24 Stunden Hamburg

24 Stunden in Hamburg: Lust und Frust auf der Reeperbahn

In Hamburg arbeiten nach Angaben des Landeskriminalamtes rund 2500 Prostituierte

In Hamburg arbeiten nach Angaben des Landeskriminalamtes rund 2500 Prostituierte

Foto: Arning

Jeweils 60 Minuten lang begleitet das Abendblatt einen Hamburger an seinem Arbeitsplatz. Teil 2, 1–2 Uhr: die Prostituierte Joyce.

Der Name Pink Palace ist neu, die Farben sind neu, das Bordell selbst aber hat eine lange Tradition, denn es wurde bereits 1967 vom St.-Pauli-Grandseigneur Willi Bartels (1914–2007) an der Reeperbahn erbaut. Damals war das Eros Center der größte Puff der Welt, vielleicht sogar der berühmteste. Das Geschäft hat sich im Laufe der Jahrzehnte natürlich nicht geändert, es geht immer nur um das eine, doch tatsächlich ist es rückläufig, vor allem hier auf dem Kiez. Nicht selten drücken schon allein die 100 Euro Tagesmiete für eines der 60 Liebes­appartements den Frauen aufs Gemüt. Dementsprechend wird Süßholz geraspelt, wird mit den Augenlidern geplinkert und die Figur in Pose geworfen, wenn sich ein Freier nähert: „Ey, du! Kommst’ mal mit? Du siehst ja richtig nett aus … Nur 30 Euro … Aber 30 Euro wirst du doch wohl noch haben? ... Wie, nicht mal 30 Euro? Was bist denn du für einer, sag mal?“

30 Euro Eintrittspreis

Sagt beispielsweise Joyce (32), die privat natürlich anders heißt und auch ungefähr zehn Jahre älter sein dürfte, als unter ihrem perfekten Make-up im Schummerlicht auf den ersten Blick ersichtlich. Sie verkörpert Disziplin und Berufsehre, sie sei ja auch eine Altgediente, scherzt sie, als der Biedermann im ockerfarbenen Blouson und einer Brax-Autofahrerhose weitergetapert ist.

1,75 Meter misst sie, hat lange blonde Haare und noch längere Beine, betont ihre Modelmaße mit einem schwarzen Hauch von nichts, das von Kettchen im Nacken und am verlängerten Rücken zusammengehalten wird. In jeder ihrer Brüste steckten 450 Gramm Silikon, sagt sie, und um in Form zu bleiben, treibe sie jede Menge Sport.

Wenn der Biedermann „mitgekommen“ wäre; wenn er auf dem Stahlrohrsessel in Joyce’ Appartement Platz genommen und das Doppelbett mit dem frischen Handtuch drauf gemustert hätte und die bunten Sexspielzeuge, „von zart bis hart“, hätte er wohl rasch festgestellt, dass seine „Geiz ist geil“-Denke jetzt keinen Cent mehr wert gewesen wäre. 30 Euro bedeuten lediglich den Eintrittspreis, der ihn dazu berechtigt, sich nun die Preisliste der sexuellen Dienstleistungen anzuhören.

Zwei Drittel der Liebeszimmer sind heute leer

Dieses reizvolle Spielchen nennt man Kobern, und deshalb gibt es auch einen Geldautomaten im Pink Palace, der alle gängigen Karten dieser Welt annimmt. Aber der Automat hat in dieser Nacht bisher kaum Scheine ausspucken müssen. Und die Frage sei erlaubt: Ja, was bist du eigentlich für einer, der du dich um 1 Uhr nachts an einem normalen Wochentag durch ein Bordell schleichst, mit gesenktem Kopf, vier Etagen rauf und wieder runter durch ein verwinkeltes Treppenhaus und schmale, halbdunkle Gänge, in denen Barhocker stehen, auf denen im Idealfall Frauen sitzen und dich ansprechen. Was suchst du hier? Die schnelle Nummer? Oder etwa Liebe, ein bisschen Wärme, eine halbe Stunde lang für 80 Euro, natürlich nur mit Gummi? Musst du unbedingt dein Herz ausschütten? Oder stehst du auf Schmerzen? „Ach Gottchen“, sagt Joyce, „dafür gibt’s doch so viel Gründe, wie es Männer gibt.“

Dort, wo kein Barhocker steht, wird auch nicht gearbeitet. Also sind heute Nacht etwa zwei Drittel der Liebeszimmer verwaist, sodass Joyce sich auf ihrem angestammten Flur in der dritten Etage nicht einmal unterhalten könnte. Die nächste Kollegin, die sich Ruby nennt und aus Kolumbien stammt, sitzt sechs Appartements weiter und betrachtet mit bemerkenswerter Ausdauer ihre French­nails. „Im Moment ist viel Fluktuation hier“, sagt Joyce, „aber heute ist es vor allem bloß ein Elend.“ Nicht zu vergleichen mit den Veranstaltungs­wochenenden neulich, Harley Days, Triathlon, Schlagermove, wenn Touristenhorden einfallen, die jedoch wiederum diejenigen Freier häufig abschrecken können, die nicht nur aus reiner männ­licher Neugier ihren Weg von der Straße hinein ins Lustzentrum finden.

Mit manchen Kunden chattet Joyce

Wenn aber jetzt nicht noch ein Wunder passiere, so Joyce, hätte sie wieder Minus gemacht und die Miete bloß für das Lösen von Sudoku-Rätseln und viel zu viel Cola Zero bezahlt. Manchmal verschicke sie­ Whats­App-Nachrichten an besondere Stammkunden, wenn sie von denen eine Mobilfunknummer erhalten habe. „Hi Du, wie geht es Dir? Ich würde mich freuen, wenn Du mich mal wieder besuchen würdest! Deine Joyce.“ Mit manchen chattet sie sogar ab und an. „Zwanzig vor zwei“, stellt Joyce fest, „und ich hab nach acht Stunden echt noch nicht einmal die Miete drin!“ Dabei gehe es ihr nicht schlecht: Sie besitze eine Eigentumswohnung im nördlichen Speck­gürtel von Hamburg, fahre ein schickes kleines Cabrio und mache zweimal Urlaub pro Jahr. Karibik. „Meine Nachbarn in der Wohnanlage denken, dass ich als Maklerin arbeite, nur meine Mutter weiß Bescheid, und die hat sich daran gewöhnt“, sagt sie und unterdrückt ein Gähnen. Acht Jahre, sagt sie, sei sie auf der Straße gewesen.

Ihre horizontale Karriere begann früh, mit 19. Joyce war jung und brauchte viel Geld. Sie lernte Bürokauffrau, war auf der Fremdsprachenschule, übte beide Berufe parallel aus, aber nicht lange. „Wenn du mit einem Kunden in drei Stunden ein halbes Monatsgehalt brutto gleich netto verdienst und die ganze Sache dann auch noch Spaß macht ...“ Was immer am Freier liegen würde. Sie könne es sich zum Glück noch leisten, nicht jeden an sich ranlassen zu müssen.

In Privatwohnungen ist die Arbeit gefährlicher

Die Großbordelle in Hammerbrook und Harburg, die Saunaclubs, vor allem aber die vielen Privatwohnungen, in denen vornehmlich die Frauen aus dem Osten mit Touristenvisum anschafften, seien sicherlich lukrativer, sagt Joyce. Aber dort sei es auch stressiger, und in den Privatwohnungen außerdem gefährlicher. Zudem arbeite die Mehrheit ihrer Kolleginnen hier im Pink Palace längst auf eigene Rechnung: „Ich soll ackern, und mein Alter kauft sich ein Auto? Ich bin doch nicht blöd.“

Um kurz vor 2 Uhr taucht am Ende des Flurs eine Schattengestalt auf, die sich von Ruby nicht aufhalten lässt, sondern zielstrebig auf Joyce zugeht, die ihr Sudoku-Heftchen sofort zur Seite legt und den Fremden, der für sie offenbar kein Fremder ist, mit einem strahlenden Lächeln beschenkt. „Mein Peter!“, sagt sie, „ich hab schon befürchtet, du hättest mich für immer vergessen!“ Peter, der alles andere als unsicher wirkt, der einen gut geschnittenen Anzug und blank polierte Schuhe trägt, sagt: „Na, Süße? Alles gut?“

Joyce wirft Peter ein Luftküsschen zu, gleitet vom Barhocker herunter, nimmt ihn an die Hand, und dann schließt sich hinter beiden die Tür des Appartements. Ruby, am anderen Ende des Flurs, betrachtet da schon längst wieder ihre überlangen Fingernägel.

2500 Prostituierte

Nach Auskunft des Landeskriminalamts Hamburg arbeiteten im Jahre 2014 – das ist die aktuelle Zahl – in Hamburg rund 2500 Prostituierte, von denen 27 ein Gewerbe angemeldet haben und 195 bei der Steuerverwaltung erfasst sind. Die Zahl der männ­lichen Sexarbeiter wird auf unter 100 geschätzt. Der Polizei sind rund 200 Adressen mit rund 250 Wohnungen bekannt, in denen etwa 650 Menschen arbeiten, hinzu kommen 22 Clubs (darunter vier sogenannte Edelbordelle und drei SM-Clubs), vier „Laufhäuser“ auf St. Pauli, sechs Stundenhotels in St. Georg sowie 45 „Steigen“, die vor allem auf St. Pauli sowie an der Süderstraße beheimatet sind.

Etwa 400 Prostituierte schaffen auf der Straße an, darüber hinaus gibt es eine größere Anzahl von Tabledance-Bars, Sexshops und Sexkinos, in denen das Gewerbe ebenfalls praktiziert wird. Im Jahre 2012 wurden in Hamburg 24 Ermittlungsverfahren im Bereich des Menschenhandels zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung abgeschlossen. Das Alter der Opfer bewegte sich dabei zwischen 18 und 21 Jahren, die meisten Opfer stammten aus Deutschland, Bulgarien, Rumänien, Polen und der Slowakei.

Die nächsten Serienteile

Teil 3: Am Taxistand

Teil 4: In der Notaufnahme

Teil 5: Der Hafenlotse