Verkehrspolitik

Was Hamburg von Kopenhagen lernen kann

Dänische Hauptstadt gilt als Modell für eine neue Verkehrspolitik. Dort gilt sogar eine grüne Welle für Räder. Neue Idee heißt Superradwege.

Kopenhagen. Die Radler-Lobby hat in Kopenhagen eine gute Adresse. Dänische Fahrradbotschaft, "Cycling Embassy of Danmark" steht auf dem Schild an einem Altbau an der Rømersgade 5, einer zentralen Straße der Stadt. Der Radfahrverband und offizielle Stellen haben sich dort örtlich und inhaltlich zusammengetan, um die Botschaft der dänischen Metropole zu verbreiten: "Kopenhagen ist die weltbeste Radfahrerstadt".

An dieser Adresse müsste man also wissen, wo der neue "Super-Radweg" startet. "Ja, der ist ganz neu und noch gar nicht auf den Karten verzeichnet", sagt die freundliche Dame am Infotresen. "Hier, da startet er", sagt sie und macht einen dicken Kringel an jener Stelle, an der der Bahnhof Vesterport eingezeichnet ist.

"Cykelsuperstier", Superradwege - das ist die neue Idee, mit der Kopenhagen weiter Vorreiter in der Radverkehrspolitik sein will. Schon jetzt macht das Rad fast 40 Prozent des Stadtverkehrs aus. Zum Vergleich: In Hamburg sind es zwölf Prozent. Mit einem 300 Kilometer langen Netz aus 26 geplanten Rad-Autobahnen sollen nun, in Kooperation mit den Umlandgemeinden, auch die Kopenhagen-Pendler aufs Rad geholt werden, um Staus zu vermeiden. Die erste dieser langen Routen ist nun in Betrieb. Wie fährt es sich auf einem solchen Fahrrad-Highway, könnte er Vorbild für die Metropolregion Hamburg sein, und wie unterscheidet sich das Radeln an der Elbe vom Radeln an der Ostsee?

Einen ersten Eindruck bietet schon der Weg vom Fahrradverleih zum Superradweg. Die Strecke führt vom Multikultiviertel Nørrebro, einer Art St. Georg Kopenhagens, direkt ins Zentrum. Täglich rollen rund 36 000 Radler hier über die Kreuzungen an der Nørrebrogade, es sollen die am stärksten befahrenen Radwege Europas sein. Jetzt, im morgendlichen Berufsverkehr, ist es vor allem das feine Surren der vielen Velos, das auffällt, weniger die Motorgeräusche der recht wenigen Autos.

Breite, blaue Spuren markieren, wo Radler auf der Kreuzung fahren. Selbst bei Nieselregen sind es die Fahrradfahrer, die das Bild prägen. Einige fahren mit Helm, andere ohne. Radler im Anzug, Radler in Jeans, junge Frauen mit zum Mantel passendem Helm, Mütter mit Lastenrädern, in denen kleine Kinder sitzen, Rennräder, Trekkingräder, alte Räder, neue Räder - ein buntes Stadtvolk, das dort in sehr geordneten Bahnen rollt; rechts langsam, links zügig. Die Radwege lassen es zu: Sie sind etwa 2,50 Meter breit - je Fahrtrichtung wohlgemerkt. Durch Bordsteine klar getrennt von Gehweg und Autostraße.

Eine vergleichbare Strecke in Hamburg würde von der Schanze in die City führen. Auf der Kaiser-Wilhelm-Straße beispielsweise findet der Radler aber nur einen schmalen roten Streifen auf dem Bürgersteig vor, der sich Radweg nennt. Ganz anders in der dänischen Hauptstadt: Auf einigen Strecken hat die Stadtverwaltung für Radler sogar eine grüne Welle geschaltet bei Tempo 20. Kleine digitale Anzeigen zeigen an, wie schnell man rollt. Und wer zwischendurch das Papier vom eingepackten Butterbrot wegwerfen will, findet am Rand schräg gestellte Abfallkörbe, die so ausgerichtet sind, dass ein Radler während der Fahrt treffen kann.

An der S-Bahn-Station Nørreport fühlt sich dieser nieselregennasse Morgen an, als führe man gerade den Zieleinlauf der Tour de France. Ein Radler nach dem anderen rollt heran, steigt ab, packt sein Gefährt in die doppelstöckigen Fahrradgaragen. Männer in orangefarbenen Arbeitsjacken schnappen sich einige der abgestellten Räder: "Nein, wir schleppen hier nicht ab", sagt ihr Chef. Jeden Morgen räumt seine Truppe an den großen Stationen auf, stellt die Räder der eiligen Pendler in Reih und Glied, damit mehr Platz bleibt.

Auch Jan Lio Petersen rollt heran. Ein Banker, mit akkurat frisiertem grauen Haar, Anzug, modischer Lederjacke und Sportrad. Regentropfen perlen auf seine schwarzen Schuhe, doch er lächelt freundlich: Jeden Tag fahre er wie so viele seiner Landsleute mit dem Rad zum Job. Bei Wind und Wetter, sagt er. Weil es gesund ist, weil es der Umwelt dient? "Nö", sagt er "Das ist einfacher und schneller als alles andere." Eine Einschätzung, die viele Radfahrer in Kopenhagen teilen, wie eine Umfrage der Stadt kürzlich zeigte. Gesundheit durch Bewegung, weniger Staub, Lärm und Dreck durch weniger Autos - das sind für Kopenhagens Radfahrer angenehme Nebeneffekte. Wichtiger noch ist für sie aber die praktische Nutzung des Rads als unkompliziertes, preiswertes Alltagsgefährt.

Die Stadt Kopenhagen versteht ihre ausgeprägte Radverkehrspolitik auch als wichtigen Baustein für das Ziel, eine der "lebenswertesten Städte der Welt" zu sein, wie es in offiziellen Broschüren heißt. Und das bringt anscheinend nicht nur gefühlte, sondern auch ganz handfeste Vorteile: In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Radfahrerunfälle halbiert, obwohl die Zahl der Radfahrer stark gestiegen ist. Doch andere Verkehrsteilnehmer, vor allem Autofahrer, haben ein neues Bewusstsein für Radfahrer entwickelt. Nach einer Nutzen-Kosten-Analyse des dänischen Verkehrsministeriums sparen die Investitionen in die Superradwege langfristig bis zu 40 Millionen Euro an Gesundheitskosten. Denn: Wer radelt und sich bewegt, leidet nicht so leicht an Herz-Kreislauf-Beschwerden.

Für die Radfahrer wird den Autos Platz genommen. Nur Streifen auf die Fahrbahn zu pinseln und die Autos weiter mit Tempo 50 durch die Stadt fahren zu lassen bringe nichts, heißt es bei der Stadtverwaltung in Kopenhagen.

Mit grüner Welle geht es auf unserer Erkundungstour weiter. Nahe vom Bahnhof Vesterport ist er dann: der erste Superradweg, die C 99 nach Albertslund. Ein schmaler, rötlicher Streifen auf dem Radweg markiert, wo es langgeht: Schon beim ersten Abzweigen muss man aufpassen, weil die Wege für Radler überall so ungewohnt komfortabel angelegt sind. Dann geht es durch einen Park zur Gemeinde Frederiksberg. In kleinen Bögen verläuft der breite Weg, der meist abseits der Straße liegt. An den Ampeln dann eine weitere Nettigkeit: Kleine Geländer mit eigner Fußstütze machen das Warten und schnelle Anfahren leicht. Absteigen muss in Kopenhagen niemand. Das Rad rollt durch Vororte, kleine Digitalkästchen zeigen die Minuten an, die noch vergehen, bis eine Ampel umschaltet. Ideal, um sein Fahrtempo möglichst auf eine grüne Welle einzurichten.

Alle 1,6 Kilometer sind fest montierte Luftpumpen installiert - falls man mal eine Panne hat. Der Weg führt weiter, an Wohnblocks aus den 1970er-Jahren vorbei, entlang an Backsteinsiedlungen und Reihenhäusern. So viel anders als in Niendorf, Norderstedt oder Allermöhe sieht es hier in Kopenhagen auch nicht aus.

An großen Straßen rollt man durch Unterführungen. Seen, Wiesen und ein Golfplatz säumen den Weg. Etwa 18 Kilometer ist der Superradweg lang. Das Fazit des Abendblatt-Reporters: 45 Minuten zügige Fahrt mit wenigen Stopps - dann ist er geschafft. 45 Minuten Bewegung an der frischen Luft, die das Fitnessstudio und lange Warteschlangen vor S-Bahnen und Bussen erspart. Ob das auch eine Option für Hamburg ist?, das ist jetzt die Frage.

Ja, sagt der Verkehrswissenschaftler Philipp Rode von der renommierten London School of Economics. Rode war kürzlich Gast in der Hamburger Stadtentwicklungsbehörde, um über Verkehrsfragen zu diskutieren. Jetzt sah er sich in Kopenhagen um: Topografie, Wetter, Metropolfunktion - vieles sei sehr ähnlich für einen vergleichbaren Ausbau, sagt er. Doch das erfordere wohl Umdenken und Maßnahmen, die in Hamburg noch undenkbar erscheinen. Wie im Winter, wenn die Pendlerströme im Schneematsch stocken. Auch in Kopenhagen sind dann Räumfahrzeuge im Einsatz. Die Radwege machen sie übrigens dort zuerst frei.