Serie: Die 100-Jährigen

Herrenausstatter Willhoeft: Hut ab vor der Chefin

Heinz Dieter Willhoeft, 75, hat die Geschäftsführung schon vor zehn Jahren an seine Tochter Martina, 44, übergeben, kommt aber noch immer regelmäßig ins Geschäft

Heinz Dieter Willhoeft, 75, hat die Geschäftsführung schon vor zehn Jahren an seine Tochter Martina, 44, übergeben, kommt aber noch immer regelmäßig ins Geschäft

Foto: Roland Magunia / HA

Folge 7: Zum ersten Malin 178 Jahren steht beim Herrenausstatter Willhoeft in Bergedorf eine Frau an der Spitze des Unternehmens.

Hamburg.  Dreimal. Dreimal in 178 Jahren. 178 Jahre, in denen das Geschäft immer vom Vater an den Sohn übergeben wurde. Erst innerhalb der Familie Branführ, dann bei den Will­hoefts. Bis mit dieser Tradition gebrochen wurde und das Familienunternehmen erstmals vom Vater an die Tochter weitergegeben wurde. An Martina Willhoeft, 44.

Hut ab! Eine Frau als Chefin eines Herrenausstatters? Martina Willhoeft mag es, damit die Menschen zu überraschen. Sie möchte ein modernes Image aufbauen und sich von dem Vorurteil des verstaubten Herrenausstatters lossagen. Ein Spagat zwischen neuen und alten Kunden. Zwischen Moderne und Tradition. Zwischen heute und gestern. Zwischen dem 21. Jahrhundert und dem 19. Jahrhundert. 1837 hat der Hutmacher Daniel Branführ mit der Gründung seines Hutfachgeschäfts in Bergedorf den Grundstein für das heutige Unternehmen gelegt.

Es ist das Jahr, in dem Adam Opel geboren wird und der Amerikaner Thomas Davenport das weltweit erste Patent auf einen Elektromotor erhält. In dem Hoffmann von Fallersleben sein Gedicht „Alle Vögel sind schon da“ veröffentlicht und der Juwelier Charles Tiffany sein Schmuckunternehmen gründet. Es ist die Zeit, die später als Vormärz in die deutsche Geschichte eingehen wird. Die Zeit der industriellen Revolution.

Wenn es um die Geschichte des Unternehmens geht, erzählt meistens Heinz Dieter Willhoeft. Obwohl er die Geschäftsführung bereits vor zehn Jahren an seine Tochter Martina übergeben hat, kommt er jeden Vormittag in den Laden, um zu arbeiten. Auch mit 75 Jahren. Oder gerade dann. „Schließlich sind wir ein Familienbetrieb“, sagt er und klingt stolz. Stolz, weil das Unternehmen schon in vierter Generation von den Willhoefts geführt wird – nachdem der Vorbesitzer Branführ keinen Nachfolger für sein Hutfach­geschäft gefunden hatte und dieses schließlich an den Hutmachermeister Hinrich Willhoeft übergab, den Großvater von Heinz Dieter Willhoeft. Einen Großvater, den er nie richtig kennenlernen konnte, weil er kurz nach seiner Geburt gestorben ist.

Heinz Dieter Willhoeft hat das alles aufgeschrieben, anlässlich des 175. Jubiläums vor drei Jahren sogar extra ein Buch drucken lassen. Mit historischen Fotos, alten Zeitungsanzeigen, Kaufverträgen, Kassenzetteln. Es ist mehr als ein Buch, mehr als eine Chronik. Es ist eine Schatzkiste mit Erinnerungen. Erinnerungen, wie Hinrich Willhoeft das gegenüber liegende Haus kaufte und das Geschäft Anfang der 1930er-Jahre auf die andere Straßenseite verlegte. Wie Sohn Heinz in das Unternehmen einstieg und der Seniorchef verstarb. Wie Heinz bald nach Kriegsbeginn eingezogen wurde und die Frauen der Familie das Unternehmen führten.

Wie der Hutverkauf immer mehr zurückging und man schließlich sogenannte Herrenartikel mit ins Sortiment aufnahm. Hemden, Krawatten, Wäsche. 1958 wird die Bezeichnung „Herrenausstatter“ mit in den Firmennamen aufgenommen. Es ist das Jahr, in dem Heinz Dieter Willhoeft eine Lehre im väterlichen Laden beginnt. „Ich bin da so reingewachsen“, sagt er und erzählt von Botengängen, die er schon als kleiner Junge gemacht habe. Ob er mal von einem anderen Job geträumt habe? Schulterzucken! Diese Frage hat er sich nie gestellt. Es sei selbstverständlich gewesen, dass er ins Familienunternehmen einsteige. Wie der Vater, so der Sohn.

Heinz Dieter Willhoeft macht eine Pause, jetzt solle doch endlich mal seine Tochter Martina erzählen. Martina, die als Kind über dem Laden gewohnt und im Geschäft mit leeren Pappkartons gespielt hat. Die als Jugendliche im Unternehmen gejobbt hat. Und die danach trotzdem einen ganz anderen Weg eingeschlagen hat. Speditionskauffrau wurde und BWL studierte. Bis sich herauskristallisierte, dass ihr Bruder nicht ins Unternehmen einsteigt. Dass die Firma nicht vom Vater an den Sohn übergeben wird. Und dass sie selbst stattdessen gerne die Nachfolge antreten möchte.

Doch Martina Willhoeft will das Familienunternehmen nicht nur weiterführen. Sondern weiterentwickeln. Und dazu am liebsten ganz Bergedorf. Aus diesem Grund engagiert sie sich unter anderem im WSB, dem Wirtschaft und Stadtmarketing für die Region Bergedorf. Denn am Sachsentor lief es nicht immer gut. Nachdem anfang des Jahrtausends zwei Kaufhäuser dichtmachten und die Fläche des City Centers Bergedorf mehr als verdoppelt wurde, litt der Einzelhandel. „Eine Krise“ sei das gewesen, sagt Martina Willhoeft und erzählt, wie die Händler vor Ort in Eigeninitiative den Aufschwung erreicht hätten.

Eigeninitiative. Eigenverantwortung. Engagement. Begriffe wie diese verwendet Martina Willhoeft oft. Weil sie weiß, dass ein Geschäft nicht von alleine läuft, dass man viel dafür tun muss. Dass man mit der Zeit gehen, gleichzeitig aber die Tradition wahren muss. „175 Jahre Tradition“ war das Motto bei ihrem Jubiläum vor drei Jahren. Die Willhoefts glauben daran. Sie setzen auf persönlichen Kundenkontakt, Beratungen, Stammkunden. Und das Internet? „Hat nicht funktioniert“, sagt Martina Willhoeft und meint den Onlineshop, mit dem sie sich vor ein paar Jahren versucht haben. Ihr Fazit: „Die Kunden müssen uns online finden. Aber nicht online bei uns kaufen.“

200. Diese Zahl hat sich Martina Willhoeft als Ziel gesteckt. 200 Jahre, die das Unternehmen bestehen soll. Mindestens. Dann wäre sie im Rentenalter, könnte das Unternehmen weitergeben. An die nächste Generation. An die Kinder ihres Bruders, zwei Mädchen. Von der Tante an die Nichte. Das wäre dann das erste Mal in der Firmengeschichte.