Test: Tempo 30 - kaum einer hält sich daran

Jeder Zweite viel zu schnell in Tempo-30-Zonen

Das Abendblatt hat an zehn Straßen mehr als 800 Autos gemessen. Das Ergebnis: Nur 20 Prozent der Fahrer halten sich konsequent an die Regel.

Hamburg. Die Schilder sind in den seltensten Fällen zu übersehen - manchmal dienen Poller, Schwellen oder Grüninseln als Gedankenstütze für Autofahrer: Tempo-30-Zonen gehören inzwischen zum Stadtbild wie die Autobahn. Doch: Für einen Großteil der Autofahrer haben die Schilder, die auf Wohngebiete hinweisen, auf verkehrsberuhigte Zonen und das Verbot, schneller als 30 Kilometer pro Stunde zu fahren, offenbar nur rein symbolischen Wert. Das Abendblatt hat nachgemessen: Von 844 in zehn verschiedenen Tempo-30-Zonen per Radarpistole gemessenen Fahrern waren 666 zu schnell. 419 Verkehrsteilnehmer steuerten ihr Gefährt mit einer so hohen Geschwindigkeit, dass im Falle einer polizeilichen Kontrolle wohl Knöllchen fällig gewesen wären.

Anwohner zeigten sich von der Abendblatt-Messaktion erwartungsgemäß weitaus begeisterter als die ertappten Autofahrer. Viele bemängelten, dass die Polizei sich - zum Teil trotz vielfacher Bürgerbitten - noch nicht zu Kontrollen habe blickenlassen.

Ergebnisse der Messung an den einzelnen Straßen:

Haakestraße (Harburg)

Horner Weg (Hamm-Nord)

Mühlenweg (Nienstedten/Blankenese)

Niendorfer Kirchenweg (Niendorf)

Reeseberg (Wilstorf)

Von-Essen-Straße (Eilbek)

Wegenkamp (Stellingen)

Bernadottestraße (Othmarschen)

Bismarckstraße (Hoheluft-West)

Goldbekufer (Winterhude)

Eine Anwohnerin (60) des Wegenkamps (Stellingen), einer Straße, die zwischen zwei Schulen liegt: "Die Leute rasen hier von morgens bis in die Nacht. Vor allem die Mütter morgens, weil sie es sonst nicht rechtzeitig zum Unterrichtsbeginn schaffen. Wir wohnen seit 20 Jahren hier. Aber ich habe noch nie mitbekommen, dass einmal geblitzt wurde." Auch Arend Brügge aus dem Mühlenberg in Blankenese ärgert sich über zu schnelle Fahrer vor seinem Haus: "Wenn die Ampel grün ist, geben viele hier noch mal richtig Gas. Viele Schulkinder gehen dort über die Kreuzung. Das ist ein echtes Problem."

Mit gewissem Sarkasmus begegnet ein Anwohner des Goldbekufers (Winterhude) der Problematik: "Hier kann man eigentlich gar nicht so schnell fahren, weil ständig Leute Parkplätze suchen. Insofern ist die Parkplatznot wirklich positiv." Auf ihr Fehlverhalten angesprochene Autofahrer zeigten sich meist wenig schuldbewusst. Ein Opel-Corsa-Fahrer (33) am Reeseberg (Wilstorf): "Ich war auch nicht schneller, als alle anderen. Wo soll das Problem sein?"

Der schnellste gemessene Fahrer war ebenfalls am Reeseberg in Wilstorf unterwegs: Der junge Mann steuerte seinen weißen Nissan-X-Trail-Geländewagen mit 60 Kilometern pro Stunde an der katholischen Schule vorbei den Berg hinauf. An der Bismarckstraße (Hoheluft-West) war der Schnellste mit 47 Kilometern pro Stunde unterwegs - in einem weißen Ford-Lieferwagen. Den unrühmlichen Geschwindigkeitsrekord am Wegenkamp (Stellingen) schaffte ein Motorrollerfahrer mit 52 km/h. Immerhin winkte er dem Abendblatt-Messteam fröhlich zu.

Matthias Schmitting vom ADAC ist von den Ergebnissen der Messung (durchgeführt mit einem Radarmessgerät, das laut Hersteller eine Toleranz von +/- einem Stundenkilometer beinhaltet) wenig überrascht: "Die Ergebnisse decken sich mit unseren Erfahrungen", sagt der ADAC-Mann. "Und es zeigt, dass die Ankündigung der Stadtentwicklungssenatorin, 250 weitere Tempo-30-Zonen einrichten zu wollen, weitgehend heiße Luft ist." Denn, so Schmitting: "Echte Verkehrsberuhigung lässt sich nicht mit dem Aufstellen einiger Schilder herstellen. Dafür sind teure bauliche Veränderungen notwendig - und Kontrollen der Polizei." Die hat jedoch kaum genug Personal, um derartige Kontrollen abseits echter Gefahrenpunkte wie Schulen oder Kindergärten zu gewährleisten. Dort hat die Hamburger Polizei ihre Präsenz zuletzt stark erhöht und zahlreiche Schwerpunktkontrollen durchgeführt. Erklärtes Ziel: den Schutz der schwächsten Verkehrsteilnehmer zu gewährleisten: der Kinder.

Davon, dass sich trotzdem auch Kontrollen in Wohngebieten lohnen würden, ist zumindest Schmitting überzeugt: "Wer mit einer Geschwindigkeit von 30 km/h unterwegs ist, hat, falls ein Kind auf die Straße läuft, den deutlich kürzeren Bremsweg als derjenige, der mit 50 Kilometer pro Stunde unterwegs ist. Dort, wo der Tempo-30-Fahrende schon steht, hat der Schnellere noch 29 km/h auf dem Tacho." Um rund 15 Meter verlängert sich der Bremsweg, wenn Autofahrer statt mit 30 mit 50 Kilometern pro Stunde unterwegs sind.