Hamburg braucht eine ernsthafte Fahrrad-Politik - und nicht nur Ankündigungen

Kaum eine Szene hätte besser beschreiben können, warum das Fahrrad als alltägliches Verkehrsmittel in Hamburg kaum ernst genommen wird. Der Abendblatt-Fotograf sollte für eine Radweg-Reportage einmal eines der wenigen positiven Beispiele dokumentieren: die neuen Radfahrstreifen samt eigener Abbiegespur vom Baumwall zur HafenCity. Just in dem Augenblick, als er auf den Auslöser klicken wollte, stellte eine Handwerkertruppe dort ihren Kastenwagen ab, mitten auf beiden Streifen. Darauf angesprochen, reagierte der Fahrer höchst erstaunt: Wieso denn nicht dort, er könne doch nicht den Verkehr behindern!

Diese Logik herrscht ganz offensichtlich auch noch in weiten Teilen von Politik und Verwaltung vor. Der Verkehr, das sind vor allem Autos, Lkw und Busse, nicht die Fahrräder. Nur was einen Motor hat, darf zügig rollen. Fahrradfahren ist in diesem Denken etwas, das man nur in der Freizeit tut. Ein Hobby, das den wichtigen Dingen wie Busbeschleunigungsprogramm nicht den Vorrang nehmen kann. Radfahrpolitik beschränkt sich dabei auf ein Verleihsystem mit klobigen Rädern, die als tolles Zukunftsmodell gefeiert werden.

Alles andere ist nichts als ein lustloses Dahinplätschern von Ankündigungen. Das schon vor Jahren angestrebte Konzept mit 14 Velorouten ist nirgendwo richtig fertig, wie der Senat jüngst einräumen musste. Zwar gibt es vereinzelt neue Radfahrstreifen. Aber die haben gerade einmal eine Länge von etwas mehr als 30 Kilometern. Das Radwegenetz mit großenteils kaputten oder zu engen Radbahnen ist aber 1700 Kilometer lang. Still verabschiedet hat der SPD-Senat sich auch von dem Ziel, den Radverkehrsanteil bis 2015 von zwölf auf 18 Prozent zu erhöhen, wie es noch von der Vorgängerregierung angestrebt worden war. Die Zeitvorgabe gilt nicht mehr. In Kopenhagen, Hamburgs Nachfolgerin als europäische Umwelthauptstadt, liegt der Anteil bei 40 Prozent.

Warum Hamburg das nicht schafft, ist aus Radfahrersicht, um es vorsichtig auszudrücken, unverständlich. Millionen gibt die Stadt für technisch aufwendige U-Bahn-Tunnel unter der Alster aus. Für eine Distanz, für die man mit dem Rad nur wenige Minuten braucht. Das durchschnittliche Tempo des Stadtverkehrs liegt bei kaum 25 Kilometern pro Stunde, nahezu 50 Prozent der Fahrten überwinden eine Strecke von weniger als fünf Kilometern. Autoverkehr in Hamburg ist in Wahrheit nur Kriechverkehr - auch wenn zwischen den Rotphasen ordentlich aufs Gaspedal getreten wird.

Die Lösung ist nun aber nicht ein vielleicht milliardenteures Streifen- und Radweg-Erneuerungsprogramm. Notwendig wäre endlich der Mut zur Einführung einer flächendeckenden Tempo-30-Zone in der Stadt. Lärm, Abgase, Feinstaub, schwere Unfälle - alles würde reduziert, wie Studien belegen. Radfahrer könnten überall die Straßen mitbenutzen, weil die Geschwindigkeiten ähnlich wie die der Autofahrer sind.

Doch für eine solche gute Verkehrspolitik gibt es noch nicht einmal Ansätze. Möglicherweise ist die Hansestadt deshalb auch zu einer Art Hauptstadt einer Gegenbewegung geworden. Einmal im Monat verabreden sich Radfahrer in großen Städten über das Internet zum Radeln in großer Anzahl, um die Straßen einmal für Räder zu okkupieren. "Critical Mass", kritische Masse, heißt diese schon internationale Bewegung, die sich zunutze macht, dass Radlerpulks ab 15 Personen die Fahrbahn sogar benutzen müssen. Gut 2000 Teilnehmer wurden beim letzten Mal in Hamburg registriert, stellte selbst die "Süddeutsche Zeitung" fest. Nirgendwo gibt es mehr. Offensichtlich ist der Leidensdruck in Hamburg besonders groß. Das Motto dieser Demonstration, die keine Demonstration sein will, bringt den Wunsch der Alltagsradler dann auch auf den Punkt: "Wir behindern nicht den Verkehr, wir sind der Verkehr."