Teil 2: Der große Psycho-Ratgeber

Wenn die Seele leidet: Depression & Manie

Wenn die Seele leidet, Teil 2: Mal himmelhoch jauchzend, mal zu Tode betrübt - die Stimmung von manisch-depressiven Menschen kann extrem schwanken. Medikamente und Therapien helfen

Als könnte sie Bäume ausreißen, so fühlt sich Christiane Römer* in den Hochphasen. Euphorisch fängt die 35-Jährige dann mit einer Aufgabe an und ist in Gedanken schon bei drei weiteren Dingen. Sie bringt nichts zu Ende, sie schläft kaum noch, weil sich das Karussell im Kopf auch nachts rasant weiterdreht. Tagelang kann das so gehen, bis sie plötzlich abstürzt, innerhalb von Minuten. Dann schwindet ihre Kraft - und graue Leere macht sich breit.

Schon als Kind erlebte Christiane Römer solche Phasen, wenn auch in milder Form, doch erst 2011 erhielt sie eine klare Diagnose: Sie ist manisch-depressiv. Mal himmelhoch jauchzend, mal zu Tode betrübt. Experten sprechen auch von einer bipolaren Störung. Diese ist zu unterscheiden von der unipolaren Depression, welche die Betroffenen immer wieder in dunkle Tiefen schleudert - aber nicht in die Höhen.

Nun fühlt sich jeder Mensch einmal traurig und niedergedrückt, und jeder ist auch mal euphorisch. Wo beginnt die Depression, wo fängt die Manie an? Ob man von einer depressiven Erkrankung sprechen könne, hänge von der Dauer der Symptome ab und davon, wie sehr sie das Leben des Betroffenen negativ beeinflussten, sagt Dr. Hans-Peter Unger, Chefarzt des Zentrums für seelische Gesundheit der Asklepios Klinik Harburg. "Wenn sich jemand mindestens vier Wochen lang jeden Tag niedergedrückt fühlt und zugleich keinen Antrieb mehr verspürt und kein Interesse mehr am Leben hat, wird es problematisch", sagt Unger. "Dann verändert sich alles: Die Stimmung reagiert nicht mehr auf das, was passiert. Dinge, die wichtig waren, verlieren an Wert."

Um eine manisch-depressive Erkrankung handele es sich, wenn der Betroffene nur noch übersteigert handle, erläutert Unger. "Ein manisch-depressiver Lehrer tanzt in seiner Hochphase auf dem Tisch und sagt zu seinen Schülern: Wir machen den Unterricht mal anders. In der depressiven Phase kann er sich dann zu nichts mehr aufraffen."

Unipolare Depressionen und manisch-depressive Erkrankungen könnten viele Ursachen haben, sagt Unger. Als Auslöser kommen etwa schwere Schicksalsschläge infrage, wie der Tod eines Angehörigen. Auch der Verlust des Arbeitsplatzes kann über Niedergeschlagenheit in eine Depression führen. Insbesondere bei bipolaren Störungen kann eine genetische Veranlagung zur Entstehung der Krankheit beitragen, das heißt, manche Menschen neigen wohl eher zu überschießenden Stimmungswechseln als andere. Zur Erhärtung eines Verdachts fragt deshalb der Psychiater den Patienten in der Regel, ob Angehörige von Depressionen oder Manien betroffen sind. Das bedeute nicht, dass nur bestimmte Menschen gefährdet seien, sagt Unger: "Prinzipiell kann jeder depressiv werden." Auch Erkrankungen des Gehirns, Hormonstörungen und Fehlfunktionen der Schilddrüse können Depressionen und Manien auslösen oder begünstigen. Um zu einer Diagnose zu kommen, werde deshalb immer auch eine körperliche Untersuchung durchgeführt, sagt Unger.

Zwar nutzen Psychotherapeuten und Psychiater etablierte Tests, um Depressionen und Manien zu diagnostizieren und den Schweregrad der Erkrankung zu messen. Es gibt aber keinen Labortest, bei dem etwa bestimmte Parameter im Blut gemessen würden, um die Diagnose dingfest zu machen. Immer geht es um die Auskunft des Patienten und den Eindruck des Experten. Depressive Erkrankungen treten in sehr unterschiedlichen Konstellationen auf: Das reicht von der Wochenbettdepression, die bei Müttern in den ersten zwei Jahren nach der Geburt ihres Kindes auftreten kann, über Depressionen nach einem Schock bis zu Depressionen durch Stress.

Die Behandlung richtet sich nach der Form und dem Schweregrad der Erkrankung. Viele schwer erkrankte Patienten erhalten Medikamente - wegen der zu behandelnden körperlichen Ursachen oder um Probleme wie Niedergeschlagenheit, Unruhe und Schlafstörungen in den Griff zu bekommen. Denn solange der Patient davon beeinträchtigt wird, ist eine Psychotherapie kaum möglich. Diese ist dann meist der zweite Bestandteil einer Behandlung.

Einige Betroffene scheuten sich, professionelle Hilfe zu suchen, weil sie sich schämten, sagt Unger. "Depressionen sind in Teilen unserer Gesellschaft immer noch ein Tabu." Doch wer bei sich Anzeichen einer depressiven Erkrankung erkenne, sollte handeln, rät Unger: "Je länger depressive oder manisch-depressive Menschen die Welt verzerrt sehen, desto schwerer wird es, diese Wahrnehmung umzukehren."

Viele Hausärzte seien geschult darin, depressive Erkrankungen zu erkennen, deshalb sollten sich Betroffene zuerst dorthin wenden. Der Hausarzt kann einen Therapeuten vermitteln und in schweren Fällen eine stationäre Therapie veranlassen. Eine Besserung kann sich nach wenigen Monaten einstellen. Depressionen und manische Phasen können sich aber auch über Jahre mit normalen Phasen abwechseln.

So wie bei Christiane Römer. Sie sei einfach sehr sensibel, bekam sie als junges Mädchen zu hören, eine Therapie sei nicht nötig. Sie machte Abitur und eine Ausbildung, studierte, begann zu arbeiten. Nach außen hin verlief ihr Leben normal. Nur ihr Mann, den sie vor elf Jahren kennenlernte, und ihre Eltern wussten, dass sie mit 23 zum ersten Mal in einer Hamburger Klinik behandelt worden war, danach zwei Jahre lang eine ambulante Therapie machte und Ende 2011 erneut stationär behandelt werden musste, dieses Mal in einer Klinik in Oberstdorf. Ein Oberarzt dort diagnostizierte ihre bipolare Erkrankung. "Endlich erfuhr ich, was mit mir los ist. Das war eine große Erleichterung", erzählt Römer.

Inzwischen geht sie einmal pro Woche in Hamburg zur Psychotherapie. Sie hat gelernt, zu entschleunigen, ohne ihr Selbstwertgefühl zu verlieren, gegen ihr Denken anzugehen, dass sie weniger wert ist, wenn sie weniger leistet. "Gerade in den Hochphasen ist es wichtig, sich innerlich zu bremsen", sagt Römer. Nach monatelangen Problemen mit Medikamenten sei sie endlich richtig "eingestellt". Viel Unterstützung erfährt sie in der Selbsthilfegruppe, die sie einmal pro Woche besucht.

Wie sie in die Zukunft blickt? "Optimistisch", sagt sie leise. Und erzählt dann, dass sie und ihr Mann sich ein Kind wünschen. Im nächsten Jahr soll es so weit sein.

* Name von der Redaktion geändert