachkraft für Kreislauf- und Abfallwirtschaft, wie Müllmänner heute offiziell heißen. Wegwerfgesellschaft hin, Mülltrennung her – die Arbeit ist die gleiche geblieben. Es sei die Aussicht auf eine sichere Beschäftigung gewesen, die ihn werden ließ, was er ist. „Und seit es kaum noch Öfen gibt und keine Asche mehr in den Tonnen landet, ist es wirklich ziemlich sauber geworden.“ Die Behälter, mit denen der 65-Jährige heutzutage arbeitet, fassen dafür bis zu 1000 Liter.

Da rastet eine Tonne zischend in den Hubarm des Müllfahrzeugs ein. Sobald die Kontaktschleife aktiviert ist, wird vollautomatisiert angehoben und der Inhalt in den hinteren Schlund des Lastwagens gekippt. Während Roland Wilhelm unten blaue Knöpfchen drückt, rüttelt der Greifarm oben die letzten Reste aus dem Behälter. Früher musste man höllisch aufpassen, nicht in die schwere Apparatur zu gelangen, heute ist alles gesichert. Schnaufend landet die Tonne wieder vor den Stahlkappenschuhen des Entsorgers. Plastik leer, fertig, weiter geht’s.

Tonne raus, Tonne rein, Tonne leer, acht Stunden schieben, ziehen, ankanten, Bordstein hoch, Bordstein runter, Container rücken, einhängen, Knöpfchen drücken – Müllmann ist noch immer Hand- und Fußarbeit, ein Knochenjob. 200-mal steigen die Entsorger täglich am hinteren Trittbrett auf und wieder ab. Die Schicht dauert von sechs bis 14 Uhr. „Ich würde nichts anderes machen wollen“, sagt Wilhelm trotzdem. Im Büro oder in der Werkstatt sitzen? „Nee, dat wär’ nix!“ Obwohl der passionierte Hobbyfotograf im September in Rente gehen könnte, will er noch ein Jahr dranhängen. Den Zusammenhalt der Truppe würde er sonst vermissen.

Zur Abwechslung hupt heute auch niemand hinter dem Müllwagen. Dabei ist ein Grauen des Berufs der grundsätzlich ungeduldige, verbreitet auch pöbelnde Autofahrer, wenn die Männer der Stadtreinigung mal wieder in schmalen Straßen unterwegs sind. „Da muss man sich einiges anhören“, sagt Wilhelm. „Dabei vergessen die Leute, dass wir das auch nicht zum Spaß machen.“ Er habe sich ein dickes Fell angeeignet. So schnell bringt ihn und seine Kolonne nichts aus der Fassung.

Gnädiges Wetter herrscht heute obendrein, bedeckter Himmel, noch Vormittag, nicht zu warm. „Im Hochsommer ist es manchmal echt anstrengend“, sagt Wilhelm. Wenn der Schweiß rinnt und der Müll riecht. Aber auch Eis ist fatal. „Dann werden die Tonnen superschwer.“ Dazwischen gibt es immer wieder Schreckmomente wie vor 30 Jahren auf der Veddel. In einem Abfallkeller fand Wilhelm eine Leiche. „Wohl Herzinfarkt. Beim Müll wegbringen. Den Anblick vergisst du natürlich nie.“

Das andere Grauen der Müllfahrer sind enge, zugeparkte Einfahrten – darum sind Touren durch Großsiedlungen wie Mümmelmannsberg auch relativ beliebt bei der Stadtreinigung – und Keller generell. Als Roland Wilhelm davon erzählt, ahmt er die Haltung nach, die man auf steilen Treppen einnimmt. „Große Tonnen hochzuwuchten oder um etliche Autos zu manövrieren“, sagt er, „ist mit das Anstrengendste.“ Das geht an die Substanz, seine zwei Bandscheibenvorfälle sind kein Zufall. Andererseits neigen Entsorger wegen der körperlich anspruchsvollen Arbeit auch nicht zum Übergewicht.

Ziemlich in der Mitte der Tour fischt Wilhelm einen ganzen Satz Modelleisenbahnen aus einem Behälter. „Viel zu schade zum Wegschmeißen“, sagt er, was zeigt: Ein Auge haben die Männer auch immer auf ihre Fracht. Vor sieben Jahren entdeckte ein Kollege etwa eine lebende Schlange in einem weggeworfenen Toaster. Möglicherweise ist auch dieses Überraschungsmoment der Grund, warum vorzugsweise kleine Jungs den Beruf faszinierend finden. Menschen wie Moderator Kai Pflaume, Schauspieler Marek Erhard oder auch der millionenschwere Rapper P. Diddy wollten mal Müllmann werden. Für 98 Euro kann man es in Berlin sogar einen Tag lang sein.

Fünf Werktage, fünf Touren sind für die heutige Besetzung aus Roland Wilhelm, Wolfgang Mayer und Klaus Tohmann absolute Routine. Ein dicker Schlüsselbund gewährt Zugang zu abgesperrten Müllecken. Oft liegt Abfall daneben, oder Gerümpel versperrt die Zugangswege. Das macht die Arbeit nicht leichter. Am Ende passen trotzdem acht Tonnen Hausmüll in die rotierende Trommel, einmal pro Fahrt müssen sie ihren 26-Tonnen-Laster mit dem Kennzeichen HH-SR-2581 zwischenleeren.

Mit Fotos aus der Mülltonne hat er es bis Cannes geschafft

Als Ausgleich zu dem ganzen Lärm des Alltags hat sich Wilhelm nicht nur um drei Kinder und drei Enkelkinder zu kümmern. Er hat sich auch der Natur- und Architekturfotografie verschrieben. Nur analog, versteht sich. 200 Apparate besitzt er, mit einem „Tonnografie“-Projekt, Fotografie aus der Mülltonne, hat er es sogar bis nach Cannes geschafft. „Das war ein absolutes Highlight.“

Und dann verabschiedet er sich mit einem anderen Traum kleiner Jungen. Er hat drei Haltegriffe und besteht aus dem ausklappbaren Gitterrost am Hinterteil des Müllwagens. Inzwischen ist Roland Wilhelm schon vier Stunden auf den Beinen. Und natürlich beherrschen Männer wie er nicht nur das gekonnte Wuchten von Abfallbehältern, sondern auch das Müllwagensurfen. Elegant wie ein Balletttänzer schnappt sich der 65-Jährige einen der Griffe, stellt ein Bein auf den Gitterrost und deutet mit dem zweiten an, es könne jetzt losgehen.

Der Müllwagen fährt an, Roland Wilhelm schwebt davon. Seine Bandscheibenvorfälle? In diesem Moment vergessen.

Alle Folgen und Videos gibt es online unter www.abendblatt.de/24stunden