24 Stunden Hamburg

24 Stunden Hamburg: Der die Flugzeuge willkommen heißt

Jörn Reglitzky arbeitet seit
1999 auf dem Hamburger
Flughafen und kennt jeden
Winkel des Vorfeldes

Jörn Reglitzky arbeitet seit 1999 auf dem Hamburger Flughafen und kennt jeden Winkel des Vorfeldes

Foto: Andreas Laible / HA

60 Minuten begleitet das Abendblatt einen Hamburger an seinem Arbeitsplatz. Teil 9, 8–9 Uhr: Kontrollwagen-Fahrer Jörn Reglitzky.

Noch während der Funk läuft, bremst Jörn Reglitzky ab und fährt mit seinem VW T6 in Richtung Pistenkreuz. Für ungeübte Ohren ist der Wortwechsel aus dem Lautsprecher zwischen Tower und Pilot in etwa so verständlich wie der Taxifunk: gar nicht. Aber Reglitzkys Ohren sind nach all den Jahren geschult. Und im Zweifel sind für ihn ohnehin nur diese Worte entscheidend: „Clear to land.“ „Schwierig wird es nur, wenn französische Piloten Englisch sprechen“, sagt er und lacht kurz auf.

Reglitzky ist einer von 16 Kontrollwagen-Fahrern am Hamburger Flug­hafen. Obwohl sie sich intern eigentlich anders nennen. Nämlich einfach „Follow me“, zu Deutsch „Folge mir“. Der Grund ist, dass die Follow-me-Fahrer tatsächlich meistens ein Flugzeug im Schlepptau haben, das ihnen folgt. Reglitzky und seine Kollegen nehmen die Maschinen nach der Landung in Empfang und weisen den Weg bis zur endgültigen Landeposition. So wie bei dieser Passagiermaschine aus Wien, die gerade auf Landebahn 05/23 gelandet ist. Im Schritttempo fährt Reglitzky jetzt vorweg, bis er auf der vorgesehenen Parkposition zum Stehen kommt. Dann setzt er seinen Hörschutz auf und steigt aus.

„Jetzt kommt die Kunst“, sagt er, zückt die beiden roten Kellen und macht damit ausladende Schwingbewegungen, die ein bisschen so aussehen wie bei den Sicherheitseinweisungen einer Stewardess. Mit seinen Schwenkbewegungen hilft er, das Flugzeug perfekt zu positionieren – die Bodenmarkierungen kann der Pilot selbst schließlich nicht sehen. Als das Flugzeug zum Stehen kommt, verbeugt sich Jörn Reglitzky weit nach unten. „Jeder hat da seinen eigenen Stil“, sagt er. Sein Stil ist das abschließende Verbeugen. „Das ist doch eine schöne Willkommensgeste, oder?“

Für die Betreuung der nächsten Maschine ist einer seiner Kollegen zuständig. Um diese Zeit sind sie meist zu dritt oder viert im Einsatz. In den nächsten 60 Minuten teilen sie sich die 13 geplanten Ankünfte untereinander auf.

Für Reglitzky ist es jetzt Zeit, die große Runde zu drehen. Die führt an der etwa 17 Kilometer langen Außenbahn des Flughafengeländes entlang. Worauf er dabei achten muss? „Auf alles“, sagt er. Darauf, dass nirgendwo was auf den Pisten liegt, dass Büsche und Gräser keine Schilder verdecken, und dass die Bahnen in einem guten Zustand sind. Auch um verletzte Tiere, meist Vögel, kümmert er sich. Aber auch ein Reh hat es schon mal auf das Gelände geschafft. „Die Kontrollfahrten klingen vielleicht banal. Aber für die Sicherheit und einen runden Ablauf am Airport ist die Arbeit sehr wichtig.“

Heute sehen die Bahnen gut aus. Und hier hinten, wo der Flughafen an das Waldgebiet grenzt, ist es sogar richtig idyllisch und erstaunlich ruhig. Fast täglich kommt er bei seinen Kontrollfahrten auch an Plane-Spottern vorbei. Die stehen meist mit ihren Kameras hinter dem Zaun, in den der Flughafen extra Gucklöcher geschnitten hat, damit sie freie Sicht haben. Nach all den Jahren kennt er fast jeden aus der eingeschworenen Gemeinde. Und manchmal helfen sie Reglitzky sogar bei seiner Arbeit. „Es ist schon öfter mal vorgekommen, dass denen etwas auffällt, was für uns wichtig ist“, sagt der 53-Jährige, der gebürtig aus Niedersachsen stammt. Seit 1999 ist Reglitzky hier im Dienst, kennt auf dem Vorfeld jeden Winkel. Und bei 322.000 Quadratmetern will das was heißen.

Seit einiger Zeit muss sich aber auch der Profi immer wieder neu sortieren. Grund dafür ist die Großbaustelle mitten auf dem Hauptvorfeld, das bis 2020 in zehn Abschnitten grunderneuert wird. Sie sorgt immer wieder für Veränderungen der Streckenführungen. Und als neulich zudem noch alle Beschriftungen auf dem Vorfeld samt Wegkennzeichnungen und Positionsnummern geändert werden mussten, musste sich auch Reglitzky ganz schön konzentrieren, um nicht den Überblick zu verlieren. Im Winter kommen weitere Aufgaben hinzu. Mit einem 120.000 Euro teuren Spezialmesswagen müssen er und seine Kollegen die Griffigkeit und mögliche Glätte der Start- und Landebahnen überprüfen.

Jeder Mitarbeiter hat einen Vorfeld-Führerschein

Um auf dem Vorfeld in irgendeiner Form motorisiert unterwegs zu sein, muss jeder hier einen Vorfeld-Führerschein gemacht haben. Die Verkehrs­regeln, die hier gelten, sind denen auf den normalen Straßen zwar ähnlich, einige Unterschiede gibt es aber doch. Regel Nummer eins: Flugzeuge haben immer Vorfahrt. „Auch vor der Polizei oder der Feuerwehr.“ Regel Nummer zwei: Nach den Flugzeugen folgt in der Vorfahrtshierarchie „alles, was blinkt“. So wie Kehrmaschinen oder eben Jörn Re­glitzkys Kontrollwagen.

Gerade ist ein Airbus gelandet, den hat sich Reglitzky gleich geschnappt. Kurz, nachdem der Flieger die Landebahn erreicht hat, schaltet er die gelben Rundum-Blinklichter ein. Der Pilot erblickt ihn sofort und rollt jetzt hinter ihm her. Und dann kommt Reglitzkys Lieblingsmoment. Wieder schnappt er sich die Kelle und verbeugt sich vor der Maschine und den Piloten. Willkommen in Hamburg.